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So ſinden wir es bei allen gebildeten Voͤlkern, uberall wenigſtens, wo es eine Familien⸗Erziehung und ein haͤusliches Leben gibt. In dieſem Glauben haben unſere Väter gelebt. Ihm verdankten ſie die Reinheit der Si.ten, die Keuſchheit der Weiber, die Kraft der Maͤnner.
Umſonſt ſagen die Geſetz⸗Interpreten, die Will⸗ kuͤhr des Geſetzgebers habe die Ehe in abſteigender Llinie und unter Geſchwiſtern verboten, damit die Vertraulichkeit des Beiſammenlebens nicht die Sit⸗ ten untergrabe. Sie verwechſeln Urſache und Wir⸗ kung.
Die Natur ſelbſt hat die Scheidelinie zwiſchen der Familien- und Geſchlechtsliebe gezogen. Sie hat jene von dieſer gereinigt, und durch eine geheim⸗ nißvolle Weihe, welche ſich in Gefuͤhlen ankuͤndigt, und keiner raiſonnirten Darſtellung faͤhig iſt, die Fa⸗ milienliebe gegen den Einfluß der Geſchlechtsliebe ge⸗ ſchuͤtzt.
Das Geſetz uͤber verbotene Grade hat blos die Natur aufgefaßt; es hat das Sittlichreligioſe ausge⸗ ſprochen und kennt keine andere Quelle. Wir ver⸗ falſchen ſeinen Charakter, wenn wir das Nothwen⸗ dige mit dem Willkuͤhrlichen verwechſeln und fuͤr po⸗ litiſche Erfindung, fuͤr Reaktion des buͤrgerlichen Zwangs erklaͤren, was die Ratur dem civiliſirten Menſchen in dem Augenblick auferlegen mußte, in welchem ſie ſeine Sitten der haͤuslichen Erziehung, der Pflege ſeiner Eltern, der Liebe ſeiner Geſchwiſter uͤbergab.
Die Familienliebe unter blutsverwandten Perſo⸗ nen in abſteigender und aufſteigender Linie, ſchoͤpft nicht ganz mit der Familienliebe unter Verſchwaͤger⸗ ten aus gleicher Quelle.
Zwiſchen Perſonen, die von zarter Kindheit an, im haͤuslichen Verein gelebt haben, verliert ſich der Urſprung der Familienliebe in den erſten Eindruͤcken.


