Teil eines Werkes 
Zweiter Band (1813)
Entstehung
Seite
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was er duldet, mit demjenigen, was er ſelbſt glaubt? Folgt daraus, daß er die Gewiſſensfreiheit des Ju⸗ den und Muſelmanns ehrt, daß er dem Talmud oder Koran muͤſſe gehuldigt haben?

Es iſt aber nicht genug, daß der Staat einer abſtracten Vernunft- oder Natur⸗Religion ſon⸗ dern er muß einer poſitiven, oder einer Kirche ange⸗ hoͤren. Die Trennung und Unabhaͤngigkeit der na⸗ tͤrlichen von der poſitiven Religion, iſt in der Wiſ⸗ ſenſchaft vollkommen gegruͤndet, und jene iſt fuͤr den⸗ jenigen befriedigend, der mit ihr und fuͤr ſie lebt. Aber anthropologiſch iſt ſie nicht; fuͤr den Staat hat ſie keine Bedeutung. Denn der Staat iſt kein wiſ⸗ ſenſchaftliches, geiſtiges oder metaphyſiſches, ſondern ein menſchliches und ſinnliches Inſtitut.

Auch hier ſpricht die neueſte Geſchichte durch Thatſachen, und ich moͤchte ſagen, der Weltgeiſt durch ſeinen Repraͤſentanten Napoleon. Robes⸗ pierre proklamirt das Daſeyn der Gottheit und hul⸗ digt im Namen des franzoſiſchen Volks dem Deis⸗ mus. Napoleon empfaͤngt die Weihe aus den Haͤn⸗ den des Oberhaupts der Kirche und beſchwoͤrt die Conſtitution auf dem Evangelium.

Die chriſtliche Religion iſt ſeit dem Sturz des Paganismus die Staatsreligion der Volker des geſit⸗ teten Europa's. Sie iſt ſeit anderthalb Jahrtauſen⸗ den in die Meinung, in die Verfaſſung, in die Ge⸗ ſetzggebung, in Sitten und Gebräuche aufs innigſte verwebt. Es laͤßt ſich nachweiſen, daß alle Tugen⸗ den des geſelligen Lebens, alle humane und liber ale Anſtalten der Vorzeit, ja daß das Kriegs⸗ und Voͤl⸗ ter⸗Recht geſitteter Nationen, aus ihrem Schoos hervorgegangen iſt. Die Summe des Guten, wel⸗ ches ſie verbreitet hat, uͤberwiegt bei weitem die Sum⸗ me des durch Sekten und Verfolgungsgeiſt geſtifte⸗ ten Boͤſen. Es war vielleicht nie gut, daß es katho⸗ liſche, lutheriſche, reformirte, griechiſche Koͤnigreiche