Teil eines Werkes 
Band 2
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geführt, in ſeinem Haus entſchlafen. Heinrichs Schmerz bei dieſem Verluſt ging tiefer, als der Klara's; mit ſo inniger Liebe ſie auch am Vater hing, fehlte ihr doch die geiſtige Verwandtſchaft mit ihm, und ihr Herz fand Troſt wie Erſatz im Gatten und Kind. Heinrich hingegen hatte den Mann ganz erkannt, war anfangs in ſeinen Ideen aufgegangen, um ſpäter, als ſein Geiſt ſich freiere Bah⸗ nen ſchuf, auf ihnen fortzubauen, mit Stolz und neidlos hatte der Lehrer das überwiegende Genie ſeines Schülers gewürdigt, und ſich ihm willig untergeordnet; ihr Verhält⸗ niß war ein ſchönes geblieben.

Im Städtchen war es ungewöhnlich lebhaft, da die Ankunft des Fürſten Alfred, wie ſeines Neffen und Thron⸗ folgers, welcher einer Verwandten der einheimiſchen Regen⸗ tenfamilie vermählt war, erwartet wurde. Syndikus Kruſel hatte die äußere Ausſtattung des Empfanges zu ordnen, da er den Ruf eines geſchickten Arrangeurs genoß. Der Maitag war köſtlich, die Rede des Bürgermeiſters wohl ſtudirt, ſeine ſtattliche Figur aus den Händen ſeiner Ge⸗ mahlin in untadelhaftem Putz hervorgegangen, und die weiß gekleideten Honoratioren⸗ wie Bürgertöchter in ſtreng gehand⸗ habter Rangordnung aufgeſtellt. Syndikus Kruſel, der gegen das Stadtoberhaupt gern eine kleine Malice unter der Maske der Freundlichkeit ausübte, worin ihm die gegen⸗ ſeitigen Familienglieder, dem herrſchenden Brauch gemäß, folgten, hatte es durchgeſetzt, daß nicht eine der Bürger⸗ meiſtertöchter dem jungen Fürſtenpaare den Willkommen⸗ gruß ausſprach, ſondern die Ehre in Ermanglung eigener Töchter ſeiner ehemaligen Mündel zugewandt. In der deß⸗ halb ſtattgefundenen, ziemlich ſtürmiſchen Sitzung machte er mit Erfolg geltend, daß Fräulein v. Stötterfeld nicht nur durch ihren Stand das Vorrecht genieße, daß es noch mehr Pflicht der Behörden ſei, die Erbin des Mannes zu ehren, welcher teſtamentariſch der Armenpflege ſo große Vortheile zugewandt habe.

Hedwig ahnte von dieſen Kämpfen nichts, ſondern übernahm unbefangen die Pflicht, die Neuvermählten zu begrüßen. Es würde ihr ſogar peinlich geweſen ſein, in dieſer Weiſe ſich öffentlich zu zeigen, wenn es nicht mit ihren Herzenswünſchen übereingeſtimmt hätte, dem Fürſten, welcher Heinrich ſo wohl wollte, wie ſeinem Erben ein freudiges Wort des Willkommens zuzurufen. Als die Ueb⸗ rigen bereits verſammelt waren, kam Syndikus Kruſel nicht wie die Andern zu Fuß, ſondern im ſtattlichen Wagen mit Hedwig an, die er galant heraushob, und der Verſamm⸗ lung zuführte. Ein Laut der Bewunderung ließ ſich kaum unterdrücken, als die ſchöne Geſtalt im weißen, mit natür⸗ lichen Blumen garnirten Tüllkleid, das um die ſchlanke Taille durch einen in Filigran gearbeiteten feinen Goldgür⸗ tel zuſammengehalten ward, drei dunkle Roſen im Haar, ſonſt aber ohne jeden Schmuck, als den ihrer ſiegenden Schönheit, am Arme des alten Herrn erſchien, der ſie triumphirend an den erſten Platz geleitete. Die unbefangen freundlichen Worte, mit denen ſie die zunächſt ſtehenden jungen Damen begrüßte, vermochten dieſe nicht mit ihr auszuſöhnen, da ſie ſich herausnahm, ſo wunderbar ſchön zu ſein, und in der edlen Einfachheit ihrer Erſcheinung den dejcgten Putz der Andern zu beſchämen. Nur die Augen der Männer, gleichviel ob jung oder alt, ſowie mehrerer Bürgertöchter aus den hinteren Reihen derWeißgekleide⸗ im hingen mit neidloſer Bewunderung an ihr. Frau undenberg und Heinrichs Mutter war durch Hedwigs Bitte

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Platz an den Fenſtern des Rathhauſes eingeräumt, wo ſie im beſten Schmuck, ſtrahlend vor Vergnügen über die Schön⸗ heit ihres Lieblings, ſaßen, und Alles wohl überſehen konn⸗ ten. Die erwarteten hohen Reiſenden ſpannten nicht, wie es ſo häufig geſchieht, die Geduld der ſie freudig Erwar⸗ tenden auf die Folter, ſondern erſchienen eine halbe Stunde nach der feſtgeſetzten Zeit, wo ihnen nach den herkömm⸗ lichen Böllerſchießen, Hurrahrufen, und der in anerkennens⸗ werther Kürze abgefaßten Rede des Stadtoberhauptes die jungen Mädchen zugeführt wurden. Mit dem vollen war⸗ men Ton ihrer weichen Stimme, und dem Anſtand einer geborenen Fürſtin ſprach Hedwig dem jungen Paar, wie dem Fürſten ihre Begrüßungsworte, wobei ſie ihnen Blu⸗ men überreichte.

Als ſie bei den betreffenden Worten ihre großen dunk⸗ len Augen voll auf den Fürſten Alfred richtete, dem beim erſten Anblick ſchon ihr Herz gewonnen war, begegnete ſie ſeinen, mit geſpannteſter Theilnahme auf ſie gerichteten Blicken; ſeine Mienen drückten tiefe Bewegung, wie die äußerſte Ueberraſchung aus, welche er nur mit Mühe den forſchenden Beobachtungen der ihn umgebenden Perſonen verbergen konnte. Die junge Erbprinzeſſin küßte Hed⸗ wig auf Stirn und Wange; der warme Ton ihrer Be⸗ grüßungsworte war zum Herzen der jungen Fürſtin gedrun⸗ gen, wie die ganze edle Erſcheinung Hedwigs ſympathiſche Empfindungen in ihr erweckte. Fürſt Alfred ließ ſich das ſchöne Mädchen vorſtellen, und frug nach ihren Angehöri⸗ gen, welche er gleichfalls vorgeſtellt haben wollte. Bei der Antwort Hedwigs:Durchlaucht, ich habe meinen einzigen Verwandten, den Baron Geiersberg, welcher mich gleich einem Vater erzogen, bereits ſeit Jahren verloren, und be⸗ wohne mit meiner alten Pflegerin wie der Kaſtellanin das ehemalige Kapitelhaus des deutſchen Ordens ganz allein; rief einen lebhaften Ausdruck des Intereſſes in den Mie⸗ nen des Fürſten hervor; bei ſich murmelte er:Alſo daher die merkwürdige Aehnlichkeit; laut erwiederte er:Ah, ich habe von meinem verehrten Baumeiſter Wendler die archi⸗ tektoniſche Schönheit desKapitels rühmen hören, und bitte deßhalb die liebenswürdige Bewohnerin deſſelben, mir und dem Erbprinzen nebſt Gemahlin geſtatten zu wollen, daß wir ein einfaches Dejeuner darin einnehmen, und vor⸗ her die intereſſanten Räume betrachten dürfen.

Hedwig verneigte ſich und ſprach, auf den alten Kru⸗ ſel deutend, der ſeelenvergnügt in ihrer Nähe ſtand:Mein werther Vormund und Adminiſtrator des Hauſes, Herr Syndikus Kruſel, ſowie ich werden es uns zur höchſten Ehre ſchätzen, wenn Ew. Durchlaucht, ſowie Se. Durch⸗ laucht der Prinz mit Ihrer Hoheit der Frau Prinzeſſin die alten ehrwürdigen Räume meines Hauſes betreten wollen. Das volle rothe Geſicht des lebensluſtigen, aber gutmüthi⸗ gen Syndikus glänzte vor Freude, als er, durch Hedwigs Worte herbeigezogen, zu einer Hauptperſon gemacht ward. Schleunig gab er Befehl, das im Rathhausſaal angeord⸗ nete Dejeuner im Speiſeſaal desKapitels zu ſerviren, und Hedwig beurlaubte ſich, um die Pflichten der Wirthin übernehmen zu können. Ein langer ſinnender Blick des edlen Fürſten folgte ihr. Zu den Frauen am Fenſter des Rathhauſes war die Kunde gleichfalls gedrungen, daß der Fürſt nebſt Gefolge dasKapitel beehren werde, und Frau Budenberg, welche beim Anblick des Fürſten Alfred beinahe laut aufgeſchrieen hätte, und nur mit Mühe ihre Aufregung verbarg, war bei dieſer Nachricht zum erſten Male faſſungslos. Frau Wendlers praktiſchem Sinn und ihrer Umſicht war es allein zu danken, daß ſie nicht gleich