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ſchriftlich that, und begleiten Sie mich zu Ihrer Klara, damit ich ſie ſchweſterlich begrüße.“
„Klara! o Gott ja, ſie iſt unten, und wollte herauf kommen, jetzt beſinne ich mich darauf;“ bei dieſen Worten drückte Heinrich die Hand auf's Herz, als habe er dort einen Schmerz empfunden;„das Erſteigen der Treppen fällt ihr ſchwer, ſie iſt ſo ſchwach, deßhalb iſt's gut, wenn Sie zu ihr gehen.“
„Nun ſo kommen Sie,“ ſprach Hedwig, und ſtieg an ſeiner Seite die Stufen hinab.
Es wurde beiden Frauen nicht ſchwer, ſich mit ein⸗ ander zu befreunden; Hedwigs große Seele empfand bei Klara's Anblick keinen Groll, ſondern die innigſte Theil⸗ nahme für ihre körperlichen Leiden, und ihr war es, als müſſe ſie ihr mit doppelter Herzlichkeit vergelten, daß Hein⸗ richs Herz, wie es ihr bei ſeiner Verwirrung während des Wiederſehens mit unſäglicher Wonne klar geworden, nicht der Gattin, ſondern ihr gehöre. Klara's Sinn war zu beſcheiden, um nicht in Hedwig die an Geiſt und Schönheit weit überlegene Erſcheinung zu verehren.
Heinrich entfernte ſich, kurze Zeit nachdem Hedwig ſeine Frau begrüßt, auf einige Minuten. Ohne beſtimm⸗ ten Willen lenkte er ſeine Schritte in's Refektorium, wo er mit Hedwig ſo oft geweilt, und ſetzte ſich dort auf einen der dunkeln Eichenholzſtühle, welche an der langen Tafel ſtanden. Das Haupt auf beide Hände geſtützt, flüſterte er „Hedwig“, und die gewölbte Halle ließ den Namen lauter erklingen.„O Gott, was habe ich gethan, wie blind bin ich geweſen, und muß nun die herrliche Offenbarung em⸗ pfangen, da es zu ſpät iſt.“„Zu ſpät iſt,“ ſchallte es wieder, und Heinrich, der ſich mit Hedwig in ſeinen Kin⸗ derjahren oft an dem Echo beluſtigte, ſprang auf und rief, beide Hände an die Stirne gedrückt:„ja wohl, zu ſpät, und ich muß es tragen, obgleich ich nicht weiß, wie es möglich iſt; um Klara's willen, wegen ihr, der Hohen, Reinen, wegen des Vaters, der mir ſein Liebſtes gab, muß es ſein.“
Wie peinigten ihn die liebevollen Fragen Klara's, die es mit dem Inſtinkt der Liebe herausfühlte, daß er leide, obgleich er alle Kraft aufwandte, um es zu verbergen; „ich bin überwältigt von den Erinnerungen, die mit Allem, was ich ſehe, in mir aufleben, und welche mir jetzt, da ich als Mann in die Räume zurückkehre, wo ich als Knabe von dem träumte, was ich jetzt erfaßt habe, mächtig ent⸗ gegentreten; laß mir alſo Zeit, mich damit zurechtzufinden, liebe Klara!“ ſagte er ihr, und ſie beruhigte ſich damit; hatte er ihr doch oft erzählt, wie eng alles Denken und Empfinden, all' ſein Träumen und Streben mit dem alten Hauſe verwachſen war.
Der projektirte Aufenthalt von drei Tagen dehnte ſich zu eben ſo viel Wochen aus. Heinrich ließ die Mahnun⸗ gen ſeines Verſtandes gar zu gern von dem ſichtlichen Be⸗ hagen, das Klara, von der Freude, die ſeine Mutter em⸗ pfand, zum Schweigen bringen. Bald hatte er angefangen, mit Hedwig über ſeine geſammelten Erfahrungen und die Verwerthung derſelben bei ſeinen nächſten Arbeiten zu ſpre⸗ chen. Der alte Muskulus war oft der Dritte bei ihren Unterhaltungen, und Hedwig nahm bisweilen, wenn ihr Heinrich die Einzelnheiten wie Grundideen einer Zeichnung erläuterte, den Bleiſtift aus ſeiner Hand, um an der äuße⸗ ren Form eine ihr paſſend dünkende Veränderung zu bezeich⸗ nen. Stets traf ihr reiner Schönheitsſinn das Rechte, und ſie hatte ſich ſo in Heinrichs Ideen eingelebt, daß ihre Bemerkungen mur ſeine Gedanken in anſprechenderer Form
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Feierſtunden. 1865.
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wiedergaben, worauf ſie der Geliebte dann mit hohem Ent⸗ zücken wie eine köſtliche Offenbarung anblickte. Gab ſie ihm den Bleiſtift zurück, den ſie nach Frauenart ſtets an die Lippen brachte, ehe ſie ihn gebrauchte, that er dies auch, und ſo verſtrickte ſich ſein Herz immer tiefer in den Zau⸗ ber ihres Weſens. Mitunter war auch Klara eine ſtumme Zuhörerin bei ihren Geſprächen über bildende Kunſt und klaſſiſche Literatur; neidlos bewunderte ſie die umfaſſende Bildung des ſchönen Mädchens, und wußte es ihr Dank, daß ſie Heinrich ſo ſichtlich anregte. Das alte wunderbare Haus, welches ſo ganz andere Räume, als die, in welchen ſich ſonſt das Familienleben entwickelt, bot, umſchloß ſie alle mit ſeinem Zauber, der ſie von der übrigen Welt iſo⸗ lirte; die prächtigen Bäume des großen, in ſeiner Natur⸗ wüchſigkeit ſo ſchönen Gartens neigten ſich mit dem bekann⸗ ten geheimnißvollen Flüſtern zu Heinrich und Hedwig, daß ſie oft in der Seligkeit des Augenblicks Alles vergaßen, was äußerlich zwiſchen ihnen ſtand. Schweigend gingen ſie in ſolchen Momenten neben einander in den dunklen Laub⸗ gängen, und Keines wagte dann durch ein Wort die Stim⸗ mung zu entweihen. Mitten in dieſem, Geiſt und Herz umſtrickenden Leben traf Heinrich ein Brief ſeines Schwie⸗ gervaters wie ein Blitzſtrahl; der väterliche Freund mahnte ihn, nicht aus übergroßer Rückſichtnahme auf Klara's Wünſche, welche ſich in X ſo wohl zu befinden ſcheine, ſeine Thätigkeit länger zu unterbrechen. Fürſt Alfred habe ihm den Wunſch ausgeſprochen, den jungen Baumeiſter recht bald in B. zu ſehen.
Dieſe Mahnung zerriß mit einem Male den Schleier, mit dem Heinrich ſeine wahren Gefühle verhüllt hatte. Ihm wurde klar, daß ſein ferneres Leben farblos und öde ohne Hedwig ſei, von der er ſich nun trennen mußte. Klara's ſanftes bleiches Antlitz ſtand vor ſeiner Seele und mahnte ihn, das Bild der Geliebten zu verdrängen, was doch ſo ganz unmöglich war, da die Liebe zu Hedwig ſeit ſeinen Knabenjahren gekeimt und nun mit ſeinem ganzen Weſen verwachſen blieb. Sie hatte nicht nur ſein Herz gefangen genommen, ſie war mit ſeinem Geiſt, ſeinem Streben, mit Allem, was er Großes dachte und hoffte, mit allen Impulſen ſeines intellektuellen Lebens Eins geworden, er hätte ſelbſt aufhören müſſen zu ſein, wenn er aufhören ſollte, ſie zu lieben.
Heinrich lehnte die Stirn an die runden bleigefaßten Scheiben des hohen Fenſters und ſtarrte, der gebieteriſchen Nothwendigkeit nachſinnend, in den Garten hinab, ohne daß ſein Geiſt bei dem war, was ſein Auge erblickte. Da be⸗ wegte ſich Hedwigs ſchlanke Geſtalt zwiſchen den Erdbeer⸗ beeten, um dieſe Früchte, wie ſie gerne that, für Klara zu pflücken und ihr zu bereiten. Bei ihrem Erblicken ging Heinrich, ſeinem Herzensdrange folgend, zu ihr hinab und ſprach, nachdem er ihre Hand gefaßt:„Hedwig, meine Pflicht ruft mich fort von hier; ich muß bald, das fühle ich, das Eden verlaſſen, in dem Sie weilen, ſonſt— ſonſt— Hedwig, was iſt Ihnen?“ ſchrie er auf, als ihren zitternden Händen das Körbchen entfiel, Leichenbläſſe ihr ſchönes Antlitz überzog, und er die herrliche Geſtalt mit ſeinen Armen umfing, weil ſie wankte. Einen Mo⸗ ment preßte er die Geliebte an ſein Herz und ſein ganzer Körper erbebte unter dieſer Berührung; dann drückte er einen Kuß auf ihre reine Stirne und ſagte ihr, die ſich wieder erholt hatte, und ſich mit den Worten:„Eine plö liche Schwäche, an der ich ſeit des Oheims Tod mitunten leide, übermannte mich,“ aus ſeinen Armen losmachte, mit leiſer bebender Stimme:„Du liebſt mich, Hedwig, wie ich
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