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Bei der officiellen Darlegung der Gruͤnde des Geſetzes iſt zwar behauptet worden, die indispenſa⸗ belen Grade der Verwandſchaft gehoͤrten der Ratur, die dispenſabeln gehoͤrten dem poſitiven Recht an. Aber auf welcher Baſis beruht dieſe Diſtinction? Wird nicht das Natur— oder beſſer das natuͤrliche Recht erſt durch den Ausſpruch des Geſetzgebers poſi⸗ tives und gilt nur in dieſer Eigenſchaft? Muß nicht jedes poſitive ein moͤgliches naturliches Recht ſeyn?
Darf ich es freimuͤhig ſagen, ſo haben Frank⸗
reichs Geſetzgeber hier unter Phraſen eine natur⸗ widrige Verfuͤgung verhuͤllt; die rein buͤrgerliche Ehe konnte freilich nicht anders konſequent durchgefuͤhrt werden. Aber Konſequenz iſt oft nur Haltung des Jrrthums. Sie verwandelt ihn nicht in Wahr⸗ heit. Nach meiner Anſicht hat die bisherige Geſetzge⸗ hung mit Recht die zu nahen Grade der Verwand⸗ ſchaft als religisſe Hinderniſſe der Ehe betrachtet, nur vielleicht weniger mit Recht abſolute verwand⸗ ſchaftliche Hinderniſſe(impedimenta juris divini) und nicht abſolute oder dispenſable Hinderniſſe(im- pedimenta juris ecclesiastici) getrennt; und dort die Che fuͤr ein religidſes Verbrechen,— Inceſt— hier blos fur eine Unſchicklichkeit und Unanſtaͤndigkeit erklärt.
Ich fuͤhre den Beweiß nicht aus der Bibel, ſondern aus der menſchlichen Natur und den Beduͤrf⸗ niſſen der Sitten. Die chriſtliche Religion iſt nur ihr Spiegel und Interpret.
Alle menſchliche Bildung entwickelt ſich im Schoos der Familie. Als empfindendes und verſtaͤn⸗ diges Weſen wird der Menſch nicht phyſiſch geboren, ſondern moraliſch erzogen. Dieſe Erziehung empfaͤngt er nicht von der Geſellſchaft, nicht vom Staat, oder von der ihn umgebenden todten Natur, ſondern von ſeinen Erzengern.


