Druckschrift 
T. 1 (1915)
Entstehung
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Den Grundsatz, daß wenigstens der Ausspracheunterricht und alles, was mit der Uebung zusammenhängt, einem Franzosen anvertraut werden müsse, die Unterweisung in der Grammatik dagegen einem Gelehrten überlassen bleiben solle, finden wir bei J. J. Meynier(1775) vertreten. Den Einwand, daß die meisten französischen Sprachmeister nicht studiert hätten, nichts von Regeln wüßten undfolglich alles ex usu dociren müßten, hält er für berechtigt. Sicherlich wären an jeder Lateinschule Leute aufzutreiben, die besser imstande seien, grammatische Regeln zu lehren,

als die französischen Sprachmeister; diesen dagegen solle es vorbehalten bleiben,für die Reinig- keit der Aussprache und des Styls zu sorgen.

Dieselbe Zweiteilung finden wir seit 1698 in Franckes Pädagogium für den französischen Unter- richt durchgeführt, wo die vier informatores ordinarii den theoretischen Teil des fremdsprachlichen Unterrichts übernahmen, während dem fremden Sprachmeister die praktische Unterweisung zufiel.)

Die Ansicht, daß der Sprachmeister ein geborener Franzose sein müsse, wird z. B. von Roux in seinem 1711 erschienenen Noum lumen vertreten. In der Vorrede sagt der Verfasser, der Sprachlehrer müsse die französische Sprache von der Wiege an kennen, eine angenehme Stimme besitzen und stets auf alle Schönheiten und Schwierigkeiten seiner Sprache geachtet haben.

Debonale polemisiert als Franzose auf S. 280 seinerNeuen frans. GCrammatik(1797) gegen die von seinem Gegner Meidinger und dessen Anhängern vertretene Ansicht, als ob Deutsche zum Unterrichten in der französischen Sprache geschickter seien als er und seine Lands leute: Les Maatres-a'école sont de bonnes gens, mais ils ont une opinion fort singuliére. IIs pensent, écrivenl, soutiennent envens el contre tous, gu'un Allemand est infinement plus en äötat gu'un Frangois de France, a'enseigner la Langue Lrangoise. Aussi dans la plupart des Ecoles ne voit-on gue des Meidinger pour Maitres de langue ou Enseigneurs de Francçois.

Un de ces Messieurs, nommé Hermann, dans un éloge gu'il fait de son Ecole, Sexprime ainsi: Im Französischen erhalten die Zöglinge Uebungen im Verstehen der Schriftsteller, im Schreiben und Sprechen. Was Lectüre und Schreiben, besonders grammatische Uebungen betrifft, so erteile ich den Unterricht darüber selbst. Selten hat der französische Sprachmeister diejenigen Kennt- nisse, die zum durchaus richtigen Verständnis eines Buches gehören; oft eben so wenig die grammatikalischen Kenntnisse, die zum gründlichen Unterricht eines Deutschen in dieser Sprache schlechterdings unentbehrlich sind; und noch seltener eine gute genaue Kenntniss der deutschen Sprache, ohne welche der Unterricht nicht anders als elend ausfallen kann und muß. ²)

Tel est le langage de la plubart de ces Messieurs, gui sont et ne peuvent étre que des Meidinger, guant à U'enseignement de la Langue françoise. Mit ähnlichen Worten wendet sich Debonale an dieser Stelle noch gegen einen anderen, nicht mit Namen genannten deutschen Sprachlehrer.

Wenn der streitsüchtige Debonale seinen Gegnern die Tiefe ihres Bildungsstandes dadurch beweisen möchte, daß er behauptet, er kenne einen Deutschen, der französischen Unterricht gebe und der sein Französisch als Kammerdiener erlernt habe, so hören wir andererseits von einem einsichtsvollen Methodiker wie De la Veaux(1787), daß auch völlig ungebildete und unfähige Franzosen zum Schaden der Kinder mit fremdsprachlichem Unterricht betraut würden:Das schlimmste, jedoch sehr gewöhnliche Mittel ist dieses, den Kindern Dienstboten oder andere Leute ohne Erziehung zu geben, die aus dem Pöbel derjenigen Provinzen genommen sind, wo

¹) Vgl. Boerner u. Stiehler a. a. O. 396.

²) Hermann(vgl. Stengels Verzeichnis Nr. 551) überläßt also, wie das vielfach geschah, nur das Sprechen, die Konversation dem französischen Sprachmeister, allenfalls vielleicht noch, wovon hier nicht weiter die Rede ist, die Unterweisung in der Aussprache.