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weißes Kleid für ſie zurechtzulegen, da ſie ſich nochmals um⸗ kleiden wolle. Auf die leiſe Einwendung der Kammerfrau: „Hoheit, in einer halben Stunde haben Seine Durchlaucht das Konzert befohlen, und die Zeit zu doppeltem Umkleiden wird bis dahin wohl ſehr kurz ſein,“ erwiederte die Prin⸗ zeſſin:
„Ich will mich auch nicht zweimal ankleiden, thun Sie, was ich ſagte, und das Uebrige iſt meine Sache.“
Kopfſchüttelnd verließ die Kammerfrau das Balkon⸗ zimmer; draußen murmelte ſie:„Gewiß iſt dieſe Caprice wieder eine Eingebung des Bettelfräuleins, die ſich ſo ſchlau in das Vertrauen der fürſtlichen Familie gedrängt hat, daß ſie ungeſtraft gegen alles Herkommen verſtößt.“
Die Gräfin Steckwitz führte die Baronin v. Str., welche mit der Trauerkleidung, die ſie um ihren bereits ſeit drei Monaten verſtorbenen Gemahl trug, die größte Eleganz in den Stoffen vereinbart hatte, dem Hofkreiſe zu, welcher ſich um die fürſtliche Familie gebildet hatte.
Fürſt Alfred ſaß zwiſchen der Prinzeſſin und Hedwig, an Seite der Erſteren ſaß der Erbprinz, der glücklich war, bei dem Landaufenthalt die ſtrenge Etikette verbannt zu wiſſen, um ohne Störung mit ſeiner aus Neigung gehei⸗ ratheten ſchönen und geiſtvollen Gemahlin plaudern und ſcherzen zu können. Der Fürſt empfing die Baronin mit der ihm eigenen herzgewinnenden Freundlichkeit, und ſagte, auf ſeine Nachbarin deutend:„Sie finden mich hier un⸗ gleich glücklicher ſituirt als in Karlsbad, wo ich mich nur mit der Najade der Quelle befreunden konnte, wogegen ich jetzt die Jugend und Anmuth in Perſon an meine Seite gefeſſelt habe.“
„Ich bin in der That hoch beglückt, unſere erhabene Prinzeſſin(denn ich zähle mich zu Ew. Durchlaucht Unter⸗ thanen) an der Seite meines Fürſten zu ſehen, und in der kleinen Stötterfeld glaube ich eine Verwandte begrüßen zu dürfen, da die Stötterfeld ein Seitenzweig der Str. ſind. Ich hoffe, meine kleine Couſine wird mich ein wenig lieb haben.“ Bei dieſen Worten reichte die Baronin Hedwig ihre Hand mit ſüßſaurem Lächeln, und einer Bewegung, als erwarte ſie von ihr einen Handkuß. In ihrem Innern war ſie empört, daß der Fürſt, zu welchem ſie in der That keine geringe Faible hegte, nicht ihr, ſondern der einfach gekleideten, an Fülle und Rundung ihr bei Weitem nicht gleichenden jungen Perſon, eine Artigkeit ſagte, die dieſe ſogar der Prinzeſſin gleich ſtellte.
Hedwig nahm die dargereichte Hand, ohne ſie zu küſſen, und ſprach:„Ich werde mich freuen, wenn ich bei näherer Bekanntſchaft der Frau Baronin verwandtſchaftliche Zuneigung hege, jetzt, wo ich Sie zum erſten Male ſehe, und von unſern Familienbeziehungen nie etwas gehört habe, wäre es unwahr, wenn ich von dem Vorhandenſein eines ſolchen Gefühls reden wollte.“
„Bravo,“ dachte der Fürſt, nachdem Hedwig die ſüf⸗ fiſante Art der Baronin, ſich ihrer Verwandtſchaft zu er⸗ innern, mit der einfachen Wahrhaftigkeit ihres Weſens ſo völlig entwaffnet hatte. Die im Ganzen gutmüthige Frau, ſo lange ſie als die Erſte ihres Kreiſes gelten konnte, war jetzt, wo ſie von einer ſo unbedeutenden Perſon, der ſie durch ihr Benehmen eben in angemeſſener Weiſe ihre Stellung zeigen wollte, geſchlagen ſchien, vom lebhafteſten Unwillen gegen Hedwig erfüllt, die keine Ahnung davon hatte, wie ſich ihre Feinde mehrten, und bald bei den herr⸗
lichen Melodien, die ihre Seele gefangen nahmen, alles
Porhergegangene vergaß. Nach beenzetem erſtem Theil des onzerts unterhielt ſich der Fürſt Und der ſehr muſikver⸗
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Feierſtunden. 1865. 307
ſtändige Erbprinz mit den fremden Künſtlern wie den her⸗ vorragenden Mitgliedern der Hofkapelle; denn ſo ſehr der Fürſt auch jedes fremde Talent anerkannte, unterſchätzte er dennoch nie die einheimiſchen Künſtler, und erwies ihnen jederzeit die gebührende Würdigung. Als er ſich wieder dem größeren Theile der Geſellſchaft zuwandte, hörte er, wie die Oberhofmeiſterin zu Hedwig gewandt ſagte:„Den⸗ ken Sie, liebe Stötterfeld, heute wurde mir das unglaub⸗ liche Gerücht mitgetheilt, die Frau, welcher durch Ihre Fürbitte Wohnung im fürſtlichen Pavillon eingeräumt wurde, ſei die Wittwe eines ‚Bürſtenbinders“. Ich habe dieſe Nach⸗ richt jedoch mit Indignation zurückgewieſen, weil ich über⸗ zeugt bin, daß Sie weder Ihre Freundſchaft in ſo niede⸗ ren Kreiſen ſuchen werden, da Sie der beſonderen Affektion unſerer durchlauchtigſten Frau Erbprinzeſſin genießen, und es gegen die erhabene Fürſtin eine Bétiſe ſein würde, wenn Sie Ihr Herz zwiſchen der Frau Prinzeſſin und jener Andern theilten, noch daß Sie in dieſer Weiſe die Gnade unſeres allergnädigſten Fürſten mißbrauchen würden.“ Der Fürſt hielt ſeine Schritte an, um den Verlauf des Geſprächs zu hören. Bei Erwähnung des„Bürſtenbinders“ ließ ſich ein leiſes Kichern unter den Damen vernehmen; alle Blicke flogen zu Hedwig, auf deren Wangen eine plötzliche Röthe aufflammte, welche die Meiſten für ein Zeichen der Ver⸗ legenheit hielten. Die Erbprinzeſſin wollte die Oberhof⸗ meiſterin durch ein paar ſcherzhafte Worte abweiſen, Hed⸗ wig aber bat ihre fürſtliche Freundin, nachdem dieſe geſpro⸗ chen, der Frau Gräfin ſelbſt Aufklärung über den Sach⸗ verhalt zu geben. Triumphirend erwartete dieſe Hedwigs Antwort, die, wenn ſie zuſtimmend war, ſie nach der Ober⸗ hofmeiſterin Anſicht bei Hofe unmöglich machen, beſtritt ſie den Thatbeſtand, ſie in Kurzem als Lügnerin entlarven mußte.
Hedwig ſprach zur Prinzeſſin gewandt:„Die Frau Gräfin Steckwitz iſt in der That recht berichtet; meine gute alte Wendler, welche gleich meiner treuen Budenberg als mütterlich ſorgende Freundin und Pflegerin mein Leben von den erſten Jahren bis jetzt behütete, iſt die Wittwe des redlichen Bürſtenmachers Ehrenfried Wendler, deſſen Her⸗ zensgüte und ſtill freundliches Walten im Hauſe meines Großonkels uns Allen, die ihn kannten, ſeinen Tod zu einem ſehr ſchmerzlichen Ereigniß machten.“
„Sie iſt auch die Mutter des von Sr. Durchlaucht, unſerem erhabenen Fürſten mit Recht hochgeſchätzten Bau⸗ meiſters Wendler, und die Frau Gräfin mögen aus dieſem Umſtande erſehen, daß der alte Ehrenfried Wendler und ſeine Wittwe wackere Menſchen ſind, denn der geniale und von allen Guten werthgehaltene Sohn trägt Liebe und kind⸗ lichſte Verehrung für ſeinen entſchlafenen Vater wie für die brave Mutter feſt in ſeinem Herzen!“
Alle waren bei dieſen mit feſter klangvoller Stimme geſprochenen Worten verſtummt, nur die Oberhofmeiſterin hatte ihre Pfeile noch nicht verſchoſſen. Sie entgegnete, an Hedwigs letzte Worte anknüpfend:„Er hegt wohl auch zu andern Perſonen noch ſehr innige Gefühle in ſeinem Her⸗ zen, denn ich wette, daß Fräulein v. Stötterfeld die ſchrift⸗ lichen Beweiſe davon bei ſich trägt. Uebrigens darf Sie meine Theilnahme an Ihnen nicht Wunder nehmen, denn Ihr Großonkel nahm einſt die Bewerbung meines Couſins, des verſtorbenen Grafen v. Steckwitz, um die Hand ſeiner Tochter ſehr bereitwillig auf. Leider war er mit dem jun⸗ gen Fräulein kurze Zeit vor der feſtgeſetzten Vermählung ſpurlos verſch'wunden, ſonſt würde auch ich Sie zu meinen Verwandten zählen.“
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