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den Verhältniſſen wußte, zu veranlaſſen. Leiſe trat er in den Saal zurück, wo an einem der hohen Fenſter Hedwig in Gedanken vertieft ſaß. Auch ſie ſchien geweint zu haben, und ein offener Brief in ihrer Hand ließ ſich mit ihren Thränen in Verbindung bringen. In ihrer etwas nach vorn gebeugten Haltung glich ſie der Geliebten des Fürſten noch weit auffallender als vorher, wo ſie hochaufgerichtet ihm gegenüber getreten war. Sein Herz pochte heftig bei ihrem Anblick und flüſterte ihm ſchmeichelnd zu: Sie ge⸗ hört dir. Er näherte ſich ihr und frug:„Warum ſind Sie traurig, mein liebes Kind? Sie haben mir heute durch Ihre Anmuth und Freundlichkeit einige ſo ſchöne Stunden bereitet, daß es mir weh thut, Sie leiden zu ſehen.“
Hedwig ſtand auf, gab mit einem Vertrauen, das ſie ſich ſelbſt nicht erklären konnte, den Brief in die Hand des Fürſten und ſagte:„Eben erhielt ich dieſe Trauerbotſchaft.“
Der Fürſt las:
„Meine gute Klara iſt geſtern in meinen Armen, auf immer von ihren körperlichen Leiden erlöst, ſanft entſchlafen. Mein Kind laſſe ich unter der Obhut ihrer zuverläſſigen Wärterin zurückkehren zu Ihnen und mei⸗ ner Mutter, ich ſelbſt werde den Wanderſtab weiter ſetzen. Wenn Sie dieſen Brief erhalten, bin ich ſchon auf dem majeſtätiſchen Meer, dem Einzigen, deſſen Idee wir Archi⸗ tekten nicht in Raum und Form feſtzuhalten vermögen. Wohin ich mich wende, weiß ich jetzt noch nicht. Wenn ich wiederkehre, hoffe ich mein Kind unter Ihrer Obhut wiederzufinden. Bewahren Sie mir Ihr Andenken.“
Heinrich.“
„Dies hebt,“ ſprach Hedwig,„mein Verſprechen, an den Hof Ew. Durchlaucht zu kommen, wieder auf, denn ich kann das Kind nicht verlaſſen, welches mein Jugend⸗ freund mir anvertraut, ſo mächtig mich auch mein Herz in den wenigen Stunden, ſeit Ew. Durchlaucht und der Prinz nebſt Gemahlin hier anlangten, zu Ihnen zieht.“
„Ei, das läßt ſich ja ganz gut vereinigen; Sie er⸗ warten die Wärterin mit Ihrem Schützling, Beide, ſowie die Mutter Ihres Freundes, ziehen nach B., wo ich ihnen ein freundliches Gartenhaus in der Nähe des Schloſſes ein⸗ räume, und Sie können dann Ihre Pflegetochter täglich ſehen,“ ſagte der Fürſt, während ſeine Augen mit antheil⸗ vollem Blick auf Hedwig ruhten, die ſo offen und zutrau⸗ lich mit ihm ſprach. Ein frohes Lächeln glitt nach ſeinen Worten über ihre Züge, und die Hände zuſammenſchlagend rief ſie:„Ja, da haben Durchlaucht recht, das geht, und vereint alle meine Wünſche! Heinrichs Mutter kömmt wohl gern mit, ſo ſchwer ihr auch die Trennung vom„Kapitel“ wird, ich glaube, die von mir würde ihr auch nicht leicht, und wenn Durchlaucht ihr ſelbſt den Vorſchlag machen, willigt ſie ſicher ein. Aber,“ fuhr ſie mit merklichem Ton⸗ fall nach kurzem Beſinnen fort,„aber es geht doch nicht, denn wir wiſſen ja nicht, wo ſich Heinrich aufhält, daß wir ihm mittheilen könnten, was wir vorhaben, und dann erhalten wir auch wohl ſeine Briefe nicht.“
„Das Letztere würde ſich durch die Weiſung, welche ich gern ſelbſt den Poſtbeamten geben würde, Ihnen ſchleu⸗ nig alle für Sie oder Ihre Umgebung ankommenden Poſt⸗ ſachen nachzuſenden, als eine unbegründete Befürchtung er⸗ weiſen, aber daß Sie nicht wiſſen, wohin ſich Ihr Freund wendete, iſt auch mir ſtörender, als Sie ahnen, da ich ſelbſt einige Fragen von Wichtigkeit an ihn zu ſtellen habe. Doch hoffe ich, daß ſpätere Nachrichten uns darüber auf⸗
Feierſtunden. 1865.
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geringeres Intereſſe daran, dies zu wiſſen, als irgend Je⸗ mand, deßhalb bitte ich Sie auch, mein theures Kind, die Mutter Ihres Freundes zu mir zu ſenden, damit ich mein Fürwort einlege, da es mir ſelbſt daran liegt, den Flücht⸗ ling dadurch wieder an mich zu ziehen, daß ich ſeine näch⸗ ſten Angehörigen als Unterpfand behalte.“
Als die hohen Gäſte aufbrachen, war Alles zur Zu⸗ friedenheit der Betheiligten geordnet. Frau Wendler miſchte unter die Thränen, welche ſie dem Andenken der ſanften Klara widmete, oft die Ausrufe:„Wer hätte das gedacht, aus der freiherrlichen Wohnung in eine fürſtliche; mein Himmel, wenn das Ehrenfried erleht hätte!“ Dann unter⸗ brach ſie ſich wieder und ſagte:„Der arme Heinrich, muß er das gute Weib verlieren; wenn ſie auch immer krank war, iſt ſie ihm doch lieb und werth geweſen; Gott ſegne ihn, daß er uns das Kind ſchickt.“ Dieſe Ausſicht ſchien beſonders ihrem Schmerz die Waage zu halten, denn ſie war keine Ausnahme unter den Großmüttern.
Klara's Scheiden rief im Ganzen bei den Bewohnern des„Kapitels“ jenes ſtille, wehmüthige Gefühl hervor, was man beim Scheiden eines friedvollen, klaren und ruhi⸗ gen Herbſttages empfindet. Die Trauer um ſie war ihres ſanften, liebevollen und anſpruchsloſen Lebens würdig.— Frau Budenberg erhob in der Nacht nach dieſem ereigniß⸗ vollen Tage ihre Hände zum Sternenhimmel und flüſterte: „Mein Gott, du ſandteſt meinem Herzenskind heute eine doppelte Morgenröthe; gib, daß ſie ihr nicht wieder durch Wolken verhüllt werde, ſondern einem heiteren glücklichen Tage vorangehe!“
Hechstes Knpitel.
Waren die guten Bewohner von X. ſchon aufgeregt bei der Ankunft der fürſtlichen Gäſte nebſt Gefolge, ſo erreichte ihr Erſtaunen den Gipfelpunkt, als ſich nach deren Abreiſe das Gerücht verbreitete:„Hedwig v. Stötterfeld iſt an den Hof zu B., in die unmittelbare Nähe der Erbprin⸗ zeſſin berufen worden.“ Das war dem Städtchen ſeit Menſchengedenken nicht begegnet, daß es eine veritable, wirkliche lebendige Hofdame zu ſeinen Bewohnerinnen zählte. Hedwig wurde dadurch zu einer gar merkwürdigen Perſon, und Leute, welche ſie bereits hundertmal geſehen, eilten an die Fenſter, wenn ſie den alten Muskulus oder die drei bis vier Familien beſuchte, mit welchen ſie Umgang pflog; es lag doch eine Befriedigung darin, ſie noch einmal ge⸗ ſehen zu haben, damit man ſpäter ſagen könne:„Die Be⸗ ſitzerin des ‚Kapitels“, Fräulein v. St., jetzt Hofdame in B., habe ich gar ſehr gut gekannt, ſie iſt manch' liebes Mal unter meinen Fenſtern vorbeigegangen, und wir haben uns zugenickt.“ Wie jedes derartige Stadtgeſpräch ſich im Sande verläuft, beruhigten ſich die X— er auch mit dem fait accompli, der Abreiſe Hedwigs und ihrer Begleite⸗ rinnen, welche wenige Tage nach dem Eintreffen des klei⸗ nen Schützlings mit ſeiner Wärterin erfolgte. Mit wel⸗ cher Innigkeit die kleine blonde Hedwig, welche die große dunkellockige mit Heinrichs klaren Augen anſah, allſeitig empfangen ward, läßt ſich leichter errathen, als beſchreiben. Das Kind, welches wegen der Kränklichkeit ſeiner Mutte r größtentheils auf die Wärterin angewieſen war, hatte ⸗
„Reiſeeindrücke hatten überdies die Erinnerung ziemlich ver drängt, und da es vom Vater getrennt war, glaubte es, das
klären, ſo lange muß ich mich gedulden, und ich habe kein
(Scheiden der Mutter ſei auch nur ein zeitweiſes; unbefangen
nen Begriff von dem Verluſt, welcher es betroffen. Die


