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und Republiken gab. Aber es waͤre noch ſchlimmer, wenn die europäiſche Staaten aufhoͤren ſollten, chriſt⸗ liche Staaten zu ſeyn, und wenn die chriſtliche Kir⸗ che in die bedeutungsloſe Wuͤrkungsſphaͤre geduldeter Geſellſchaften und Innungen zuruͤck verwieſen wer⸗ den ſollte.
Iſt hiernach der keiner poſitiven Religion ange⸗ hoͤrende Staat ſo wenig naturgemaͤß, daß umge⸗ kehrt der Staat erſt durch die Kirche ſeine gnthropolo⸗ giſche Weihe empfaͤngt, ſo liegt in den Poſtulaten einer gelaͤuterten Staatsverfaſſung kein Grund, die Ehe ihres aͤußeren religioͤſen Charaeters zu berauben.
II. Rur die Frage kann zweifelhaft bleiben, ob und in wie fern die Ehe ſelbſt, der Natur nach dem religid⸗ ſen Glauben oder dem buͤrgerlichen Geſetz angehoͤre.
Ueber die Ehe hat ſich die poſitive Jurisprudenz und das ſogenannte Naturrecht oder die Rechtsmeta⸗ phyſik hinreichend ausgeſprochen. Beide haben dem Geſetzgeber nicht viel mehr zu ſagen. Die poſitive Jurisprudenz ſteht unter, die Rechtsmetaphyſik uͤber dem Geſetz. Jene ſteht zu tief, dieſe zu hoch, als daß eine Geſetzgebungsphiloſophie fuͤr das Leben lichtpuncte darinn finden koͤnnte.
Von einer Seite hat man die Ehe weniger unterſucht. Ich meine die anthropologiſche. Sie ſcheint mir die fruchtbarſte.
Der gebildete Menſch iſt ein Produkt der Na⸗ tur und der Zeit. Hervorgegangen aus dem Schoos der Familie, fuͤhlt er ſich zur Stiftung einer neuen Familie berufen.
Ein heftiger thieriſcher Reitz beſtimmt ihn zur thieriſchen Reproduktion ſeiner Gattung, ein hoͤhe⸗ rer menſchlicher zur menſchlichen Reproduk⸗ tion derſelben. Mit andern Worten, wenn ein ro⸗ her Geſchlechtstrieb die Geſchlechter vereinigt, ſo feſ⸗ ſelt ein hoͤherer menſchlicher Ruf der beſſern Natur


