Beilage zum Jahres-Bericht der Großherzoglichen Liebigs-Oberrealschule zu Darmstadt. Ostern 1915.
R. S,hf⸗
Dr. Albert Streuber,
Die Aussprache und Orthographie im französischen Unterricht in Deutschland während des 16. bis 18. Jahrhunderts.
l. Teil. der Oberrsälschule — diessen
I. Die Ansichten der Grammatiker über Wesen und Aufgabe des Aus- sprache-Unterrichts im allgemeinen.
Das erste, was wir einem Schüler, der eine moderne Fremdsprache erlernen will, beibringen müssen, ist die Aussprache. Auf ihr baut sich schon im französischen Unterricht des 16. bis 18. Jahrhunderts jede weitere Unterweisung auf. Auch glaubten viele Grammatiker, daß von der vollkommenen Beherrschung der Aussprache die besondere Schönheit und Eleganz der französischen Sprache abhänge. So heißt es z. B. in der Darstellung, die der im Jahre 1722 von der Universität Gießen als Sprachmeister bestellte cand. theol. G. Marius auf Aufforderung der Universität von seiner Unterrichtsmethode gibt: NM faut former premierement son disciple à une prononciation juste et qui soit françoise. Car de la dépend la beauté de nötre langue....')
Wenn man auch vielleicht dem Ausspracheunterricht nicht immer die Bedeutung beigemessen und die Aufmerksamkeit geschenkt hat, die ihm gebührt, so muß man doch anerkennen, daß die meisten Grammatiker von jeher großen Nachdruck auf die richtige Einübung der Aussprache ge- legt haben, da diese eine wesentliche Bedingung für die leichte und rasche gegenseitige Ver- ständigung bildet. Gerade zu diesem Zwecke lernte man in den früheren Jahrhunderten die französische Sprache in erster Linie.
Grammatiker, die die Aussprache in ihren Lehrbüchern nicht behandelten, sind ganz selten. Nicht gedacht wird der Aussprache in der von einem unbekannten Verfasser(Jean le Clerqꝰ*) kompilierten„Allg. Vrachlehr: Nach der Lehrart Kalichii“(1619), bei Cugninus(1631) und
¹) Vgl. Behrens a. a. O. 334. ²) Vgl. Dorfeld in Reins Handbuchs III, 5.
1915. No. 935.


