Teil eines Werkes 
Band 2
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Herr Jeſus, das Kind iſt nicht mehr bei Sinnen, dachte Frau Budenberg bei dieſer eigenthümlichen Frage; laut ſagte ſie:Liebes Fräulein, beſinnen Sie ſich doch auf das, was uns Alle betroffen hat, und faſſen Sie ſich bei dem Hinſcheiden des Herrn Baron, ich und die Wend⸗ ler werden ja unſer Möglichſtes thun, um Ihnen jede trübe Stunde zu ſparen.

Mein Oheim, mein Beſchützer, auch du biſt von mir gegangen? Du Vater da droben willſt mich armes, ein⸗ ſames Mädchen wohl noch ärmer machen? rief Hedwig in ſo tiefem Weh, wie es das Einſtürzen all' ihrer Stützen, all' deſſen, woran ſich ihr Geiſt und Herz geklammert, hervorrief; dann brach ſie zuſammen.

Als Frau Budenberg ihren geliebten Pflegling auf's Bett trug und in's Bewußtſein zurückzurufen ſuchte, was ihr auch in kurzer Zeit gelang, fiel ein Brief zu Boden, den ſie bisher nicht bemerkt hatte. Als Hedwig, nachdem ſie endlich die Wohlthat der Thränen gefunden, in einen erquickenden Schlummer geſunken war, nahm ſie den Brief auf, um ihn zu leſen. Er war von Heinrich; ſeine Mut⸗ ter hatte einen kürzeren mit der an Hedwig zu gebenden Einlage am Morgen erhalten, und ihr dieſelbe ſogleich übergeben. Er war von Nizza datirt und lautete:

Meine theure, innig geliebte Freundin! Der lieblichen Gefährtin meiner Jugend, dem treuen

Herzen und reichen Geiſt der lieben Hedwig muß ich zu

allernächſt ein Ereigniß in ſeinen Einzelnheiten darlegen, was ich meiner Mutter allgemein und in dem, was ſie zu⸗ meiſt intereſſirt, mittheile. Es iſt das Wichtigſte im Men⸗ ſchenleben, und ich hatte es mit in meiner kindlichen Phan⸗ tafie, ja ſelbſt vor Kurzem noch ganz anders vorgeſtellt, als es wirklich war. Mit einem Wort: ich bin ſeit drei Tagen vermählt mit der guten ſanften Tochter meines theuren Lehrers und Meiſters S. Schon immer habe ich Klara's ſtillem häuslichem Walten meine Bewunderung ge⸗ zollt, wenn auch meine Gedanken weit öfter zu der Freun⸗ din meiner Kinderjahre flogen, die ſo verſtändnißvoll an meinem Streben Theil nahm, wie es kein Weib von allen denen, die mir entgegentraten, vermocht hätte. Seit faſt zwei Jahren fern von Nürnberg, war jedoch das Bild Klara's faſt in den Hintergrund gedrängt, als ich vor zwei

Feierſtunden. 1865.

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Traurigkeit. Mein Vater, ſo nenne ich ihn jetzt mit Freude und Stolz, rief mich wenige Tage nach dieſer betrübenden Entdeckung auf ſein Zimmer, und frug mich, ob ich Klara lieb habe.

O gewiß, von ganzem Herzen! Ich möchte ſie vor allem Leid bewahren und wäre glücklich, wenn ich etwas für ihre Geneſung thun könnte! entgegnete ich mit voll⸗ ſter Ueberzeugung.

Nun ſo höre denn! ſprach der Vater ernſt und bewegt,ſchon ſeit Jahren hegt Klara eine tiefe innige Liebe zu dir, die mir erſt vor Monden klar geworden iſt. Der Arzt ſagt mir ſelbſt, daß das Uebel, was ihr im Herzen zu ſitzen ſcheine, gehoben werden müſſe, wenn ſie geneſen ſoll. Hätte ich eine Tochter, die noch ungleich beſſer, als Klara iſt, was jedoch ſo leicht nicht möglich wäre, ich würde ſie ebenfalls gern und freudig an dein Herz legen, denn du biſt reicher als Jene, die mit Glücks⸗ gütern überhäuft ſind, du biſt ein reines treues Gemüth, ein ſtarker ſchaffender Geiſt. Ich wünſchte, Klara wäre etwas mehr als das häusliche, ſtill beſcheidene Weſen, ich wünſchte, ſie wäre geiſtig dir näher, aber ich habe ſelbſt, nur leider zu kurze Zeit, den Segen eines Hausweſens und einer Gefährtin kennen gelernt, die durch ihr ſtilles ord⸗ nendes Walten mir im Innern des Hauſes alle meine Wege ebnete, ſo daß ich mit ungetheilter Kraft nach außen wir⸗ ken konnte. So ſegne ich dich denn, mein Sohn, und ſage dir, daß du mich und mein Kind beglückſt, wenn du ſie als dein Weib heimführſt. Geh' und ſage ihr, daß du ſie lieb haſt, ich werde inzwiſchen Alles zu eurer baldigen Ver⸗ mählung anordnen, damit ihr als Eheleute in Nürnberg einzieht und das aufreibende Geräuſch einer Hochzeit inmit⸗ ten der ganzen Verwandtſchaft und Freundſchaft von Klara fern bleibt.

Bei dieſen Worten ſchob er mich zur Thüre hinans, und ich war ſo betäubt, daß ich im erſten Augenblick nicht wußte, ob ich glücklich ſei oder nicht. Das Ereigniß ſelbſt ſtand jedoch feſt, und wenn mich auch zu Klara nicht jenes Gefühl zog, das die Dichter mit ſolchen Wonnen ſchildern, daß mein Herz ſtets ahnungsvoll erbebte, wenn ich es las, ſo iſt ſie doch ein ſo gutes Weib, unſer Vater ein ſolch' ausgezeichneter Mann, daß es nur die Ueberraſchung ſein

Monaten einen Brief meines geliebten Lehrers erhielt, mit kann, welche mich bis jetzt noch nicht mit meinem Loos

dem Beſcheide, ihn und Klara in Nizza zu erwarten, wo⸗ hin letztere ihrer geſchwächten Geſundheit halber kommen ſollte. Ich beſorgte natürlich alles Nöthige, und erwartete die Verehrten am beſtimmten Ort. Wie hatte ſich aber das liebe Mädchen verändert; ihre roſigen Wangen waren bleich geworden, nur bisweilen trat eine apfelrunde Röthe in ihr Geſicht, aber die Augen glänzten, als ſpiegle ſich das Licht des Himmels darin ab. Das Wiederſehen mei⸗ nes theuren Lehrherrn war natürlich eine große Freude für mich, er ſelbſt aber ſagte mir mit kummervollem Lächeln, daß er fürchte, auch ſein letztes Kind zu verlieren, dann bleibe ihm nichts mehr, was ihm theuer ſei, denn auch ich werde von ihm gehen, obgleich er mich wie einen Sohn liebe. Wie konnte ich anders, als ihm in meiner Freude über ſeine Zuneigung aus vollſter Ueberzeugung verſichern, daß es kein größeres Glück für mich gäbe, als mit ihm

zu wirken. Klara erholte ſich ſichtlich; ich führte ſie in der

4 eizenden Umgebung ſpazieren, ſuchte ſie, da ſie meine Ge⸗

wmas mir bei ihrem ſanften, für das Geringſte dank⸗ Leſen nicht ſchwer ward. Vor vierzehn Tagen be⸗ vir an ihr wieder eine zunehmende Schwäche und

caft allem Andern vorzog, auf jede Weiſe zu unter h a

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vertraut werden läßt. Klara ſagte mir ſchon hundertmal,

daß ſie ſo ſelig iſt, und dankt mir für das Glück, das

ich ihr gebe, daß ich wirklich beſchämt bin, eigentlich ſo wenig dabei gethan zu haben. Sie blüht ſichtlich auf, und der Vater tritt mir mit jedem Tage näher. O, welcher Reichthum liegt in ſeinem Geiſte, jede Idee, welche er ver⸗ körpert, iſt Kunſt, jedes Werk von ihm zeigt die reinſten, edelſten Formen. In wenigen Wochen übernehme ich ſtatt ſeiner den Bau der fürſtlichen Gemäldegallerie in B., wozu ich die Plane entworfen, welche die Billigung des kunſt⸗ verſtändigen Fürſten Alfred erwarben. Meine Bruſt dehnt ſich förmlich, wenn ich daran denke, und ich kann es nicht erwarten, endlich ſelbſtſtändig Hand an ein Werk zu legen, wie ich es ſeit meiner Kindheit ſchon träumte. Doch, dabei fällt es mir beinahe ſchwer auf's Herz, daß ich ja meiner theuren Freundin einſt verſprach, ein Haus zu bauen, ſo hoch und ſchlank, ſo luftig und leicht, als wäre es ewig Frühling darin; wird Hedwig wohl glauben, daß mich die⸗ ſer kindliche Wunſch ſeit unſerer erſten Trennung begleitet hat? Ja, daß ich faſt in Verlegenheit wäre, wollte mir Jemand einen Plan für eine Wohnung abfordern, die ich ſo ganz in Einklang mit dem unendlich lieblichen Bild