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Seite bacchanaliſch roh, auf der andern raffinirt in ſeinen Genüſſen.
Feierſtun
meriſchen Augen verriethen ein vorzeitig gereiftes inneres Leben. Das war auch ſo natürlich; wenn andere Mäd⸗ chen kaum eine Stunde des Tages gewinnen, wo ſie die empfangenen Eindrücke in ſich vertiefen können, ja wenn t ſie bei oberflächlicher Richtung ihrer Erzieher, mehr noch ihrer Altersgefährten überhaupt ſelten einen Eindruck auf⸗ nehmen, der es werth iſt, feſtgehalten zu werden, war Hedwigs eigenes Naturell, und die ſo ganz eigenthümlichen Umgebungen, welche ſich mit ihrem Sein verwebten, völ lig dazu angethan, ihrem Geiſt eine contemplative Rich⸗ tung und undehühnliche Reife zu verleihen.
Frau Chriſtiane war durch die mannigfachen Beſor⸗ gungen, welche ihr die Beerdigung des treuen Gatten auf⸗ erlegte, etwas von dem Sqpmerz abgezogen, den ſie nichts deſto weniger tiefer empfand, als man von der raſchen re ſoluten Frau geglaubt hätte; ſie beſaß nicht jene geiſtige Reife, welche ihr das Schwere gelindert, ſie erfaßte aber mit ihrer tüchtigen Natur das für ſie geeignetſte Heilmittel. Sie arbeitete. Daran erfriſchte ſich ihr Herz, und es erfüllte ſie mit Genugthuung, durch vermehrte Thätigkeit einen großen Theil der Pflichten auszufüllen, denen ſich Ehrenfried mit ſo vielem Eifer unterzog. V
Wieder nahm Heinrich Abſchied, und diesmal auf längere Zeit, denn ſein Meiſter hatte ihm die Ausſicht er öffnet, nach Verlauf eines Jahres Italien bereiſen zu kön nen. Heinrich wußte freilich nicht, daß er, der ihn gleich einem Sohne liebte, heimlich das Reiſegeld für ihn, einem jungen Künſtler gezahlt hatte, welcher ihn als Begleiter mitnahm.
In den drei Jahren ſeit Heinrichs letztem Abſchied hatte ſich ein fremdes Element in das„Kapitel“ einge ſchmuggelt. Leonhard Kruſel, welcher ſich bei der Beerdi gung desaalten Wendler, dem ehemaligen Schulgenoſſen mit gefliſſeittlicher Theilnahme genaht, und von Heinrich in ſeiner Unbefangenheit freundlich aufgenommen ward, hatte ſich beſcheiden beim Herrn Baron die Erlaubniß aus gebeten, einige alte Handſchriften aus deſſen Bibliothek durch⸗ ſehen zu dürfen. Geiersberg, der ſchon ſeit jenem Mor gen, wo zum erſten Mal das Köpfchen Hedwigs an ſeiner Bruſt lehnte, freundlicher und antheilvoller geworden, hatte es ihm gewährt, und Leonhard wußte ſich mit ſchlangen⸗ glatter Schmiegſamkeit in des Barons Anſchauungsweiſe bald ſo feſtzuſetzen, daß er anfangs zweimal wöchentlich, ſpäter täglich kam. Leonhard war mehr träge als unge⸗ lehrig geweſen, und hatte, da ſein Ehrgeiz durch Erfolge ſeiner Schulkameraden aufgeſtachelt ward, ſich mit Energier dem Studium hingegeben. Er wählte die Rechtswiſſenſchaft, da er einſt der Amtsnachfolger ſeines Vaters werden wollte. Nachdem er mit wirklich anerkennenswerthem Eifer ſeine Studien in kurzer Zeit beendete, aſſiſtirte er jetzt dem Va⸗ ter. Er that eben, was er als nothwendig anerkannte, aber nicht ein Atom mehr. So viel Zeit er ſeinen Arbeiten abringen konnte, verlebte er auf der Univerſität im tollen Treiben, wobei er es den Schlimmſten zuvorthat. Wenn die meiſten ſeiner Commilitonen das Vergnügen aufſuchten, ſich auch vor Ausſchreitungen Zeſſelben nicht hüteten, weil ſie theils durch jugendlichen Uebermuth, theils durch das Herkommen dazu getrieben wurden, war Leonhard auf einer
Vor dem Baron wußte er ſeine Sinnesart gut 3u verbergen; auch die übrigen Bewohner des„Kapitels“ waren zu upefanden um ſich nicht im Stillen Vorwürfe über die grundloſe Abneigung gegen den jungen Mann⸗ zu
machen; nur Frau Budenberg ſah tiefer und beſchloß ein
achtſames Auge zu haben,
deu. 1865. 291
da ihr die Beſuche Leonhards in dem ſtillen Haus nicht abſichtslos zu ſein ſchienen. Sie tthat nichts, um die inſtinktive Abneigung Hedwigs gegen den Beſucher, der gerade ihr die größte Zuvorkommenheit und Aufmerkſamkeit zeigte, zu vermindern, denn die liſtig unter der niedrigen Stirn hervorblickenden, ſpähenden, grün grauen Augen flößten ihr ſo wenig Zutrauen ein, wie es das ganze Betragen Leonhards vermochte, aus dem ſich gerade in der Geſellſchaft der durchweg offenen und unge künſtelten Bewohner des Hauſes das Gemachte herausfüht len ließ. Wenn Leonhard im Geſpräch mit Frau Wend⸗ ler den breiten Mund zu ſüßlichem Lächeln verzog, um ihr ſeine Theilnahme an den Erfolgen ihres Herrn Sohnes auszuſprechen, der in ſeinem dreiundzwanzigſten Jahre be⸗ reits den erſten Preis für ſeine Zeichnung eines Doms, der in Süddeutſchland ausgeführt werden ſollte, erworben hatte, ſo ſprach er zum Baron nie anders von Heinrich, als dem„Sohne des Bedienten“. Er fühlte die ſchwache Seite des alten Herrn ſehr gut heraus, und wenn er auch die Theilnahme an dem Vorwärtsſchreiten Heinrichs nicht hemmen konnte, ſo gewann ſie doch beim Baron Wr den fortwährenden Hinweis auf deſſen niedrige Geburt ſtatt des väterlichen Antheils eine Art von Protektormiene, die Hein⸗ rich, wenn er wſederkehrte, nothwendig wehe thun mußte. Und das wollte Leonhard. Der kindliche Haß gegen den geiſtig und körperlich Bevorzugten, der ſo leicht die Her⸗ zen ſeiner Umgebung gewann, war mit Leonhard gewach ſen. Er ſah ſich, den Patrizierſohn, vor der Bewunde⸗ rung des ſchönen, ſittlichen und talentvollen Jünglings, dem Sohne des Bedienten, in den Hintergrund gedrängt, deßhalb wollte er Heinrich da angreifen, wo er ihn am Empfindlichſten zu treffen wußte. Nebenbei war auch die Eitelkeit kleiner Seelen, die ſich nur dann in angemeſſener Umgebung glauben, wenn ſie ſich an den Schatten Hoch geborener heften, ein mächtiger Hebel ſeiner Handlungs⸗ weiſe. Der Baron v. Geiersberg galt trotz, oder vielleicht wegen ſeiner Zurückgezogenheit für die vornehmſte Perſon in und um X, und Leonhard ſtrebte deßhalb ſchon darnach, ſagen zu können, daß er in geſelliger Verbindung mit ihm ſtehe.
Hedwig, die ſich immer herrlicher entwickelte, ent⸗ flammte ſeine Sinne, und er richtete ſein ganzes Streben darnach, ihr Intereſſe zu gewinnen, was ihm jedoch nicht zu gelingen ſchien, denn je mehr er ihr Vertrauen zu er werben ſuchte, deſto ſcheuer zog ſie ſich zurück. Wie die Mimoſe erbebte ſie bei ſeiner Annäherung, und konnte, ſo viel Mühe ſie ſich auch geben wollte, ſeine Freundlichkein zu erwidern, ihre Abneigung gegen dieſe Blicke, dieſes Lächeln, dieſe ganze, ihren Schönheitsſinn verletzende Er ſcheinung nicht überwinden. Auf ſie machte es keinen pein⸗ lichen Eindruck, wenn Leonhard ſprach:„Der Sohn Ihres Bedienten,“ weil ſie in dieſem Verhältniß, das ihr, ſo lange ſie zu denken wußte, ein natürliches geweſen, nichts fand, was den Freund herabſetzte, wenn aber Leonhard Vorkommniſſe ganz unſchuldiger Art aus Heinrichs Kinder⸗ jahren entſtellt wiedergab, fühlte ſie ſich tief verletzt; jedoch trug ſich dieſer Mißklang nicht auf das Bild des Freun des, das ſie immer tiefer in ihr Innerſtes barg, über, nur Leonhard erſchien ihr dabei widerwärtiger, denn ſie fühlte inſtinktartig, daß vor ſeinem Sinn nichts Reines beſtehe. Der Baron war zur Zeit, da Hedwig in vollendeter jung⸗ fräulicher Schönheit ihr fünfzehntes Jahr evreicht, und von Paſtor Muskulus konfirmirt wurde, öfter von Unwohlſein heimgeſucht, wobei ſich Leonhard dem alten Herrn unent
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