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T. 1 (1915)
Entstehung
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haft beherrschte, war sich dieses Unterschiedes in der Artikulation wohl nicht bewußt. Immerhin aber hält er es für nötig, seine Vergleiche mit deutschen Lauten durch ein hinzugefügtesbei- nahe einzuschränken.

Aehnlich wie Roux ¹) warnt Greiffenhahn(6. Aufl. seiner Grammalica Literatorum, 1749, 8. 16) vor dem Uebertragen einer falschen provinziellen Aussprache:B wird ausgesprochen Wie es die Niedersächs. Teutschen aussprechen, nemlich so, daß man den äussersten Teil der Lippen gelinde comprimire, doch bh nicht mit dem Teutschen confundire. Welche Nachteile das stillschweigende Anlehnen an dialektische Eigentümlichkeiten haben konnte, zeigt folgendes Beispiel. Setau spricht S. 22 seinerFranz. SDrachlehre für die Deutschen(1787) von dem sanften deutschen s in Wörtern wie sehen, Nase u. dgl. Für ihn, der vielleicht von Geburt Norddeutscher war seine Grammatik erschien in Danzig bestand freilich kein Unterschied, aber Süddeutsche wurden durch derartige Regeln leicht irregeführt.

Gerade bei den Grammatikern des 18. Jahrhunderts können wir immer häufiger beobachten, daß sie auf deutsche Dialektaussprachen Rücksicht nehmen. So läßt Ohm(1795) das französische & vor a, o, u,wie ein gelindes ½ sprechen. Den Vergleich mit deutschem& weist er zurück, weil viele Deutsche das wie ein gelindes-h aussprechen und deshalbchott, char, chut sprächen. ²)

Daulnoy(1797) bezeichnet französisches vor a,, u ebenfalls als gelindes A, und& vor, i als gelindes schᷣ. Er bemerkt aber dazu:Keine bessere Aussprache können wir angeben: wer aber einen gebohrnen Franzosen sprechen gehört hat, wird sich von selbst überzeugen, daß zwischen dieser und der französischen Aussprache noch ein ÜUnterschied ist. Daulnoy zieht sogar Fremdwörter zum Vergleich heran, ohne dadurch aber dem Schüler die Aufgabe zu ver- einfachen. Wenn man Wörter wie Genie, logiren gut aussprechen könne, dann habe man die ächte Aussprache; ebenso, wenn man von dem deutschen& vor a, o, udie harte und aus der Kehle kommende Aussprache wegnehme. Dieser Grammatiker ist sich also ebenfalls der Mangel- haftigkeit der sich ans Deutsche anlehnenden Aussprachemethode bewußt und warnt auch vor der Anwendung einer provinziellen Aussprache(z. B. Kenig für König, fri für früh), weil man sonst mit den Zeichen ö und é einen falschen Laut verbinde.

Gegen das Vergleichen französischer Laute mit deutschen wendet sich De la Veaux in seinen Vrais Princihes(1785):Ein großer Fehler aller bisherigen Franz. Sprachlehren für die Teutschen liegt darin, daß sie die Töne der Franz. Sprache schlechterdings mit den Tönen der Teutschen Sprache übereinstimmig machen wollen, und daß sie lehren, jene wie diese auszu- sprechen. Eine ganz untaugliche Methode! Sie ist schuld, daß niemand, der ihr folgt, gut aus- sprechen lernt. Auch gedenkt De la Veaux der Schwierigkeiten, die sich für dieses Verfahren aus den dialektischen Verschiedenheiten der deutschen Sprache ergeben. Er fährt fort:Freilich ist der Unterschied zwischen dem 7 der Franzosen und dem à der Teutschen nicht groß, allein in der Art beyde auszusprechen, giebt es einen Unterschied. Der Teutsche spricht mehr mit der Kehle ³), der Franzose mehr mit dem Munde, und ist auch dieser Unterschied in gewissen Ländern Teutschlands nicht vorhanden, so wird er doch in vielen anderen merklich, wo man verschiedene Aussprache hat. Wir wollen uns einer solchen Methode zu bedienen wohl in Acht nehmen, und nur sagen: Das einzige Mittel, gute Aussprache zu erlernen besteht darin, einen guten Lehr- meister anzunehmen.

¹) S. 17 dieser Abhandlung. ²) Auch Mauvillon(1754) warnt vor gewissen französischen wie deutschen Dialektaussprachen. ³) Vgl. S. 9, Anm. 1 dieser Abhandlung.