Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
302
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einer Bildſäule ſitzen blieb, ſondern nach Hauſe eilte, wo mit Beihülfe einiger Rathsdiener, welche der Syndikus den Frauen zur Verfügung geſtellt hatte, in kürzeſter Zeit der Saal mit Blumen und Orangerien aus dem Garten feſt⸗ lich dekorirt und die Tafel ſervirt ward.

In dem prächtigen alten Saale, deſſen gothiſches Deckengewölbe ſich in den ſchönen welligen Formen der Spitzbogen erhob, deſſen dunkle Eichenholzmöbel, das Wand⸗ getäfel und die Ahnenbilder der Geiersberge ein eben ſo eigenthümliches wie harmoniſches Bild boten, war Hed⸗ wigs Erſcheinung in den rechten Rahmen gefaßt. Hier bewegte ſie ſich frei und ſicher, weil ihr Alles heimiſch und bekannt war; hier auf dem dunklen Grunde, dem Zeugen einer längſt entſchwundenen Zeit, hob ſich aber auch die helle jugendliche Geſtalt in dem Zauber ihrer wunderbaren Schönheit deſto vortheilhafter hervor, und verband in ihrer jugendlichen Unbefangenheit, gepaart mit jener unnachahm⸗ lichen Würde, welche Seelenadel, geiſtige Reife und die höchſte Sittenreinheit verleihen, die Vergangenheit auf's Lieblichſte mit der Gegenwart. Mit bezaubernder Freund⸗ lichkeit und angebornem Anſtand empfing ſie die hohen Gäſte, welche überraſcht waren, wie harmoniſch die alter⸗ thümliche Einrichtung den Bedürfniſſen eines jungen Mäd⸗ chens angepaßt war, und mit welchem Verſtändniß Hedwig die ihr unentbehrlichen Gegenſtände der urſprünglichen Phy⸗ ſiognomie des Hauſes entſprechend gewählt hatte. Die fürſtlichen Gäſte ließen ſich alle Räume, mit Ausnahme ihres Schlafzimmers, zeigen, und Fürſt Alfred verbarg das lebhafte Intereſſe nicht länger, welches ihm Hedwigs Schönheit nicht allein, ſondern auch ihre ungewöhnliche Bil⸗ dung, welche ohne jede Prätenſion aus all' ihren Bemer⸗ kungen leuchtete, einflößte. Der Fürſt zählte 46 Jahre, war eine ſtattliche, bedeutende Erſcheinung, mild freundlich blickten ſeine dunklen Augen; ſeine Stirn zeigte, nur ſtär⸗ ker entwickelt, dieſelbe Form wie die Hedwigs; um die feingeſchnittenen ſchmalen Lippen lagerte jener Zug von ſchmerzlicher Erfahrung, welche geiſtig bedeutenden Men ſchen ſo ſelten erſpart wird, und womit ſie es meiſt bit⸗ ter bezahlen müſſen, ſich über das Niveau der Alltäglich⸗ keit erhoben zu haben. Fürſt Alfred hatte ſich trotz aller Bemühungen ſeiner Familie nicht vermählt und ſeinen Neffen zum definitiven Nachfolger ernannt. Die Vermu⸗ thung, er liebe eine nicht Ebenbürtige, oder eine Dame, mit der er ſich unüberwindlicher Hinderniſſe halber nicht verbinden könne, erwies ſich als haltlos, denn ſo eifrig fürſtliche Perſonen auch allſeitig beobachtet werden, fand man doch nichts, was eine derartige Muthmaßung gerecht⸗ fertigt hätte. Der Fürſt war als Jüngling, da ſich zwi⸗ ſchen ihm und ſeiner herrſchſüchtigen Stiefmutter ernſte Kon⸗ flikte erhoben, mehrere Jahre außer Landes geweſen, um incognito ſeinen künſtleriſchen Neigungen zu leben. Die Hofparthei, welche ſeine Stiefmutter haßte und ihm wohl⸗ wollte, war die überwiegende, und benachrichtigte ihn ſofort, als der alte Fürſt krank wurde, um ihn ſchleunig an den Hof zu berufen, den die dem Regenten zu linker Hand an⸗ getraute herrſchſüchtige Frau tyranniſirte. Kurz nach dem Tode ſeines Vaters und ſeinem Regierungsantritt machte er in Begleitung ſeines Dieners eine Reiſe, deren Ziel Niemand kannte, und kehrte ohne letzteren zurück, von wel⸗ cher Zeit an ſich jener Zug der Trauer auf ſeinem intel⸗ ligenten Geſichte lagerte. Nach längerer Zeit langte auch der Diener an, war aber ebenſowenig fröhlich, wie er den Fürſten durch ſeine Nachrichten erheitern konnte. Mit der Zeit hatte ſich die fieberhafte Neugierde der Höflinge beru⸗

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higen müſſen, da Alles, was in jene Periode fiel, in un⸗ durchdringliches Dunkel gehüllt blieb.

So warm hatten des Fürſten Augen noch nie geblickt ſo weich ſeine Stimme nie geklungen, als heute, da er mit dem ſchönen Mädchen ſprach, das entging den Höflingen nicht, und es bot den reichſten Stoff zu Kombinationen, daß die Prinzeſſin auf ſeine Veranlaſſung, wie ſelbſt an⸗ gezogen von dem ſie geiſtig wie ſeeliſch anheimelnden Weſen Hedwigs, dieſer eine Stelle als Hofdame anbot, wobei ſie ihrer Perſon unmittelbar attachirt war. Hedwig erwiederte darauf, hingeriſſen durch den Zauber, welchen die Perſön⸗ lichkeit des Fürſten, wie die Anmuth und Güte der Prin⸗ zeſſin auf ſie ausübten:Ich nehme dieſe Güte mit Dank an, und hätte nie für möglich gehalten, daß ich meine Selbſtſtändigkeit einmal ſo gern und leicht opfern würde. Es lag bei allem Freimuth in dieſer Antwort eine Herz⸗ lichkeit, daß die Prinzeſſin wie ihr Gemahl und vor allen der Fürſt die devote Redeweiſe, mit welcher ſonſt immer zu ihnen geſprochen ward, nicht vermißten.

Mit Gewandtheit und Anmuth machte Hedwig wäh⸗ rend des Frühſtücks die Wirthin; man bemerkte, mit wel⸗ chem Erfolg ſie ihren Vorſatz, Klara in häuslichen Tugen⸗ den nachzuſtreben, ausgeführt hatte. Der Fürſt frug ſie, ob ihr Großohm ohne Familie geſtorben ſei, und ein Glück war es, daß ſein Geſicht der übrigen Geſellſchaft abge⸗ wandt war, als Hedwig antwortete:Mein guter Oheim hatte ein einziges Kind, eine Tochter, die er in der Blüthe ihrer Jahre verlor. Er ſprach von dieſem traurigen Er⸗ eigniſſe faſt nie, und ich weiß nicht einmal, wo meine Tante begraben iſt; nur einmal, als ich noch ein Kind von etwa acht Jahren war, ſprach er wie in halbem Ver⸗ geſſen zu mir: ‚Wie gleichſt du meiner armen, ſo frühe gebrochenen Hildegard!' Mein Gott, Durchlaucht, ſind Sie unwohl? unterbrach ſie ſich, als ſie die Leichenbläſſe bemerkte, die ſein Geſicht bedeckte.

Still, ſprach er leiſe,ſtill, mein theures Kind, es iſt nicht von Bedeutung; darnach frug er, ob Niemand von der Dienerſchaft ihres Oheims mehr am Leben ſei, worauf Hedwig erwiederte:

Ich habe, Gott ſei Dank, meine gute Budenberg noch, welche mich auferzogen.

Laſſen Sie ſie unbemerkt in die Bibliothek kommen,

ich muß ſie ſprechen und werde die alten Bücher da drin⸗

nen durchſehen, flüſterte er leiſe mit ſichtlich lebhafteſtem Intereſſe; laut ſetzte er zur Geſellſchaft gewandt hinzu: Sie Alle theilen wohl gleich mir das Bedürfniß der Ruhe, und unſer liebenswürdiges Burgfräulein wird daher erlau⸗ ben, daß wir die uns gütigſt zur Verfügung geſtellten Zim⸗ mer auf ein Stündchen aufſuchen, ehe wir aufbrechen, ich werde einſtweilen, wenn Sie es geſtatten, Fräulein Stötter⸗ feld, nochmals die intereſſante Bibliothek beſichtigen, wo mir die hochlehnigen Lederſeſſel gleichzeitig einladend zu einem kurzen Schlummer winken.

Das große alte Haus bot genügend prächtige Räume, um die Gäſte in geeigneter Abſonderung aufzunehmen. Während ſich das junge Paar und die Uebrigen in die auf dem rechten Flügel befindlichen Gemächer zurückgezogen, Hedwig die Prinzeſſin in ihr eigenes Zimmer geleitete, be⸗ gab ſich Frau Budenberg der erhaltenen Weiſung gemiſ in die links an den Saal ſtoßende Bibliothek.

Dem Fürſten gegenüber verlor Frau Budenberg wie⸗ derum ihre Faſſung; als dieſer ſie anredete:Hanna, wo

iſt Hildegard geblieben, warum hat man ſie vor mir ſo ſorgfältig verborgen, daß ich jahrelang trotz der eifrigſten e 1