Teil eines Werkes 
Zweiter Band (1813)
Entstehung
Seite
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Bei der Ankuͤndigung der Ehe von Seiten der Gattin, erklaͤrt ſie ihren Willen, aus dem Schoos der Familie, in welcher ſie gebohren und erzogen wur⸗ de, auszutreten und ihr ganzes Daſeyn an eine neue Familie anzuknuͤpfen.

Sie uͤbergibt ihre Zukunft dem Mann ihrer biebe, und erklaͤrt ſich fuͤr die Theilnehmerin ſeiner Schickſale, ſeiner Leiden und Freuden.

Sie erklaͤrt ſich fuͤr die Gefaͤhrtin ſeines Lebens im hoͤchſten Sinne des Worts; ſie uͤbergibt ſich ſei⸗ ner Leitung und uͤbernimmt ſeine Pflege. Sie erklaͤrt, daß ſie dies alles aus liebe thue, und ihm dieſe Liebe bis in den Tod treu bewahren wolle.

Dies ſind keine aͤſthetiſchen Phraſen; es iſt der weſentliche und wahre Inhalt des ehelichen Ver⸗ ſprechens.

Der Mann ſagt dagegen der Gattin biebe, Treue und Schutz zu. Er nimmt ſie zur Genoſſin ſeines Ramens und ſeines Standes auf, er verheißt den Kindern, die ſie ihm ſchenken wird, Erziehung; er theilt mit ihr auch ſeine Exiſtenz.

Die wechſelſeitigen Zuſagen gehen nicht aus dem rechtlichen Willen, aus der klug berechnenden Sinnlichkeit hervor, welche Vertraͤge uͤber Mein und Dein ſchließt. Ihre Quelle iſt das Hoͤchſte und Heiligſte im Menſchen das Gemuͤth.

Sie knuͤpfen das Sinnliche an das Ueberſinnli⸗ che, die Gegenwart an die Zukunft, und fuͤllen den unermeßlichen Raum, der das aͤußere Recht von der innern Sittlichkeit ſcheidet.

Wer in der Eingehung der Ehe einen gemeinen juriſtiſchen Vertrag und weiter nichts zu finden weiß, i fuͤr das rein und wahrhaft Menſchliche keinen

inn.

Durch den juriſtiſchen Vertrag ſucht der Pacis⸗ cent mehr Eigenthum zu erwerben, als er opfert: das Erworbene hat fuͤr ſeine ſinnlichen Zwecke einen