Druckschrift 
T. 1 (1915)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

Wohl unter dem Einfluß dieses bedeutendsten Grammatikers des 18. Jahrhunderts wendet sich auch Schlett(1799) gegen ein Anknüpfen an deutsche Laute. Auf S. 1 sagt er in seiner Grammatik:Einige Sprachlehrer kamen auf den Gedanken, die Töne durch Buchstaben aus- drücken zu wollen. Sie sagten z. B. das französische ai oder ois wird ausgesprochen wie das deutsche ä, das& wie sch. Jedem, der nur nicht ganz harte Ohren hat, wird das Lächerliche und Falsche dieser Art bald auffallen. Schlett betont(S. 21) nicht nur:lautet viel leiser als ein deutsches sche vor, i, sondern gibt auch Beispiele von Ausspracheunterschieden, die zeigen, daß er schon recht scharf zugehört hat. So sagt er S. 3:z lautet im Französischen viel schärfer und heller als im Deutschen. Karl, so wie es ein Deutscher ohne Affectation ausspricht, und Charles von einem Franzosen gesprochen, welch ein Unterschied im Tone! Oder S. 17

heißt es:C hat eine doppelte Aussprache. Es lautet wie ½, doch ohne dem Nachhall ¼, der sich im Deutschen hören läßt, und kurz und scharf vor a, o, u.

Innerlich verwandt mit dem in diesem Abschnitt geschilderten Verfahren ist das ebenfalls seit den Anfängen des französischen Unterrichts übliche Transkribieren der fremden Laute durch Zeichen der lateinischen oder deutschen Sprache, denn auch das ist im Grunde ein Vergleichen mit den Lauten einer dem Lernenden bekannten Sprache. Von dieser Methode wird in einem besonderen Kapitel ausführlich die Rede sein; auch werden wir dort an Beispielen zeigen, wie man zunächst nur die Aussprache einzelner Laute und Silben, allmählich aber ganze Wörter, Sätze und Uebungsstücke mit deutschen und lateinischen Lettern umschrieb und diese Trans- kriptionen zu verbessern suchte. Mit Rücksicht auf den uns zu Gebote stehenden Raum schließen wir jetzt ein kleineres Kapitel an, in dem wir auf ein anderes Verfahren eingehen werden, die französischen Laute auf schriftlichem Wege zu verdeutlichen.

2. Anweisungen über die Hervorbringung der Laute.

Schon im lateinischen Unterricht muß es üblich gewesen sein, die Hervorbringung der fremden Laute zu beschreiben. So sagt z. B. Desiderius Erasmus in seinem De recta Latini Graecigue sermonis pronuntiatione Dialogus(o. O. 1528) auf S. 92 über den Laut a: A, diducto largiter ore profertur, lingua recta suspensa, hoc est, nec ad palatum superius afflexa, nec in latus dentin uallum impacta, nec in latus dentii illisa, nec inter dentium hiatum inserta, uoxgue prodit er arteria profundiore, feriens superius palatunm.

Was uns vielleicht sonderbar erscheinen mag, daß sich die neusprachliche Methode in ihren Anfängen durchweg an den Lateinunterricht anschloß¹), war nur eine ganz natürliche Folge des Umstandes, daß die lateinische Sprache durch das ganze Mittelalter hindurch noch eine lebende Sprache war und sich wie eine solche den jeweiligen Bedürfnissen der Gesellschaft, deren Denken und Empfinden anpaßte. So wurden auch in die lateinischen Grammatiken stets die jeweilig neuen Wörter, Formen und Konstruktionen aufgenommen. Geflissentlich stellten die Grammatiker schon seit Priscian den modernen Sprachgebrauch dem alten entgegen ²).

¹) Vgl. Streuber a. a. O. 81/82. Vgl. auch meinen Aufsatz in den Veueren Sprachen XXII, 457, 460, 581 u. 582. ²) Vgl. Dietrich Reichling, S. VI der Einleitung zu der kritisch-exegetischen Ausgabe des Doctrinale des Alexander de Villa-Dei.(¶Monumenta Germaniae Paedagogica, Bd. XII). Berlin 1893.