Druckschrift 
T. 1 (1915)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

grini paucissimas esse longas Syllabas in Vrancica lingua, prae innumerabili breuium multitädine (S. 75)) Auch heute noch kann man beobachten, wie unsere Schüler die französischen Wörter, hauptsächlich die Endsilben in die Länge ziehen. Das liegt aber tief in dem Wesen der deutschen Sprache begründet; man denke nur daran, wie die Volksaussprache in Fremd- und Lehnwörtern die Endsilben gelängt hat, z. B. in Wörtern wie Journal, General, Kapital, Spektakel, Staket, Pirat, Marmelade, Promenade u. dergl.

Bernhard(1607) dürfte die oben erwähnten Ausführungen Bezas gekannt haben, denn ganz ähnlich wie dieser charakterisiert er die französische Aussprache.²) Auch ermahnt er wie Beza die Deutschen, auf eine fließende Aussprache bedacht zu sein: Germanis autem hbrae caeteris nakionibus fugienda est tarditas illa, quã vocem in omnibus fere dictionibus sistere, et intervalla guasi inserere consueverunt.

Viele Grammatiker unterscheiden zwischen der Sprache und Aussprache in der Unterhaltung und der mehr gehobenen Ausdrucksweise beim Lesen, hauptsächlich poetischer Stoffe. So hat Rädlein(1729) seine Ausspracheregeln nicht nach der in Reden und beim Vortrag von Versen üblichen Aussprache gerichtet, sondern wie der eben genannte Schatz nach der gebildeten Um- gangssprache. Wenn man jemand in der Konversation unterweise, dürfe man ihn nicht dieselbe Aussprache lehren wie beim Lesen. Auchdes gemeinen Pöbels Aussprach soll man wegen des Commercü verstehen lernen, solche aber durchaus nicht nachahmen(S. 12). Raädlein weist des- halb auch bei der Lektüre von Komödien des Terenz oder Molières darauf hin, daß der Dichter manche Personen absichtlich im Dialekt reden läßt:Darbey auch den Characterem der Personen in acht zu nehmen hat, als welche nicht alle gut Französisch reden, als wenn z. E. ein Bauer, Schweitzer oder Gascogner redend eingeführt wird.³)

Während Mauvillon(1754), Parrot(1763), Demengeon(1791)) u. a. die familiäre Um- gangsaussprache von der Aussprache in der Poesie trennen, unterscheidet die Grammaire raisonnée (1762) sogar dreierlei Aussprachen: LZa première est pour le discours familiers et la prose commune, la seconde pour les vers, et la troisiéme pour le discours soutenu, o'est-adire guand on parle en public. Oder Schlett(1799) äußert sich gelegentlich der Bindung(S. 40) darüber:Die richtige Ver- bindung der Consonanten zu Ende eines Wortes mit einem künftigen, das mit einem Vocal anfängt, ist vielen Schwierigkeiten unterworfen. Anders verhält sich die Sache in der gewöhn- lichen Rede, in dem freundschaftlichen Umgange, ganz anders in öffentlichen Reden, auf der Kanzel, bey der theatralischen Deklamation, bey Lesung der Verse. Man hat so zu sagen eine eigne Sprache für den Umgang, eine eigne für die erhabnere Deklamation.

Auch De la Veaux(1785) bemerkt gerade im Hinblick auf die Bindung(S. 25):Dies ist eine unumgänglich zu beobachtende Regel, wenn man Verse und höhere Prosa lieset. Lächerlich und pedantisch wäre es, diese Regel stets in der Konversation zu beobachten, zumahl wenn die- selben Mitlaute zu verschiedenen mahlen aufeinander folgen.

Alle diese letztgenannten Grammatiken sind in Deutschland erschienen. Aus den angeführten Beispielen sehen wir, daß man es auch bei uns für nötig hielt, auf diese Unterschiede der Aus-

¹) Palsgrave meinte, daß alle franz. Silben von Natur aus kurz seien, daß Dehnung nur am Ende des Satzes unter Einfluß des Akzentes eintreten könnte. Vgl. das Zitat bei Lange a. a. O. 10.

²) Vgl. S. 7 dieser Abhandlung.

3) Schon H. Estienne weist in der Vorrede seiner Wbomneses auf die Bedeutung der Dialekte hin, die die Sprache schmückten und bereicherten(an ornament et une richesse). In seiner Précellence empfiehlt er sie den Dichtern, à ceuæ mesmement gui escrivent en prose. Clément a. a. O. 383.

*) Er unterscheidet z. B. Sassion und Hass/on.