Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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560 Feierſtunden. 1865.

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und umgab ſich mit dem ganzen Prunk eines orientaliſchen Fürſten. Auch als Radſcha ließ er ſich vom Titularkaiſer anerkennen. Er gab der Niederlaſſung in Tſchandernagor eine eigene Verfaſſung, und war überhaupt bemüht, die Macht und den Handel Frankreichs in Bengalen möglichſt auszudehnen. Aber auch nach den andern Handelsplätzen ſandte er Schiffe aus; ſo namentlich nach den Häfen von Siam, Kambodſcha und Kochinchina. Zngleich beſtrebte er ſich, die Truppenmacht der Kolonie auf einen Achtung gebietenden Stand zu bringen, indem er ſie nicht nur ver⸗ ſtärkte, ſondern ihr auch eine ſtrengere Mannszucht bei⸗ brachte und einen unternehmenderen Muth einflößte, um in die inneren Wirren des Landes entſcheidender eingreifen zu können. So ſchienen die Franzoſen auf dem beſten Wege, den Wettkampf mit den Kolonien der anderen großen See⸗ ſtaaten anfnehmen zu können.

Es will betont ſein, daß Dupleix der Erſte unter den franzöſiſchen Gouverneuren in Indien war, der ſich über die Anſchauung erhob, die Niederlaſſungen blos aus dem Geſichtspunkte von Handelsfaktoreien zu betrachten. Dup⸗ leix erhob ſich zu dem Gedanken, hier eine förmliche Herr⸗ ſchaft zu begründen. Nicht plötzlich, langſam und ſchritt⸗ weiſe näherte er ſich der Verwirklichung ſeines Plans. Er ließ ſeine Landsleute in die Dienſte der indiſchen Fürſten treten, überzeugt, daß ſich jene gar bald einen überwiegen⸗ den Einfluß verſchaffen würden. In der That brachte er es auf dieſem Wege dahin, daß er Karnatin und ſpäter auch Dekkon mit 35 Millionen Bewohnern, alſo faſt die Hälfte von dem Reiche des Großmoguls thatſächlich be⸗ herrſchte, und daß das Schickſal der europäiſchen Nieder⸗ laſſungen rein von ſeinem Belieben abhing. Freilich konnte er es bei dieſer gewaltigen Ausdehnung der franzöſiſchen Herrſchaft nicht verhindern, daß die früher guten Beziehun⸗ gen zwiſchen den Eingeborenen und den Fremden mannig⸗ fache Störungen erlitten. Die Habgier der Einwanderer, von denen viele nur in das Land kamen, um in möglichſt kurzer Friſt möglichſt viel Geld zu erraffen und um als⸗ dann nach la belle France zurückzukehren, griff zu den em⸗ pörendſten Mitteln, und ſelbſt wenn er den Willen gehabt hätte, ſolchen Akten der ſyſtematiſchen Brutalität zu ſteuern, Dupleix wäre nach ſeiner geſammten Situation nicht im Stande geweſen, dieſem ſchamloſen Treiben Einhalt zu thun. Es kam nachmals in dem berüchtigten Prozeß gegen Has⸗ tings zur Sprache, auf welche unmenſchliche Weiſe die Franzoſen nicht minder als die Engländer und Holländer gegen ihre beklagenswerthen Opfer verfahren waren, um denſelben Geld und immer wieder Geld abzupreſſen. Was im 16. Jahrhundert von den Spaniern in Mexiko und Peru zu dem gleichen Zwecke zuſammengeſündigt war, er⸗ ſchien als Kinderſpiel, verglichen mit den Schandthaten der Europäer in Indien. Wem es nicht möglich war, den ſteten Anforderungen der unerſättlichen Habgier zu genügen, wurde in der raffinirteſten Weiſe gefoltert. Man ſpannte ihm die Finger mit Stricken auseinander und ſchlug Dor⸗ nen und Nägel in dieſelben. Andere wurden je zu Zweien an den Füßen zuſammengebunden und ſo aufgehängt und dann ſo lange auf die Fußſohlen geſchlagen, bis ſich die Nägel von den Zehen ablösten; darauf ſchlug man ſie mit ſolcher Heftigkeit auf den Kopf, daß das Blut aus Mund und Ohren hervorbrach. War endlich der Leib der Unglück⸗ lichen durch Geißelhiebe von oben bis unten zerfleiſcht, ſo wurde er mit giftigen Pflanzenſäften eingerieben. Auch wurden Vater und Sohn in der Art an einander gefeſſelt und gepeitſcht, daß keiner den Streichen ausweichen konnte,

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ohne ſeinen Gefährten den Schlägen bloszuſtellen. Noch übler waren die Frauen daran, die aus ihren verborgenen Zufluchtsſtätten herausgeriſſen wurden, um den roheſten Mißhandlungen preisgegeben zu werden.

Selbſtverſtändlich mußte durch die Erpreſſungen und durch die Raubgier der Franzoſen ihre Stellung den Ein⸗ geborenen gegenüber untergraben werden. Mit tiefem und finſterem, wenn gleich noch verhaltenem Groll trugen die Hindus das Joch der Fremden, zähneknirſchend auf eine Gelegenheit wartend, ihrem brennenden Rachegefühl Luft zu ſchaffen. Mit eiſerner Hand hielt zwar Dupleix den Aus⸗ bruch der ihm wohlbekannten Unzufriedenheit zurück, aber die Schwierigkeiten ſeiner Stellung mußten durch eben die⸗ ſes Verhältniß um ſo empfindlicher gemehrt werden, als die Engländer aus Eiferſucht und Neid keine ſich darbie⸗ tende Gelegenheit unbenutzt vorüber gehen ließen, dem Um⸗ ſichgreifen der franzöſiſchen Macht hemmend in den Weg zu treten. Umſonſt machte Dupleix im Jahre 1744 den Engländern das Anerbieten, in dem in Europa zwiſchen den beiden Staaten ausgebrochenen Kampfe neutral bleiben zu wollen. Der Krieg in den Kolonien entbrannte zu einem gegenſeitigen Kampfe auf das Meſſer. Feurigen Muthes inmitten der Bedrängniß und unerſchöpflich an Hülfsmit⸗ teln, hielt Dupleix, obſchon ihn die Direktoren der Geſell⸗ ſchaft ſowohl als das Verſailler Kabinet feige im Stiche ließen, während die Engländer aus dem Mutterlande ſich der reichſten Unterſtützung erfreuten, ſeine Fahne hoch auf recht, die abenteuerlichſten Heldenthaten verrichtend.( von 80,000 Feinden eingeſchloſſen, drang er bei Nach ſeinen 300 Mann in das Lager der Feinde und mg. 1200 derſelben nieder, worauf die andern erſchrocken die Flucht ergriffen. Als er den wichtigen Hafen Madras, welchen er, die wichtige Lage des Orts erkennend, beſetzt hatte, nicht länger gegen die Engländer behaupten konnte, trug er kein Bedenken, die blühende Stadt auszuplündern und bis auf den letzten Stein niederzubrennen, eine That, welche den franzöſiſchen Namen zu einem Gegenſtande der allgemeinen Verwünſchung im Lande machte. Es iſt ge⸗ radezu erſtaunlich, wie es Dupleix gelang, unter der ge⸗ ſchilderten Ungunſt der Verhältniſſe und trotz des Wider⸗ ſtandes und Ungehorſams einzelner Gouverneure, welche dem Generalgouverneur jedes einhellige Vorgehen unendlich erſchwerten, aus dem Kampfe mit den Engländern nicht allein als Sieger hervorzugehen, ſondern wie er auch den Umfang der franzöſiſchen Beſitzungen von Jahr zu Jahr beträchtlich vergrößerte. Allerdings verſchlangen die groß⸗ artigen Unternehmungen des weitblickenden und thatkräftigen Führers rieſige Summen, und das eben wurde die Urſache ſeines Sturzes. Die Nachricht von ſeinen Siegen war in Paris mit unbeſchreiblicher Begeiſterung aufgenommen wor⸗ den, aber als die Direktoren beim Rechnungsabſchluſſe ſtatt des geträumten reichen Gewinns ein in die Millionen gehen⸗ des Defizit vorfanden, betrieben ſie bei Hofe mit Nach⸗ druck die Abberufung des verdienten Mannes, den ſie als unermüdlichen Störenfried Indiens darſtellten. Dem ge⸗ bieteriſchen Befehl mußte Dupleix gehorchen. Wie einſt Hannibal aus Italien, wie einſt Cortez aus Mexiko ſchied Dupleix von dem Lande ſeines Ruhmes, Thränen des Schmerzes und der Wuth vergießend. In Paris angekom⸗ men mußte er es erleben, daß ihm der ſchwärzeſte Undank entgegengetragen wurde. Nicht allein daß man ihm die Rückzahlung der Vorſchüſſe verweigerte, welche er theils aus eigenen Mitteln, theils aus erborgten Darlehen für die Intereſſen der Kompagnie gemacht hatte: man entblödete