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„Warte, hochmüthige Puppe,“ murmelte er,„ich werde dich einſt zu finden wiſſen.“ Rachebrütend ging er nach Hauſe, nur fand er zu ſeinem größten Bedauern nichts, wodurch er Hedwig ſchaden konnte. Ihr eingezogenes Leben, ihre Milde und Freundlichkeit zu Jedem, der mit ihr in Berührung kam; der nach des Barons Tode allmälig an⸗ gebahnte Verkehr mit einigen älteren Männerne mit denen ſie ihre wiſſenſchaftlichen Studien fortſetzte, und welche Alle von ihrem Geiſt wie ihrer holden Natürlichkeit be⸗ zaubert waren; dies zuſammen genommen ſtellte ſie ſo über jede Läſterung, daß Leonhards Bemühungen, ihr zu ſcha⸗ den, um ſo erfolgloſer blieben, als ſein Charakter ohnedies nicht von der beſten Seite bekannt war.
Heinrichs Beſuch mit ſeiner Frau verzögerte ſich etwas, weil Klara wieder leidender geworden, und erſt ſechs Wochen nach des Barons Tode langten die Erwarteten an. Hed⸗ wig ſah ſie, von der Gardine verdeckt, aus dem Wagen ſteigen, und beim Anolick des in voller männlicher Schön⸗ heit prangenden Geliebten, der ſein bleiches ſchwaches Weib aus dem Wagen hob, mußte ſie beide Hände feſt auf ihr Herz preſſen, das zu zerſpringen drohte.„O mein Gott, Heinrich, wie konnteſt du dein volles reiches Leben an dies ſieche, gebrochene knüpfen. Du trägſt den Stempel der Kraft und des unaufhaltſamen Vorwärtsſtrebens an deiner Stirn, ſie den des Abſterbenden; du haſt die Schuld der Dankbarkeit zu theuer mit deinem und meinem Glück ge⸗ zahlt,“ flüſterte Hedwig, aber nach kurzem heißem Kampfe erhob ſich ihr Gemüth, und ſie faßte von Neuem den Ent⸗ ſchluß, Heinrich ſo gegenüber zu treten, daß er fort und fort nur die Jugendfreundin, die Genoſſin ſeines Geiſtes in ihr erblicke. Sie hatte jedoch dabei nicht bedacht, daß ſie ſeit ihrem letzten Beiſammenſein ein wunderbar ſchönes Weib geworden, das, wenn es Heinrich ſtatt des reizenden Kindes, welches ſie vor drei Jahren war, in ſeiner Erin⸗ nerung getragen, ihn ſicher ſchon damals über die Natur ſeiner Gefühle aufgeklärt hätte.
Nachdem Frau Wendler im Triumph ihre lieben Gäſte in's Zimmer geführt, und ſie eilig mit allem Möglichen, was ihr zur Hand kam, bewirthet hatte, frug Klara: „Wo iſt denn die kleine Hedwig, von der mir Heinrich ſo oft und viel erzählte?“
„Mein Fräulein befindet ſich in ihren Zimmern, wenn Sie wünſchen, werde ich Sie bei ihr anmelden,“ ſagte Frau Budenberg, die trotz ihrer Theilnahme an der ſichtlich lei⸗ denden Frau pikirt über die Benennung„kleine Hedwig“ war. Heinrich ſah die alte Freundin befremdet an, die auch ſogleich ihre Regung des Aergers bereute, und raſch zu Heinrich gewandt hinzufügte:„Aus der kleinen Hedwig iſt, ſeit Sie ſie das letzte Mal ſahen, indeß eine junge Dame von beinahe ſechzehn Jahren geworden, die geiſtig durch die trüben Ereigniſſe der letzten Zeit, wie ihre un⸗ gewöhnlichen Kenntniſſe wohl noch älter erſcheint. Ihr Herz iſt jedoch das alte liebe Kindesherz geblieben, und ſie hat wohl die Ankunft der langerwarteten lieben Freunde nicht bemerkt, ſonſt wäre ſie bereits hier.“
„Nun ſo eile ich hinauf, und wenn du dich erholt haſt, meine gute Klara, folgſt du mir. Bleibe aber jetzt noch ein wenig ruhen, denn das Treppenſteigen greift dich nach den Anſtrengungen der Reiſe ſonſt allzu ſehr an.“ Bei dieſen Worten drückte Heinrich einen Kuß auf Klara's d htirn, und ging klopfenden Herzens, die Jugendfreundin uh begrüßen. Ein langer inniger Blick aus Klara's fieber⸗ aft glänzenden Augen folgte ihm.
9 Auf ſein leiſes Klopfen ging Hedwig ſelbſt, die Thüre
Feierſtunden. 1865.
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zu öffnen, denn am Pochen ihres Herzens fühlte fie, wer zu ihr kam. Raſch trat er ein, aber die unbefangenen Begrüßungsworte erſtarben ihm auf den Lippen, als er ſich der hohen ſchönen Geſtalt gegenüber befand, welche ihn ſtatt des lieblichen Kindes begrüßte. Das zarte roſige Kinder⸗ geſichtchen war aus ſeiner Rundung in ein ſchönes Oval übergegangen, die hochgeſchwungenen dunkeln Augenbrauen beſchatteten ein Paar ſo köſtlicher ſchwarzer Augen, denen man anſah, daß ſie über das Gleichgültige hinwegſchweif⸗ ten, um in die Tiefe zu dringen; man würde ein minder reines Profil über dieſen Augen vergeſſen haben, denn wie ein Meer, welches auf ſeinem Grunde die köſtlichſten Per⸗ len birgt, die zu haben nur Auserwählten vergönnt iſt, ſo reich und geheimnißvoll ſchimmerten ſie, aber ihre Züge waren zu edel und klaſſiſch, um nicht bewundert zu werden. Die griechiſche Naſe, der volle kleine Mund mit ſeinem ſinnigen Lächeln, der zarte Teint und vor Allem das reiche ſchwarze Haar, welches in kurzen glatten Scheiteln hinter die Ohren gekämmt, um ſich am Hinterkopfe in einen vol⸗ len ſchweren Knoten zu vereinen, der ſo gelegt war, daß er von beiden Seiten des Geſichts geſehen, eine Lehne des ſchönen zarten Antlitzes zu ſein ſchien; die ſchlanke hohe Geſtalt, deren gerundete Formen ſich vollſtändig entwickelt, aber edel und zart zeigten, ward durch das einfache ſchwarze Kleid von feinſtem Wollenſtoff, das am Hals und den Handgelenken geſchloſſen und mit einer Spitzenkrauſe ver⸗ ziert war, gehoben, und dies vollendet ſchöne Ganze trat nun Heinrich, deſſen Auge für jede reine Form offen war, entgegen. G „Hedwi— Fräulein— ich komme, verzeihen Sie,“ ſtotterte er, geblendet von dieſem Anblick; dann ergriff er ihre Hände, legte ſie vor ſeine Augen, wie um ſich vor dieſem Zauber zu ſchützen, und rief:„Hedwig, wie ſind Sie ſchön! O Gott ja, nur du konnteſt ſo herrlich wer⸗ den! Doch, Verzeihung,“ ſetzte er mit bebender Stimme hinzu, wobei er ihre Hände losließ,„Verzeihung, Fräu⸗ lein Hedwig, wenn ich im erſten Augenblick die rechte Form nicht finden konnte, dies Wunder zu begrüßen, was mir in Ihnen gegenüber tritt, ich— ich— war ſo überraſcht.“ ig. hatte, während Heinrich mit ſeiner Verwir⸗
rung kämpfte, Zeit gefunden, ſich zu ſammeln. Mit rei⸗ zendem Lächeln reichte ſie ihm beide Hände und ſagte mit ihrer weichen, ſüßtönenden Stimme, die ſich wie Zauber⸗ fäden um Heinrichs Herz und Phantaſie ſpann:„Seien Sie mir tauſendmal willkommen in der Heimath, lieber, lieber Heinrich, und erholen Sie ſich von dem Erſtaunen, ſtatt der kleinen Hedwig ein erwachſenes Mädchen zu finden. Mir ſcheint, Sie haben weniger an mich, als ich an Sie gedacht, ſonſt würden Sie darauf vorbereitet geweſen ſein, daß ich in meiner Entwicklung keine Ausnahme vom Na⸗ turgeſetz gemacht. Ich habe Sie mir ſo ſtattlich und ge⸗ reift gedacht, wie Sie jetzt vor mir ſtehen, und ich bitte recht von Herzensgrund, daß auch Sie ſich mit der Ver⸗ änderung befreunden, die vielleicht in meiner äußeren Er⸗ ſcheinung vorgegangen iſt, damit Sie die alte treue Freun⸗ din, welche keine wärmere Theilnahme, als die an Ihrem Geſchick im Herzen trägt, erkennen, und ich Ihnen die „Hedwig', aber nicht Fräulein Hedwig' bleibe.“ Hein⸗
rich hörte nur halb ihre Worte, ſo war er im Anſchein des Mädchens verſunken, die von allem Schönen, das er bis jetzt geſehen, das Schönſte in ſich vereinte. Da er nicht antwortete, fuhr ſie fort:„Laſſen Sie mich Ihnen auch nochmals mündlich die innigſten Glückwünſche zu Ihrer Verbindung ausſprechen, wie ich aus ganzem Herzen ſchon


