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454 Spätes Erkennen.
leicht mit Hochmuth und Selbſtüberſchätzung betrachtet; er hegte in ſeiner damaligen Stimmung keinerlei perſönliche Wünſche und vertrat einfach nur den Stand, dem er angehörte. Gerade dies imponirte und erweckte ihm größere Rückſicht, als man einem weniger unabhängigen, freundlicheren Benehmen erwieſen hätte. Nach Beendigung ſeiner Reiſe ſandte ihn ein neuer Befehl, ſtatt in die kleine Küſtenſtation, mit erhöhtem Range auf einen levantiniſchen Stationsplatz, wo ſeine Stellung einen diplomatiſchen und ſelbſtſtändigen Charakter hatte, und als er von dort mit ſeiner Cor⸗ vette abgerufen wurde, erwartete ihn ſchon ein neuer, allerdings im Vor⸗ überfahren zu erledigender Auftrag.
Schon früher hatte ein Kamerad in einem Briefe, den er ihm in die byzantiniſche Kaiſerſtadt ſchrieb, einen überraſchenden Gruß beſtellt, „von einer ſchönen Frau, einer Baronin Zehſen, die mit ihrem hübſchen, aber geiſtloſen Mann den Winter bei uns in Venedig verlebt, viel in die Welt geht, ſelbſt empfängt und alles in allem umſomehr der Mittel⸗ punkt aller Kreiſe iſt, je weniger ihr Mann berückſichtigt wird. General R. iſt ihr leidenſchaftlichſter Verehrer trotz ſeines weißen Schnurrbartes à la Haynauz er veranſtaltet Fackelſerenaden und Feuerwerke für ſie auf dem Canalazzo. Nach Dir aber erkundigte ſie ſich mit einer Wärme, die dem alten Herrn leicht bedenklich erſcheinen dürfte. Entre-nous, ich halte ſie für eine große Coquette, aber wunderſchön iſt ſie, das bleibt wahr, eine Frau, für die man viele Thorheiten begehen kann und be⸗ gehen wird, nicht Dein unanſehnlicher Freund, aber andere Leute.
„Einem Baron B., einem ſchönen, geiſtreichen, liebenswürdigen Manne hatte ſie deutliche Zeichen ihrer Gunſt gegeben, ſo daß er ihr eine ziem⸗ lich unverblümte Erklärung machte; ſie wies ihn nicht ab und nahm ihn nicht an, ſie zog ihn hin. Endlich merkte er, daß er nur den Deckmantel abgegeben hatte für ein anderes Verhältniß. Der Baron iſt ein Cavalier von altem Schlage, nicht ſentimental, ſtolz, herriſch. Auf einem Balle bei der Fürſtin C. forderte er ſie zum Tanze auf und ſetzte ſie, während ſie mit ihm mitten im Saale ſtand, unumwunden zur Rede, ſagte ihr entweder— oder, zum Narren laſſe er ſich ſelbſt von der ſchönſten Frau nicht machen. Die Dame geräth durch dieſe Brusquerie in Verlegenheit, ſie ſagt etwas von Landsknecht, der unter dem Hofkleid des ummer⸗ herrn hervorſehe; der ehemals reichsunmittelbare Freiherr lacht und beſteht auf ſeiner Forderung, ſie ſolle den andern abdanken; die Umſtehenden werden aufmerkſam, lächeln und flüſtern, die ganze Sache iſt ohnehin kein


