Von Moritz Horſt. 453
gefragt zu werden. Sie hatte unterdeß noch manches fehlende zu ſeinem Gepäck gefügt, zuletzt legte ſie ein Papier neben ſeine kleine Umhänge⸗ taſche.„Es iſt ein Wechſel auf London,“ ſagte ſie mit gewaltſam ruhig gemachter Stimme,„du wirſt vielleicht wünſchen, nach Maſchinenwerk⸗ ſtätten und Schiffswerften noch die ſchottiſchen Seeen zu beſuchen, und du weißt, daß du Herr über jene Summe biſt.“
Der Sohn ließ ſie nicht weiter ſprechen. Daß die Mutter, an die er bei dieſer ganzen Angelegenheit ſo wenig gedacht, deren Theilnahme er kalt von ſich weiſen wollte, um die Wunde zu verbergen, die ſeinem Herzen ebenſo wie ſeinem Stolze geſchlagen, daß ſte in dem eigenen Her⸗ zen ſeinen Wunſch treu nachgefühlt, ſchon alles gethan hatte, ihm die Erfüllung zu erleichtern, das löste die Eisrinde, die ſich um ſein Herz legen wollte. Er kniete, wie einſt in ſeinen Kindertagen, auf dem Sche⸗ mel zu ihren Füßen nieder und drückte ſeinen blonden Kopf in ihren Schooß.„O Mutter, wie biſt du ſo gut— und weiſe, ſo mitleidig und ſelbſtvergeſſen!“—„Eine Mutter eben,“ entgegnete ſie ſanft und bezwang die Thränen, die in ihrer Stimme, in ihren Augen zitterten.„Möge der Himmel dieſe Prüfung deinem Herzen zum Heil gereichen laſſen— er erzieht ſich die Herzen, die er ſich auswählt.“
Albrecht hatte eine bittere Zeit hinter ſich. Naturen ſeiner Art er⸗ tragen es ſchwer, das beſte Gefühl ihres Herzens verſchwendet zu haben, aber ſie ertragen es, weil überhaupt der Menſchebeinahe alles verſchmerzen lernt, und gerade im Gefühl das höchſte für einen Augenblick erreicht zu haben, ſich der Vergänglichkeit ſolchen Beſitzes in vorahnender Wehmuth bewußt bleibt. Nicht Katharine ſelbſt war es, die er nie verſchmerzen zu können glaubte, aber das Gefühl, das er für ſie gehegt, und das er ſo ein zweitesmal nicht mehr empfinden zu können glaubte, wie der Ton einer geſprungenen Glocke ja nie ein reiner mehr ſein kann. Wie es oft zu gehen pflegt, war ihm das Glück in anderer Art günſtiger ge⸗ weſen, als er vorausſehen konnte, wohl einfach deßhalb, weil er ſich nun auf Arbeit und Erlernen warf, um das Erlebte zu vergeſſen. Seine Vorgeſetzten zeichneten ihn aus, er hatte dem Höchſten einen äußerſt gün⸗ ſtigen Eindruck gemacht, ſein ſtolz verſchloſſenes, kühl ablehnendes Weſen traf den rechten Ton in einem Lande, das den deutſchen Stammgenoſſen


