Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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61 oble⸗ eines

A 7Ja Durchlaucht, von Herzen gern!

jeden Wortes, ja jeder Geberde ſo genau abzuwägen weiß, ſollte unwiſſentlich das Geſpräch eine unpaſſende Wendung nehmen laſſen? Jedoch will ich, da wir Menſchen alleſammt unvollkommen ſind, dies auch einmal von Ihnen glauben, denn ich will nicht annehmen, daß es irgend Jemand ein⸗ fallen könnte, eine von mir wie von dem Prinzen nebſt Gemahlin mit Recht hochgeſchätzte Dame kränken zu wol⸗ len. Alſo, mein theures Kind, verzeihen auch Sie das Verſehen unſerer ſonſt ſo taktvollen Steckwitz; bei dieſen Worten reichte der Fürſt der Prinzeſſin den Arm, und bat den Prinzen, mit Hedwig zu folgen, da er wünſchte, einer der fremden Künſtler möge ſich mit Letzterer in einer vier⸗ händigen Sonate von Beethoven verſuchen, welche der Fürſt beſonders liebte. Hedwig ſpielte mit großer Fertigkeit und tiefem Gefühl; es war dem Fürſten und Prinzen jederzeit ein großer Genuß, ihr zuzuhören, und Erſterer ſprach ihr dieſen Wunſch jetzt beſonders noch um deßwillen aus, weil er bemerkt hatte, wie ſie jedesmal völlig in den klaſſiſchen Tondichtungen aufging; er wollte ihr aufgeregtes Gefühl durch die Macht der Töne wieder in die gewöhnte Harmonie verſetzen, welche faſt aus ihrem ganzen Weſen ſo lieblich rach.

i e Alle waren mit gleicher Theilnahme von den vollen und reichen Tönen, welche unter Hedwigs und des fremden Virtuoſen Händen dem Klavier entſtrömten, ange⸗ zogen, ſo ſeelenvoll auch Beider Spiel erklang, da ſich Eines durch das tiefe Verſtändniß und die techniſche Fertig⸗ keit des Andern angeregt fühlte, und je länger, mit deſto erhöhter Luſt ſpielte, um einander würdig zu erſcheinen. Die alte Gräfin wollte berſten vor innerem Groll, ob⸗ wohl ſie ſich bei einiger Ueberlegung ſagen mußte, daß nur ſie ſelbſt die Urſache der Zurechtweiſung war, welche ſie vom Fürſten erhielt. Hedwig hatte dadurch, daß ſie ihrem hohen Freunde, zu welchem ſie ein ihr oft ſelbſt unerklär⸗ liches Vertrauen hegte, Heinrichs Brief übergab, all' ihren Pfeilen die Spitze abgebrochen. Nicht nur, daß darin der klarſte Beweis von der Reinheit ihres Verhältniſſes zu dem Jugendfreund lag; die Nebenabſicht, des Fürſten Eiferſucht zu erregen, deſſen Gefühlen für Hedwig ſie mit der Nied⸗ rigkeit gemeiner Seelen gleichfalls ſinnliches Wohlgefallen an der Schönheit des jungen Mädchens unterſchob, ſchien auch geſcheitert, wie der freundliche Blick bewies, mit wel⸗ chem der Fürſt Heinrichs Brief in Empfang genöommen hatte. Die Baronin Str. hingegen, Uche ſich bittere Vor⸗ würfe machte, das Vorrecht ihrer Verwandtſchaft nicht auf zartere Weiſe gegen das enfante cherie zur Geltung ge⸗ bracht, und dadurch ſich ſelbſt der fürſtlichen Familie mehr genähert zu haben, konnte auch nicht anders, als Hedwig grollen, da ſie zu ſehr daran gewühnt war, an ihre eigene Unfehlbarkeit zu glauben. So viel als möglich ſuchte ſie ihren Fehler wieder gut zu machen, ohne daß es ihr ge⸗ lang, durch ihre gefliſſentlich gezeigte Zärtlichkeit etwas anderes, als die ruhig höfliche Freundſchaft zu genießen, mit der Hedwig Jedem ohne Unterſchied des Standes be⸗ gegnete.

Nachdem der größte Theil des Hofes ſeine aufrichtige Anerkennung für den Kunſtgenuß ausgeſprochen, welcher ihm durch Hedwig und den Virtuoſen verſchafft wurde, näherte ſich ihr der Fürſt nochmals, und ſprach:Sie geſtatten mir alſo in der That, den Brief des Baumeiſters

zu leſen? 1 Ich weiß, daß srem Kunſtſinn die lebendigen Schilderungen der herr⸗ her Baudenkmäler Griechenlands, welche Heinrich mit

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Feierſtunden. 1865.

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erläuternden Zeichnungen in ſeinem Briefe gibt, von be⸗ ſonderem Intereſſe ſind. Nur bitte ich, mir das Schreiben wieder zuſtellen zu wollen, wenn Sie es durchgeſehen! Die letzten Worte ſprach Hedwig mit beſonderer Innigkeit.

Sie ſtellen den jungen genialen Künſtler wohl ſehr hoch? frug der Fürſt..

Er iſt mein einziger Freund in der Kindheit geweſen; nie hat er mir etwas anderes als die Sorgfalt des lieben⸗ den Bruders gezeigt. Durch ihn habe ich die Welt in ihrer lieblichſten Schöne geſehen, und ſein Genie zauberte mir das Große und Erhabene im unendlichen Raume in herr⸗ liche Formen, welche mit ſeinem Geiſt erfüllt waren. Und er iſt ein ſo ſeltener Menſch, Durchlaucht! ſein ganzes Weſen iſt Reinheit und Güte, ſeine Handlungen laſſen die Wahrhaftigkeit ſeiner großartig angelegten Natur durch⸗ ſchimmern; unter allen Männern, die mir außer Ew. Durch⸗ laucht begegneten, fand ich Keinen, der ihm an reiner Har⸗ monie ſeines ganzen Weſens gliche.

Hedwigs Wangen waren geröthet, und ihre Augen leuchteten, als ſie ſo rückhaltlos vor dem Fürſten ihre Be⸗ wunderung des Geliebten ausſprach. Sein Brief hatte in dem innigen, aber von jeder Leidenſchaft, ja von jeder Zärt⸗ lichkeit freiem Ton, ihr Gefühl in allen Faſern verwandt berührt. Gerade jetzt, wo ſich äußere Hinderniſſe ihrer gänzlichen Vereinigung nicht mehr entgegenſtellten, hielt er ſich mit der zarten Scheu der reinen Liebe zurück, und ehrte das Andenken der Todten, welcher er ſeine Gattentreue noch angelobt glaubte. Freier als früher ſprach er ſich hingegen über Alles aus, was ſeinen Geiſt berührte. Er ſchilderte mit Begeiſterung die reinen Formen des Säulenbaues, welche noch in den Ruinen der Akropolis mit dem Parthe⸗ non und den Propyläen, dem Theſeion zu Athen, wie in denen des im altdoriſchen Styl errichteten Tempels im Thale von Nemea bei Korinth ſo laut von der hohen Blüthe zeugten, in welcher die Baukunſt im goldenen Zeit⸗ alter Griechenlands ſtand. Am Ende ſeines Briefes ſchrie⸗ er:Es iſt tief zu beklagen, daß gerade in der Geſchichte der Baukunſt ſo wenig gethan iſt, da ſie doch das lauteſte Zeugniß von dem Entwicklungsgange wie zeitweiſem Rück⸗ ſchritt der Menſchheit iſt. Nichts ſpricht ſo die Phyſiog⸗ nomie eines Ortes aus, als ſeine Bauten; die Wohnhäuſer der Menſchen ſind mir immer die Zifferblätter geweſen, an denen ich zu erkennen ſuchte, ob das Uhrwerk auch richtig geht. Wir Bauleute müſſen nun wandern, um aus eigener Anſchauung zu lernen, daß wir ſeit Jahrtauſenden noch nichts im Ganzen Originales geſchaffen haben, was beſſer wäre, als das, worauf wir fortbauen. Ich denke jedoch, Sie ſehen aus meinem Muſeenbau, daß ich in den vielen Einzelheiten ein Jegliches individuell, aber mit der Grundidee des Ganzen organiſch ausführte. Was man mir zum Vorwurf macht, daß ich ſtatt Emblemen Thier⸗, und höher aufſteigend Menſchengeſtalten außen angebracht haben will, halte ich nach meiner Auffaſſung der Architektur für unerläßlich. Innen verbindet ſich mit der, dem jedesmali⸗ gen Zweck des Baues gewidmeten Form die Induſtrie in der Hervorbringung des eben dem Zweck Entſprechendem, entwickelt ſich im Schmuck des Innern zur Kunſt; in den Vorhallen oder über den Ausgangsthüren werden Reliefs angebracht, bis die Produktivität ſich nach außen hin bis⸗ zur Form des belebten und beſeelten Weſens ſteigert. halte ich es mit dem Schmuck der Architektur, die in ihrer äußeren Geſtaltung ſich mit ihrer Schweſter, der Sculp⸗ tur, vereinigt zeigen und, wie bei dem B.'ſchen Muſeum, durch die Gebilde des Pinſels gekrönt werden muß. Dies

So