Teil eines Werkes 
Zweiter Band (1813)
Entstehung
Seite
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Iſt der Staat, wie man in neuern Zeiten oft geſagt, aber vielleicht nicht tief genug empfunden hat, kein bloßes metaphyſiſches Rechts⸗Inſtitut, iſt er die Bedingung der Entwickelung und des Schutzes al⸗ ler Humanitaͤt, ſo gibt es fuͤr ihn nichts Hoͤheres und Heiligeres als der Familienverein.

Er hat ihn nicht geſtiftét, ſondern iſt vielmehr ſelbſt von den zu einer hoͤhern Potenz vereinigten Fa⸗ milien gebildet worden. Das Familiengeſetz iſt da⸗ her aͤlter und hoͤher als das Staats⸗ und buͤrgerliche. Es iſt auch eigentlich nicht Geſetz, ſondern Sitte (mos). Die Sanktion deſſelben beruht nicht auf auf äͤußerm Zwang, ſondern auf Gefuͤhl und Glauben.

Die Familienſitte oder der Familiengeiſt knuͤpft das zarte und feſte Band der Ehrfurcht und biebe zwiſchen Eltern, Kindern und Geſchwiſtern. Der Familiengeiſt feſſelt die Familienmitglieder aneinan⸗ der und durch ſie an die ganze Menſchheit. Er be⸗ ſiehlt elterliche und kindliche Pflichten als aͤußere Haͤndlungen und gleicht hierin dem buͤrgerlichen Ge⸗ ſetz. Weil aber der Gehorchende den Urheber des Geſeßes nicht zu nennen weiß, weil er ſeine noͤthi⸗ gende Macht fuhlt, aber nicht ſieht, ſo traͤgt ein Be⸗ duͤrfniß des Gemuͤths ihn in eine uͤberſinnliche Re⸗ gion. Die Gebote der elterlichen, kindlichen und ge⸗ ſchwiſterlichen Liebe erſcheinen als religidſe Gebote.

Dem erwachenden Geſchlechtstrieb geſellt die Sitte die Schaamhaftigkeit zur Seite. Sie bewahrt die elterliche und Geſchwiſterliebe vor der Einmiſchung ſinnlicher Taͤuſchungen; ſie ſchuͤtzt die Genoſſen des Familienbundes gegen Begehrungen, welche nur auſ⸗ ſerhalb ſeinem Kreiſe Befriedigung ſuchen. Da alle Familiengefuͤhle, ſobald ſie ein practiſches Handeln oder Nichthandeln gebieten, einen geheimnißvollen, uberſinnlichen Charakter annehmen, ſo erſcheint auch der Inceſt als religioſes Verbrechen.