Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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Papa läßt ſein artiges Kind recht ſchön grüßen, und wird ſich ſo recht herzinnig freuen, wenn Hedwig immer ein gutes folgſames Mädchen bleibt, das hat er mir hier ge⸗ ſchrieben.

O ſo ſchreib ihm doch auch, daß ich ihn ſo lieb habe, und daß er ſich über Hedwig gewiß freuen ſoll, wenn er wiederkommt.

Jetzt trat die Lauſcherin unbefangen, als käme ſie geraden Weges daher, näher, und begrüßte Hedwig mit ganz beſonderer Zärtlichkeit, die dieſe förmlich drückte, weil fie das Gemachte dabei empfand. Raſch verbarg ſie den Brief Heinrichs, weil es ihr Gefühl verletzte, dieſe ſo lang und heiß erſehnte erſte Nachricht ſeit Antritt ſeiner unbeſtimmten Wanderung den Augen der Andern preisgege⸗

Hoheit, ſich nach einer Stunde in den Gemächern einzu⸗ finden, abgenommen, weil ich mir die Freude verſchaffen wollte, in Ihr Heiligthum hier einzudringen, was ich nur als Trägerin eines Befehls Ihrer Hoheit wagte, da unſere ſüße Stötterfeld ſonſt ſo hermetiſch die Pforten deſſelben vor uns Allen ſchließt. Sie erlauben mir wohl, daß ich Ihnen in Ihre Zimmer folge, um zu raſcherer Beendi⸗ gung der Toilette beitragen, und zugleich einen Blick in die Räume thun zu können, welche Sie, dem gewöhnlichen Brauch ganz entgegen, ſtatt Ihrer Wohnung in der Nähe der Zimmer Ihrer Hoheit zu Ihrem Aufenthalt wählten.

Hedwig ließ die letzte Bemerkung unbeachtet, und er⸗ wiederte mit Nachdruck, aber in völliger Ruhe:Es iſt wahr, ich lebe hier die Stunden, in welchen ich von mei⸗ ner fürſtlichen Freundin beurlaubt bin, in ſelbſtgewählter Entfernung von dem Treiben des Hofes. Der Fürſt und die Prinzeſſin haben in ihrer herzlichen Fürſorge für mein Wohlbefinden gern dies Verlangen nach einem ſtillen Plätzchen, wo ich meinen alten treuen Freunden angehöre, und meinen Neigungen wie Studien leben kann, gewährt. Sie würden bei mir nichts Beſonderes finden; Muſikalien, Bücher, Zeichnungen, Handarbeiten u. dergl. iſt das Ein⸗ zige, welches der vorhandenen Einrichtung beigefügt ward; überdies iſt meine Toilette beendet, und ich ſehe meine gute Budenberg ſchon kommen, welche mein geliebtes Pflegetöch⸗ terchen holt und mir Enveloppe, Hut, Sonnenſchirm und Handſchuhe bringt.

Wie? Sie wollen in dieſem einfachen weißen Kleide dem Konzert beiwohnen? Davon rathe ich Ihnen aus Freundſchaft ab, denn es verſtößt gegen die Etikette, und dürfte von den höchſten Herrſchaften als Mangel an Ach⸗ tung ausgelegt werden, erwiederte das Fräulein, welche ſelbſt im ſchwarzſeidenen Kleide mit reichen Garnirungen prangte..

Beruhigen Sie ſich darüber, mein Fräulein, gab Hedwig lächelnd zurück,die Herrſchaften wiſſen, wie hoch ich ſie verehre, und ſind ſelbſt zu erhabenen Sinns, um den Grad der Achtung am Stoff des Gewandes abzumeſ⸗ ſen. Ich halte dies weiße Kleid für feſtlichen Schmuck, und würde, wenn ich auch reich genug wäre, in Kleider⸗ pracht mit den Hoffräulein rivalifiren zu können, dies den⸗ noch nicht thun, weil mir iſt, als müſſe mich ein ſo ſchwe⸗ res rauſchendes Kleid mit den vielen Schleifen, Borten, Gold⸗ und Edelſteinagraffen erdrücken. Uebrigens habe ich in dieſem Punkt eben ſolche Freiheit zu handeln, wie in der Wahl meiner Beſchäftigungen während der Zeit, wo die Prinzeſſin meiner Geſellſchaft nicht bedarf.

Feierſtunden. 1865.

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Fräulein v. Wildegg biß ſich bei dieſer in freundlich⸗ ſtem Tone ertheilten Zurechtweiſung ſo heftig auf die Lip⸗ pen, daß dieſe einen Augenblick in der längſt entſchwunde⸗ nen friſchen Röthe der Jugend prangten. Sie ließ jedoch den Eindruck nicht merken, da ſie von der Tante Oberhof⸗ meiſterin beauftragt war, à tout prix das Vertrauen Hedwigs zu erwerben. Da ihr Verſuch, in Hedwigs Woh⸗ nung zu dringen, nicht nur heut, ſondern durch ihre Ab⸗ weiſung für längere Zeit geſcheitert war, ſo mußten andere Verſuche gemacht werden, ihr nahe zu treten, um die Achillesferſe dieſes gehaßten enfante cherie der fürſtlichen Familie zu entdecken. Nach herzlichem Lebewohl von dem Kinde und der alten Freundin verließ Hedwig an der Seite des ſteifen Fräuleins den Garten, um ſich in die Gemächer der Prinzeſſin zu begeben. Mit einem Kuß auf die Stirn ward ſie von dieſer empfangen und begleitete ſie auf den Balkon, wo die Prinzeſſin ſprach:So, mein friſches Alpenröschen, hier athmen Sie doch lieber, wie da innen, und fühlen den Unterſchied nicht allzu ſehr zwiſchen Ihrem Tuskulum und dem mitunter langweiligen Hofleben.

Sprechen Sie nicht ſo, Hoheit! Ihre wie Ihres Ge⸗ mahls und des Fürſten Güte macht mir den Aufenthalt hier zu einem Glück, das nur erweitert wird durch die Um⸗ gebung, welche mich in meiner ſchönen ſtillen Wohnung wieder empfängt, wo ich mich bereits ſo eingelebt habe, daß mir die großen Säle imKapitel im Vergleich zu den gefälligen Formen des Gartenhauſes, deſſen ſchlanke Säulen wie grüne Bäume das leichte und doch ſchützende Dach tragen, recht ernſt und düſter erſcheinen, wenn ich denke, meine beiden runden Zimmer mit ihnen vertauſchen zu müſſen, entgegnete Hedwig, und küßte die Hand der Prinzeſſin..

Das ſollen Sie auch nicht, wir laſſen Sie ſo bald nicht entſchlüpfen. Mir ſind Sie wie eine prächtige natür⸗ liche Roſe, die die künſtliche und narkotiſch gewürzte, Luft, in der wir Fürſtenkinder athmen müſſen, erfriſcht. Ich drücke meine Augen in den Kelch der Roſe, und die Dor⸗ nen, welche nach der Meinung Anderer Ihre Herzensein⸗ fachheit und Natürlichkeit ſind, wende ich an, um mich vor denen zu ſchützen, die ſich daran verletzen. Ich freue mich ſchon darauf, was die Gräfin Steckwitz für ein Geſicht machen wird, wenn Sie nicht der von ihr ertheilten Wei⸗ ſung zu Folge»en grande parure« erſcheinen. Die Prinzeſſin ließ bei dieſen Worten ihr ſilberhelles Lachen er⸗ tönen, und Hedwig erwiederte gleichfalls lächelnd:Fräu⸗ lein ve Wildegg hat mir ſchon ihr Erſtaunen über meine beſcheidene Toilette ausgeſprochen, ja ſogar gemeint, Ew. Hoheit würden ſie für Mangel an Reſpekt halten; aber nicht wahr, Hoheit! Sie wiſſen, wie hoch ich Sie verehre, und fühlen heraus, daß ich Ihnen nicht gefolgt wäre, wenn mich nicht bei dem erſten Begegnen mit Ihnen und Ihren erlauchten Verwandten, ein mir ſelbſt unerklärlicher Her⸗ zenszug, die plötzlich erwachte innigſte Zuneigung an Sie und den Fürſten gefeſſelt?

Ja, meine ſüße Freundin, daß weiß ich, Sie ſind ein ſo wahrhaft Gemüth, daß nicht nur jedes Wort, auch jeder Blick aus der Tiefe Ihres Herzens kommt, deßhalb iſt Ihre Liebe ein Kleinod für mich, und ich möchte ſie nicht miſſen. Sie haben ja uns Allen, zumeiſt meinenn theuren Oheim, das Herz geſtohlen, deßhalb müſſen wir Sie mit dem fremden Eigenthum hier feſthalten. Aber dt: Steckwitz werde ich ze dienwas auch ich unter feſtliche: Toilette verſtehe. Bi. z Vater c Sis meiner Kammerfrau. Als dieſe erſchien, ſeherie Prinzeſſin, ein einfaches

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