Druckschrift 
T. 1 (1915)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

man ein Kauderwelsch spricht, welche Leute von Stande gar nicht verstehen, und welches die- jenigen, die keine andere Mundart kennen, in die letzte Klasse der Gesellschaft zurückwirft.

Durch solche Lehrer gebildet, bekommen die Kinder einen unerträglichen Accent, eine lächerliche Aussprache, niedrige und widerwärtige Ausdrücke, und diese Fehler wurzeln durch die Gewohnheit so sehr bey ihnen ein, daß öfters viele Jahre nicht hinreichend sind, sie zu schwächen, und daß es beinahe unmöglich ist, sie ganz auszurotten.

Wenn man junge Leute nicht in das Land schicken kann, dessen Sprache sie lernen sollen, so bleibt kein anderes Mittel übrig, als ihnen gute Lehrer zu geben. Diese Lehrer müssen aus dem Volke selbst genommen seyn, dessen Sprache man lernen will, oder sie müssen wenigstens lange genug unter demselben gelebt haben, und zwar in einem Alter, wo ihre Organen noch Biegsamkeit genug hatten, um sich nach der guten Aussprache zu bilden.)

Auch Besel(1701) rät, man solle sich als Sprachmeister, wenn möglich, einen geborenen Franzosen suchen. Doch müsse man in der Wahl desselben vorsichtig sein, da viele dieser Maitres nicht gut aussprächen und auch, da sie nicht studiert hätten, von einer richtigen Methode nichts verstünden. Ebenso hält Haaß(1730) von dem ÜUnterricht der französischen Gouver- nanten, gerade ihrer Aussprache wegen, nicht viel. ²)

Setau(1781) zieht deutsche Sprachlehrer, die die französische Sprache gründlich studiert haben, den Franzosen vor. Seine Gründe dafür sind folgende: Die Leichtigkeit, sich wie ein Franzose auszudrücken, erlange der Deutsche doch niemals, wenigstens nicht durch seinen franzésischen Sprachmeister, sondern höchstens annähernd durch einen längeren Aufenthalt in Frankreich. Als positiven Grund macht er noch geltend, daß die Franzosen andererseits die deutsche Sprache nicht vollkommen beherrschten, meist sogar kaum verstünden und so dem Anfänger, der kein Wort Französisch verstehe, keinen ordentlichen Vortrag halten könnten. Er hält es für notwendig, daß der Lehrer die Sprache, in der er lehrt, von der Mutter erlernt habe.

Gerade bei der Unterweisung in der Aussprache spielt das Vorbild des Lehrers eine Haupt- rolle. So sagt Mme. la Roche in ihrer Noiwvelle méthode(23. Aufl. 1754), das Wichtigste sei die Uebung und das Geschick des Lehrers, wie sie überhaupt dem usus die erste Stelle im Unterricht einräumt. ³)

Vor allem kam es natürlich auf einen geschickten Lehrer an, wenn man wie De la Veaux (1785 ff)*) oder Schweighäußer(1789) den Sprachunterricht völlig induktiv begann. Letzterer behandelt in dem 1. Teil seiner Grammatik die Aussprache, Rechtschreibung, die Pronomina, Adverbien usw. überhaupt nicht, weil dies alles am besten durch Lesen und Sprechen erlernt werde. Mag der Lehrer die Sprache noch so gut beherrschen, bedenklich bleibt es jedenfalls, daß Schweighäußer für den Anfang keinerlei Anweisungen gab, sondern alles der Uebung und dem Geschick des Lehrers überließ.¹)

Wir zeigten oben, daß schon in den ältesten Anleitungsschriften zur Erlernung der franzõ- sischen Sprache auf die Aussprache hingewiesen wird. Besonderen Nachdruck darauf legte auch

¹) Daß viele Sprachmeister nicht einmal orthographisch richtig schreiben konnten, darüber beklagt sich u. a. Mme. la Roche. Vgl. Lehmann a. a. O. 22 und Boerner u. Stiehler a. a. O. 398.

²) In dem praktischen Teil seiner Grammatik behandelt er die Aussprache sehr ausführlich. Als Hauptregel stellt er auf:daß man ein jedes Wort deutlich, rein und ungezwungen aussprechen, und die harten Buchstaben von denen weichen.... wohl unterscheiden lerne(S. 254).

3) Vgl. Streuber a. a. O. 77, 78 und 112.

4) Vgl. Streuber a. a. O. 122 ff. Von De la Veaux wird spaâter noch ausführlicher die Rede sein.

5) Ich verweise auf die in dem I. Band meinerBeitzäget(S. 125) zitierte Stelle.