Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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behrlich gemacht hatte. Eines Tages, da er beſonders hef⸗ tig an aſthmatiſchen Zufällen litt, ſchickte er nach dem ge⸗ ſchmeidigen Geſellſchafter, der natürlich ſofort kam, und ſich gefliſſentlich um den Kranken bemühte, was ihn in unmittelbare Berührung mit der reizenden Hedwig brachte. Der Baron gab, als er wieder etwas leichter athmen konnte, Leonhard einen Schlüſſel, und wies ihn an, aus einem Archiv, das bisher vor des jungen Mannes Blicken ver⸗ borgen war, weil es meiſt alte Familienpapiere enthielt, ein Bündel Zeichnungen zu holen, die dort aufbewahrt waren. Eilig ſuchte Leonhard dieſer Forderung zu entſpre⸗ chen, und ſeine Späherblicke überflogen raſch den Inhalt des Schrankes. Haſtig durchblätterte er mehrere Stellen, die nichts Intereſſantes für ihn enthielten, doch mit der Spürnaſe eines talentvollen Spions näherten ſich ſeine Finger einem Papier, das nur mit einem Streifchen aus der Ritze hervorkam, in die es ſich bei dem alten Schrank geſchoben. Er zog es heraus, und ein lebhafter Farben⸗ wechſel, die höchſte Ueberraſchung malte ſich in ſeinen Zügen. Das Dokument enthielt die Beſtimmung, wonach die Erben der Stötterfeld'ſchen Linie, beim Ausſterben der verwand⸗ ten Familie v. Str., welche in Sachſen große Beſitzungen hatte, dieſelben beanſpruchen konnten. Das Dokument war uralt, und vom Baron aus doppelten Gründen unbeachtet geblieben; wäre wohl auch, wenn es ihm zufällig zu Hän⸗ den gekommen, von ihm vernichtet worden, um bei dem thatſächlichen Erlöſchen der Stötterfeld'ſchen Familie jeden Mißbrauch zu hindern. Nun war es Leonhard bekannt, daß der alte Stammherr v. Str. ein geiſtig unbedeutender, körperlich durch Ausſchweifungen entnervter Menſch war, deſſen Ehe ohne Nachkommen blieb. Welcher Fund alſo; raſch ließ er das Papier in ſeine Bruſttaſche gleiten und knöpfte den Rock darüber. Zwar war er noch nicht klar über die Verwendung des wichtigen Aktenſtücks, daß er aber eine Macht in ſeinen Händen für oder gegen Hedwig da⸗ durch gewann, fühlte er, und mit der, Intriguanten eigenen Schnelligkeit im Kombiniren hatte er im nächſten Augen⸗ blick auch den Entſchluß gefaßt, das Dokument ſo lange geheim zu halten, bis es ihm gelungen, Hedwigs Neigung zu gewinnen, die ſeine Bewerbungen bei den Beſtimmun⸗ gen des Teſtaments für uneigennützig halten mußte. All' das ging ſo raſch vorüber, daß kein merklicher Verzug in der Ausführung ſeines ihm vom Baron ertheilten Auftrags entſtand. Mit höher gehobenem Kopf kehrte er in das Zimmer des Kranken zurück, und war ſo lebhaft in ſeiner Unterhaltung, daß ihn der Baron am Abend mit der Bitte entließ, des andern Tages, wenn es ſeine Zeit erlaube, wieder zu kommen.Und wenn ich die Nacht zu meinen Arbeiten verwenden müßte, würde ich von der mich reich beglückenden Aufforderung ausgedehnten Gebrauch machen, ſagte er mit ſolch' ſprechendem Blick auf Hedwig, daß ſich deren Herz krampfhaft dabei zuſammenzog.

Nach ſeinem Weggange nahm Hedwig an des Barons Bett Platz, um ihm mit ihrer weichen tiefen Stimme, die in den vollen runden Tönen der italieniſchen Sprache be⸗ ſonders muſikaliſch klang, aus Taſſo's Dichtungen vorzu leſen. Nach kurzer Zeit unterbrach ſie jedoch der Baron, und ſprach, ihre feine ſchmale Hand faſſend:Mein Kind, ich wünſchte, du wäreſt gegen den gebildeten und gefälligen jungen Kruſel etwas freundlicher, vielleicht wirſt du gar bald häufig auf ſeine Freundſchaft angewieſen ſein, denn ich habe ſeinen Vater zu deinem Vormund erwählt, weiß aber im Voraus, daß der Sohn in ſeiner Anhänglichkeit und Verehrung, die unſerem Geſchlecht ſo oft von niedri⸗

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Feierſtunden. 1865.

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ger Geborenen zu Theil wurde, die meiſte Mühewaltung dabei übernehmen wird, wie er mir auch perſönlich ver⸗ ſprach, über dich zu wachen, wenn ich die Augen ſchließe.

O Gotwt, nur das nicht, mein theurer geliebter Oheim, ſprich nicht ſo Schreckliches, rief Hedwig, und ſchloß des Alten Mund mit einem Kuß.

Der Baron, welcher dieſen Ausruf lediglich auf die Andeutung ſeines Todes bezog, ſagte mild und ernſt:Ich kann es dir nicht erſparen, mein Herzenskind; du darfſt nicht vergeſſen, daß ich ſiebenzig Jahre zähle, ſo viel er⸗ lebt und erfahren, ſo viel mit der Welt und mir gekämpft habe, um zu wiſſen, daß ich jetzt am Ende meiner Tage ſtehe. Du aber kannſt mich mit ruhigem Herzen in die Erde betten, denn du haſt meine letzten Lebensjahre ver⸗ ſchönt wie eine Lieblingsblüthe den kalten Winter, du haſt mir Glück, Intereſſe am Leben und Theilnahme an den hohen Gütern, welche es ſchmücken, geſchenkt, und biſt das Licht geweſen, das mein einſames gebrochenes Herz erleuchtete und wärmte.

Wie viel haſt du mir gegeben? mein Vater! erwie⸗ derte Hedwig mit bebender Stimme.Bin ich nicht dein Geſchöpf, und du willſt von mir gehen, mich der Obhut eines kalten, fremden Menſchen überlaſſen, zu dem ich kein Vertrauen haben kann?

Die Dankbarkeit wird dein Herz denen öffnen, die es wohl mit dir meinen; laſſe mich aber jetzt ruhen, ich bin recht müde.

Mit innigem Blick und Kuß entließ er Hedwig, welche der mütterlichen Freundin, Frau Budenberg, ihren Kum⸗ mer um den Oheim, wie die Furcht vor Kruſel's Annähe⸗ rung mittheilte.

Das Letztere müſſen wir zu verhindern ſuchen, ſagte Frau Budenberg entſchieden; ich werde morgen mein Mög⸗ lichſtes thun, um den Herrn Baron davon zurückzu⸗ bringen.

Der Morgen kam, aber Baron v. Geiersberg ant⸗ wortete den Mahnungen der treuen Dienerin nicht, denn er war ein todter Mann.

Wie ſoll ich dies dem Kinde beibringen, wie wird ſie es tragen? frug ſich Frau Budenberg, als ſie, nach⸗ dem die Stunde längſt vergangen war, zu welcher der Baron gewöhnlich nach friſchem Waſſer ſchellte, dies un⸗ aufgefordert hinauf trug, und da den alten Mann ſtill und ruhig, als ſchlummere er, aber mit jener eigenthümlichen Schlaffheit der Mundwinkel, und der Bleifarbe des Todes übergoſſen, auf immer entſchlafen fand. Mit klopfen⸗ dem Herzen betrat ſie Hedwigs Zimmer, aber wer beſchreibt ihr Entſetzen, als ſie die blühende Jungfrau todtenbleich mit ſtarren Augen und keuchendem Athem im Seſſel leh⸗ nend fand.

O mein Gott, Sie wiſſen es alſo ſchon, mein lie bes, liebes Fräulein! rief ſie weinend und eilte auf Hed⸗ wig zu, um ſie an ihrem treuen Herzen aus ihrer Erſtar⸗ rung erwachen zu laſſen.

Ja ich weiß es, ſagte Hedwigonlos;er hat mich verlaſſen! Es lag eine ſolche Gebe chenheit, ein ſolch' Uebermaß des Weh's in dieſen leiſen, ohne jede Betonung geſprochenen Worten, in der ganzen geknickten Haltung des

jungen Mädchens, daß Frau Budenberg alle Troſtgründe

aufbot, um ihr das Natürlis⸗ freigniſſes klar und weniger drückend zu machen. Si ſagte, der Herr Baron möge es wohl ſchon geſtern Abens gefühlt haben; da hob

Hedwig den Kopf empor, ſah ſie angſtvoll an und ſagte:

Aber um Gott Hanna, wovon ſprichſt du denn eigentlich?