564 Feierſtunden. 1865.
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ihren Rath auf und wollten ihn am dritten Pfingſtfeier⸗ tage ſogar überfallen und erſchlagen. Dieſer Anſchlag wurde indeſſen durch einen Mönch verrathen, ſo daß ſich die Mit⸗ glieder des Rathes noch rechtzeitig aus der Stadt flüchten konnten. Die Zünfte ſetzten nun einen neuen Rath ein, und der alte Rath blieb faſt anderthalb Jahre zu Haideck in einer Art von Exil. Da kam der Kaiſer Karl IV. von Prag nach Nürnberg, ließ die Aufruhrſtifter gefangen nehmen, einige derſelben enthaupten und ſtellte den alten Rath wieder her. Weil nun die Fleiſcherzunft allein ſich gegen dieſen nicht aufgelehnt hatte, ſo begnadigte der Kai⸗ ſer dieſelbe ausſchließlich mit dem Faſtnachtsvergnügen, wel⸗ ches eben das Schönbartlaufen genannt wurde, und ſchaffte alle vom Kaiſer Ludwig erlaubten Luſtbarkeiten und Ver⸗ gnügungen ab. Später jedoch kauften die jungen Patricier der Stadt jedesmal das Privilegium der Mezgerzunft ab, wodurch natürlich, da dies meiſtens reiche Leute waren, die Sache ſehr gewann. Ja es bildete ſich ſchließlich eine förm⸗ liche Schönbartsgeſellſchaft, die oft aus mehr denn hundert Perſonen beſtand, und der der Magiſtrat, um aller Unord⸗ nung vorzubeugen, gewiſſe angeſehene Männer zu„Haupt⸗ leuten“ gab, welche auch die bereits oben erwähnten Schön⸗ bartsbücher führten, denen wir die Kunde von dieſer alten Faſtnachtsluſtbarkeit zumeiſt verdanken.
So viel Vergnügen die Nürnberger auch daran fanden, ſo mußte ſie doch in manchen Jahren, ſei es wegen Kriegs⸗ noth, ſei es wegen eines über die Stadt gekommenen „großen Sterbens“ unterbleiben. Einmal war das Schön⸗ bartlaufen z. B. 15 Jahre lang eingeſtellt worden(1524 bis 1538), da„Kriegs⸗ und andere Noth Land und Stadt drückte“; im darauf folgenden Jahre jedoch wurde es mit deſto größerem Pompe abgehalten, ohne daß Jemand geahnt hätte, daß es auch das letzte Mal ſein würde. Bei die⸗ ſem, auch von Hans Sachs durch ein Gedicht gefeierten Schönbartlaufen betheiligten ſich nicht allein 184 Adelige, von denen 135 ganz in Atlas gekleidet waren und goldene Flügel auf weißen Hüten trugen, während 49 von ihnen Teufel vorſtellten, ſondern auch Viele aus dem Bürgerſtande, von denen die Plattner, eine vermögende Kaufmannsfamilie, ein Stechen auf Schlitten veranſtalteten. Es wäre denn nun auch Alles gut abgelaufen, hätte nicht die„Hölle“ die ganze Schönbartsluſtbarkeit auf immer verdorben. Es war nämlich damals der berühmte Theolog und ſpätere Königs⸗ berger Profeſſor Dr. Andreas Oſiander noch Prediger in Nürnberg. Dieſer von Natur ſehr heftige Mann hielt immer gewaltige Strafreden von der Kanzel herab und ver⸗ feindete ſich dadurch vielfach beim Volke. Daher kamen Einige auf den Gedanken, ihn beim diesmaligen Schön⸗ bartlaufen zu ärgern. Sie machten zu dieſem Zwecke eine große„Hölle“, die aus einem mit Rädern verſehenen Schiffe beſtand und von Rothſchmieds⸗ und Meſſerſchmiedsbuben gezogen wurde; in dem Schiffe ſtand während des Zuges ein feiſter Pfaffe, der ein Brettſpiel ſtatt der heil. Schrift in der Hand, und einen Doktor und Narren zur Seite hatte: der Pfaffe aber war eine vortreffliche Kopie Oſian⸗ ders, ſo daß Keinem, der den Zug ſah, die Bedeutung der„Hölle“ unverſtanden bleiben konnte. Oſiander ſelbſt erkannte natürlich ſein alter ego auch und fühlte ſich durch dieſen ihm geſpielten Streich ſo tief verletzt, daß er ſich ſofort über dieſe Beſchimpfung ſeiner Perſon und der hei⸗ ligen Sache, der er mit zelotiſchem Eifer diente, beim Magiſtrate beklagte. Und in der That erhielt er auch wirk⸗ lich ſeines großen Anſehens wegen eine glänzende Genug⸗ thuung: die Schönbartshauptleute wurden in den Thurm
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geſperrt und die Luſtbarkeit ſelbſt auf immer verboten. Zwar wollte ſich der Pöbel dafür an Oſiander rächen und ſtürmte ſein Haus, allein er konnte dadurch die Frei⸗ heit des Schönbartlaufens nicht wieder erlangen.
Zum Schluſſe dürfte es für unſere Leſer nicht ohne Intereſſe ſein, zu hören, was uns Johann Matheſius darüber berichtet, was ſein großer Zeitgenoſſe, unſer Re⸗ formator Dr. Martin Luther, deſſen Ausſpruch:„Wer nicht liebt Wein, Weib und Geſang, der bleibt ein Narr ſein Leben lang,“ von ſeinen Gegnern oft dazu benutzt worden iſt, um ihn als„Faſtnachtsbruder und Bacchanten“ hinzuſtellen, von der Faſtnacht gehalten und wie er dieſelbe einmal verlebt hat:
„Als unſer Doktor“— wir geben die Mittheilung des Matheſius“) wörtlich—„die Lehre von der wahren chriſtlichen Buße anfing zu treiben, fiel auch zu⸗ gleich die alte heuchleriſche Faſten, ſammt der Faſtnacht, welches ein recht heidniſches Feſt war, da man nicht allein die Herzen mit Saufen und mit wüſtem und wildem Schwelgen beſchweret, ſondern auch allerlei Unzucht trieb, und die alten Mägde in Pflug ſpannte, wie man auf S. Mertens und Burghard, und andere dergleichen Fraßtage und Sandtriegel, jährlich und feierlich pflegt zu halten. Da nun die Leute berichtet, daß man das Böſe abthun, und das Gute behalten ſollte, und es gleichwohl nicht un⸗ recht wäre, in Ehren und Züchten fröhlich und guter Dinge ſeyn, und in Liebe und Freundſchaft an öffentlichen und ehrlichen Orten, in Rathhäuſern und Trinkſtuben, Hoch⸗ zeiten zuſammenkommen, denket ein ehrſamer Rath zu Wit⸗ tenberg auf Wege, wie Freundſchaft, Einigkeit und guter Wille bei ihnen anzurichten, und zu erhalten wäre, be⸗ ſchließt derowegen, daß ſie auf ihrem Rathhaus möchten etliche Tage in guter Charitate ſich verſammeln, und weil zweierlei Regiment da waren, laſſen ſie die von der Uni⸗ verſität zu ſich laden.
„Dißmahl wird auch unſer Doctor erſucht, und zu dieſer ehrlichen, löblichen Geſellſchaft eingebethen. Nachdem er aber der Deutſchen Faſttag und Fraßtag durch Gottes⸗ wort abgeworfen, wollt ihm nicht gebühren, mit ſeinem Exempel, ſo von ſeinen Widerſachern hätte können übel ge⸗ deutet werden, ſeiner Lehre einen böſen Namen zu machen, ſchlägt derwegen die Ladſchaft für ſeine Perſon ab, und heißet ſie im Namen Gottes und chriſtlicher Zucht fröhlich und gutes Muths ſeyn, und Fried und Einigkeit ſtiften und erhalten. Er aber, als ein Doctor und Prediger, bleibet in ſeinem Hauſe, und iſt mit ſeinen Leuten auch guter Dinge.
„Dieſe Tage liefen junge Leute, nach alter heidniſcher und ärgerlicher Weiſe, in der Mummerei; denn bloſe Ge⸗ wohnheit iſt nicht leicht abzuwerfen, der kommen etliche für des Herrn Doktors Haus oder Kloſter, aber Aergerniß und böſe Nachreden zu vermeiden, wird keiner eingelaſſen. Un⸗ ter andern iſt ein gelehrter junger Mann, der nachmals großen Churfürſten mit Ehren gedienet, der thut ſich her⸗ für mit ſeiner Geſellſchaft, die laſſen ihn Bergkleider an⸗ ſchneiden, und rüſten ſich wie Schieferhauer mit ihren Schehunmern, ohne Leichtfertigkeit, zur höflichen Kurz⸗ weile.
„Wo Tugend innen iſt, als bei denen, die fein ſtudirt haben, da kommt ſie auch heraus. Ob nun wohl dieſe ehrliche Companei eine Mummerei anrichtet, und läſſet ſich
*) S. Matheſius„Predigten von der Hiſtorie Dr. M. Luthers.“ 17. Pred. p. 209 folg.
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