Teil eines Werkes 
Zweiter Band (1813)
Entstehung
Seite
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Vor dem Gegenſtande dieſer Liebe ging der erwachen⸗ de Geſchlechtstrieb gleich bei ſeiner erſten Regung begehrungslos voruͤber. Was ihm gleich anfangs heilig war, reizt auch nachher die Begierde nicht mehr.

Das verſchwaͤgerte Individuum iſt nicht in dem Familienverein geboren, ſondern wird darin auf⸗ genommen. Es hat keine urſpruͤngliche, ſondern abgeleitete Anſpruͤche auf diejenige Familienliebe und Achtung, welche die Geſchlechtsliebe unterdruͤckt. Um des Vaters willen ehrt der Sohn die Stiefmut⸗ ter, um des Sohns willen betrachtet der Vater die zugebrachte Tochter als ſeine eigene.

Perſonen, auf welche vor der Verſchwaͤgerung die Begehrungen des Geſchlechtstriebes geheftet wer⸗ den konnten, werden nach bloßen anthropologiſchen Gefuͤhlen durch die Verſchwaͤgerung nicht plotzlich geweiht. Die Forderung der Sitten iſt hier die naͤmliche, aber keine gleiche Triebfeder im Innern des Herzens verbuͤrgt ihre Erfuͤllung. Das Abgelei⸗ tete iſt nicht ſo ſtark, wie das Urſpruͤngliche, und gleichſam durch die Erziehung anthropologiſch Ange⸗ borne. Hatte ſich nie der Einbildung des Sohns die angeborne Mutter, oder der Einbildung des Bru⸗ ders die angeborne Schweſter nie im Zauber der Ge⸗ ſchlechtsreitze dargeſtellt, ſo kann die Macht der Er⸗ ziehung ſich bei der gegebenen Mutter und Schweſter nicht eben ſo aͤußern. Den Widerſpruch zwiſchen angebornem Geſchlechtstrieb und einer blos uͤbertra⸗ genen Familienliebe muß ein aͤußerer Geſetzgeber ent⸗ ſcheiden.

Das Eheverbot oder die unterſagte Befriedi⸗ gung des Geſchlechtstriebs zwiſchen verſchwaͤgerten Perſonen nimmt daher einen weit poſitivern Cha⸗ rakter an.

Rur entſteht hier wieder die Frage: iſt der