Teil eines Werkes 
Band 2
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und um ſeine Liebe bitten; da ſie dies nie that,

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Nachforſchungen auch nicht die geringſte Spur von ihr fand, da ich kam, um ſie vor der Welt als meine Ge⸗ mahlin anzuerkennen? ſchlug ſie die Hände zuſammen und rief, während große Thränen über ihr Geſicht rannen: Alſo haben mich meine alten Augen doch nicht getäuſcht und Ew. Durchlaucht ſind der Herr v. Rheinhauſen, den mein armes Fräulein ſo ſehr geliebt hat, bis ihr armes Herz gebrochen iſt. O Gott, ich danke dir, daß du mich das erleben ließeſt, nun kann ich ohne Sorge um mein Herzenskind, die Hedwig, meine Augen ſchließen, denn Sie werden Sie ſchützen.

Hedwig, was iſt mit ihr? Großer Gott, dürfte ich das wonnige Beben meines Herzens bei ihrem Anblick für ein Zeichen nehmen, daß ſie

O halten Sie ein, Durchlaucht, und machen Sie mich nicht ohne meine Schuld zur Meineidigen, denn ein Schwur bindet meine Zunge, ich darf nichts weiter ſagen, als daß mein armes Fräulein mit Ihrem Namen auf den Lippen entſchlafen iſt und mir ein heiliges Pfand hinter⸗ laſſen hat. Aber ein Anderer darf ſprechen, der Jugend⸗ freund Hedwigs, der Baumeiſter Wendler, wird Ew. Durch⸗ laucht Aufklärung geben, wenn Sie ihn in meinem Namen auffordern, Alles zu erzählen, was er an dem erſten Abend, den Hedwig in dieſem Hauſe ſchlief, gehört hat. Bis er zurückkehrt, bewahren Sie das Kind wie Ihren Augapfel, ſie verdient es. Kein Fürſtenkind kann verſtändiger und beſſer ſein als ſie.

Sage mir eins, Hanna, ob ich meiner Ahnung glau⸗ ben darf, daß mir Hedwig ſo nahe ſteht, wie es mich mit

höchſtem Glück erfüllen würde?

Ich kann und darf nicht, Durchlaucht, nur danken kann ich dem Allmächtigen, daß Er in Seiner Weisheit es ſo wunderbar gefügt und die Hinderniſſe überwunden hat, welche diejenigen trennten, welche zuſammengehören. O, wenn Ew. Durchlaucht wüßten, was mein armes Fräulein gelitten hat, als Sie abgereist waren! Nachdem ſie dem Baron bekannt hatte, daß ſie mit Ihnen unauflöslich ver⸗ bunden ſei, wurde der Herr Baron ſo zornig, daß ich im anſtoßenden Zimmer zitterte vor Furcht, der Herr möchte ſich an ihr vergreifen. Sie blieb aber, ſo ſchüchtern ſie ſonſt war, feſt und ruhig; ſie ſetzte dem Vater mit völli⸗ ger Klarheit auseinander, daß ſie in ihrem Rechte ſei, da

ſie dem Zuge ihres Herzens folgte. O, mir iſt, als hörte

ich ihre volle ſanfte Stimme noch, als ſie ſprach: Jetzt bin ich das Weib deſſen, den ich über Alles liebe und der mich mit gleicher Liebe umfaßt; mich, die Ihnen doch ſo wenig gilt, daß ich mich nicht erinnern kann, einen liebe⸗ vollen Blick aus Ihren Augen erhalten zu haben, ſo ſehr mein Herz ſich auch darnach ſehnte; alſo iſt es wohl na⸗ türlich, daß ich mich dem zuneige, der mir armem Mädchen ſo lieb und herzig begegnete. Bald wird er kommen, um mich als ſein rechtmäßig Weib von hier zu holen; hätten Sie einen andern Grund für Ihre Weigerung ge⸗ habt, als daß er eine Stufe in der Rangordnung unter Ihnen zu ſtehen ſcheint, denn in Wirklichkeit gleicht ſein Werth dies zehnfach aus, und daß er, ſtatt ſein Leben im Müſſiggang zu verbringen, ſich der Kunſt gewidmet hat, dann würde ich einen Vorwurf empfinden, aber da ein hloßes Vorurtheil unſre Herzen trennen ſollte, bin ich der Aleberzeugung, recht gehandelt zu haben. Der Baron liebte

verbarg er dies in ſeinem ſtarren, ſtolzen Herzen. Er hatte gehofft, Hildegard werde ſich ſelbſt an ſeine Bruſt weſin weil ſie

Feierſtunden. 1865.

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ein Kind, wie ich erſt ſpäter bemerkte, leidenſchaftlich, nur⸗

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durch ſeine Kälte und den Ernſt, welchen er ihr zeigte, verſchüchtert war, glaubte er, ſie liebe ihn nicht. Er gönnte aber, glaube ich, Ihnen das Herz des Fräuleins nicht, und meinte ſie glücklicher zu machen, wenn er ſie an den alten reichen Grafen verheirathete, deßhalb hielt er wohl eine ge⸗ waltſame Trennung für das beſte Mittel, und ganz unvor⸗ bereitet wurden wir in einer der nächſten Nächte geweckt, mußten uns ankleiden und fuhren im geſchloſſenen Wagen mehrere Tage lang, bis wir an einem romantiſch gelegenen Gebirgsdorfe Halt machten, deſſen Namen ich nie erfahren habe, da Fräulein Hildegard und ich von allem Verkehr abgeſchloſſen waren. Die Leute, welche unſre Haushaltungs⸗ bedürfniſſe brachten, und die Diener, welche der Baron an⸗ nahm, ſprachen eine uns fremde Sprache. Wenn ich den Heinrich mit meinem Fräulein manchmal italieniſch ſprechen hörte, kam es mir vor, als wären dies die Laute geweſen, welche ich dort vernahm. Nach dreiviertel Jahren ſtarb mein gutes liebes Fräulein in meinen Armen, nachdem ſie mir auftrug, wenn ich ihren Alfred einſt wiederſähe, ihm eine der dunkeln Locken zu geben, welche er ſo geliebt, und ihm zu ſagen, daß er ſie trotz allen Leids, das ſie erduldet, doch ſo unſäglich glücklich durch ſeine Liebe machte. Mehr kann ich nicht mittheilen, ohne meinen Schwur zu ver⸗ letzen.

Der Fürſt war bei Frau Budenbergs Worten, welche dieſe mit bebender Stimme geſprochen, auf einen Seſſel geſunken, bedeckte ſein Geſicht, welches auf die Lehne ge⸗ beugt war, mit beiden Händen und ſeine Bruſt arbeitete krampfhaft, um die tiefe Erſchütterung nicht zum Ausbruch kommen zu laſſen.

Leiſe ſchlich ſich Frau Budenberg davon und holte die dunkle Locke, welche Hildegard ſelbſt abgeſchnitten und ein⸗ gewickelt hatte. Als ſie dieſe auf den Tiſch legte, neben dem der Fürſt ſaß, richtete er ſein Haupt empor, und ſie bemerkte, daß ſeine Augenlider geröthet waren. Er reichte der alten treuen Dienerin die Hand und ſagte weichen To⸗ nes:Dank für alle Liebe, welche Sie meinem Weibe denn das war ſie erwieſen haben; wenn ich auch noch durch Ungewißheit gequält werde, wage ich dennoch bei Hed⸗ wigs Anblick ein hohes Glück zu hoffen. Ich kann Ihnen Ihre Liebe und Treue nicht vergelten, oder haben Sie ir⸗ gend einen Wunſch, deſſen Erfüllung in den Grenzen der Möglichkeit liegt, ſo ſprechen Sie ihn aus.

Mein einziger Wunſch iſt, mit meinem Fräulein gehen zu dürfen, wenn ſie, wie ich höre, dies Haus ver⸗ läßt, um an den Hof nach B. zu kommen. In allem Uebrigen hat der ſelige Herr Baron mehr als zu reichlich für mich geſorgt.

Das verſteht ſich von ſelbſt, ich will nicht die treue Pflegerin von der Herrin trennen. Fürſt Alfred bleibt alſo Ihr Schuldner und bekennt dies im Gefühl ſeines Unvermögens trotz aller Reichthümer und Macht ſolche Treue aufwiegen zu können. In wenigen Wochen ſehen wir uns wieder, und ich bin überzeugt, daß Sie klug und verſchwiegen genug ſind, um das Geheimniß unſrer Be⸗ kanntſchaft der theuren Todten wegen zu bewahren, ſo viel Sie auch von der müſſigen Neugier befragt werden ſollten.

/ Nach dieſen Worten entließ der Fürſt die hochbeglückte Frau gütig, und benützte die Viertelſtunde, welche ihm noch blieb, um ſeinen Erinnerungen zu leben. Hedwigs Bild drängte ſich immer wieder in ſeine Träume, und er be⸗ ſchloß, ſobald er in B. angelangt ſei, ſelbſt an Heinrich zu ſchreiben, um ſeine baldige Rückkehr oder wenigſtens eine ausführliche ſchriftliche Mittheilung deſſen, was er von