Teil eines Werkes 
Erster Band (1811)
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen

45

Was Frankreich durch die Verpflanzung r Anſicht in den Schoos der Juſtizpflege gewonnen oder verloren habe, habe ich keines⸗ wegs zu unterſuchen. Ich bin nicht zum Cen⸗ ſor der franzöſiſchen Geſezgebung berufen. Aber für mein Vaterland darf und will ich freymü⸗ thig reden. Ich muß hiernach fragen wel⸗ che Folgen die Verpflanzung der nemlichen An⸗ ſicht in die dentſche Juſtizpflege haben würde? Man har mit Recht über die Willkühr der Praxis und über den im Namen derſelben aus⸗ geübten Deſpotismus der Gerichte geklagt? Würde jene Anſicht geſezlich, ſo würde freylich die Praxis ihr Anſehn verlieren, und der geſez⸗ widrige Deſpotismus der Gerichte aufhören. Denn alle Praxis beruht auf äuſſe rer Antorität; man ſpricht ſo, weil ſo ſchon war geſprochen worden; man befolgt den Grund⸗ ſaz, weil ihn ſchon unſere Vorfahren befolgt hatten; ſubjektive Ueberzeugung weicht der ob⸗ jektiven; die autoritas rerum perpetuo simi- liter judicatarum nimt die ſubjektive Vernunft gefangen. Und dagegen war gewis in Deutſch⸗ land nichts zu erinnern, wenn nur die Prayis ſich nicht über und gegen das Geſez, über und gegen die objektive Bernunft ſelbſt zu er⸗ beben angemaaßt hätte.