Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
290
Einzelbild herunterladen

Feierſtu

290

nden. 1865.

¾--⸗VðBᷣά⸗j⸗⸗--ꝛ⸗⸗⸗--⸗U-⸗⸗-O--OCYYMℳ⸗ꝛxxxxxxxYFFäꝛ⸗õõℳõͥõ-AooörUrWäqéqꝑçęꝛꝛℳOO

trotz des fremden Feuers doch, daß er im Grunde des Her⸗ zens ihr alter Heinrich war. Nun ging es an ein Erzäh⸗ len, wobei ein Jedes etwas Anderes wiſſen wollte. Die Mutter frug nach der Tracht der Nürnbergerinnen und ihren Gebräuchen, alsdann nach ſeiner Wäſche; der Vater wollte die Beſchreibung der unvollendeten ſchönen Kirche des deutſchen Ordens haben; Frau Budenberg frug leiſe, ob er auch nichts vergeſſen aus der Heimath vom erſten Tage an, da ſie ihn ſah, worauf er ihr ſagte, daß jedes Wort, was er einſt gehört, feſt in ſeinem Gedächtniß ſtehe. Der Baron und der greiſe Muskulus ſprachen mit ihm über die Figuren Peter Viſcher's am Sebaldusdenkmal; Erſterer frug nach Beiträgen zu dem Stammbuch, welches ſich in der alten Veſte zu Albrecht Dürer's Andenken be⸗ findet, ſprach mit umgehendem Verſtändniß über die Wand⸗ gemälde im prächtigen Rathhaus von Albrecht Dürer und Gabriel Weiher, den Hautrelief und Stuck, an der Decke des Corridors das Geſellenſtechen von 1446 darſtellend. Ein Jeglicher erhielt eingehenden Beſcheid, und als Hed⸗ wig, die einer dunklen Roſenknoſpe glich, mit ihm allein war, frug ſie ihn mit ſtockender Stimme:Heinrich, du haſt die kluge und gute Klara wohl nun viel lieber als mich armes unwiſſendes Mädchen? Heinrich nahm beide Hände des frühreifen, ſchon jetzt in knoſpender Schönheit prangenden Kindes in ſeine, und antwortete ihr mit dem innigen Tone, den er ſeiner Stimme immer gab, wenn er zu ihr ſprach:Nein, mein Hedchen! So lieb als dich habe ich kein anderes Mädchen; Klara iſt eine ſeltene köſt⸗ liche Perle in voller Schönheit, ſie iſt ein ſanftes häus⸗ liches und verſtändiges Weib, wie ſie unſer Dürer ſo herr⸗ lich zeichnete, und wenn man ſie betrachtet, begreift man, warum die großen Meiſter die deutſchen Frauen ſo gern malten; aber du biſt meine Roſenknoſpe, die mit ihrem Duft meiner ganzen Kindheit die Poeſie brachte, du biſt wie eine Blüthe, die ſich im Dunkeln und Geheimen er⸗ ſchließt, um mit ihrem Wunderglanz dereinſt die Welt zu überraſchen; und ſo klug als du jetzt ſchon biſt, iſt Klara nicht; welch' Mädchen verſtände auch ſo ſchön Latein und Griechiſch wie du, welche hätte ſo tiefe Empfindung und Verſtändniß für die göttliche Kunſt, wie ſie dir durch den Unterricht deines gütigen Verwandten und das ſtete Ver⸗ kehren mit ſchönen und antiken Zeichnungen und Gegen⸗ ſtänden wird. Nur ein ſo eigenthümlich geſtaltetes Leben wie das deine, das losgetrennt von allem Kleinlichen und Gemeinen ſtets das Reine und Hohe ſieht, kann bei einer Begabung, wie ſie dir eigen iſt, ein ſo wunderbares Kind zeitigen.

Hedwig begriff dieſe in halbem Vergeſſen wie zu ſich ſelbſt geſprochenen Worte nicht ganz, aber ſie fühlte doch mit unendlichem Glück das Eine heraus, daß Heinrich ſie noch immer lieb habe, wie vorher, Nur zu ſchnell waren die glücklichen Tage des Beiſammenſeins verfloſſen. Hein⸗ rich wanderte an den Rhein, kehrte dann nach Nürnberg zurück, von wo ihn nach zweijährigem Aufenthalt die Trauer⸗ kunde von der hoffnungsloſen Krankheit des Vaters aber⸗ mals nach Hauſe rief. Er kam noch zurecht, um dem Sterbenden das Glück zu gewähren, den geliebten Sohn, in dem er ſeine ganze Freude und Hoffnung beſeſſen, ſeg nen zu können. Er verſchied nach den Worten:Großer Meiſter der Welten, ſegne dieſen Anfänger und Lehrling in der Bauhütte, daß er treue Bruderliebe unter den Men⸗ ſchen finde, und mit Kraft und Ehre ſein Tagewerk voll⸗ bringe! Dann entſchlief er ſo ſanft und ruhig wie ſeine Tage geweſen waren.

Linien des Geſichts, der kleine volle Mund 4

Niemand hätte geglaubt, daß der Tod des ſtillen, beſcheidenen Mannes eine ſo fühlbare Lücke machen werde; überall fehlte die ruhig waltende Geſchäftigkeit, mit der er ohne Geräuſch Alles angefaßt und gethan hatte, was zum Behagen der Hausbewohner und zur Aufrechthaltung der Ordnung nöthig war. Wie manch' Anderem, erging es auch ihm; nachdem er geſchieden, trat ſein Werth erſt in's hellſte Licht. Heinrich, der ihm am Nächſten geſtanden, an Sinnigkeit geglichen, ihn aber an Geiſt und Verſtand über⸗ ragt hatte, war tief erſchüttert von dem erſten Verluſt, der mit einem Male den roſigen Schleier zu zerreißen drohte, welcher ſich ihm um das Leben webte. Erlernte aber auch etwas Anderes kennen:Die Süßigkeit des Schmerzes. Wenn das Leid an uns heran tritt, underſchuldet und in natürlicher Geſtalt, wenn wir betrauern aber hochhalten und in uns verklären können, was uns genommen ward, dann liegt Seligkeit im Schmerz, ſo daß ſich das Herz, welches ſich gebeugt und beraubt glaubt, doch mit Wonne dem Leid hingibt, daß es ihm den befruchtenden Thau, die ſtillen, ſanft fließenden Thränen entlockt, welche das innere Sein zeitigen und erſtarken laſſen. Heinrich zahlte reich⸗ lich den Tribut der Thränen an ſein Herz, und die Nebel zerriſſen ihm wieder; er nahm das Bild des ſtillen Man⸗ nes in ſich auf, und verklärte es da mit treuer Kindes⸗ liebe. Für Hedwig war das Ereigniß ernſter; ſie ſah zum erſten Male die Nichtigkeit des Lebens, das Zurückgehen der Menſchennatur, während ſie bisher nur von Fortſchrei⸗ tung und Veredlung gehört hatte. Sie konnte ſich am Langſamſten und Schwerſten darein finden, daß dieſer ſteife, kalte Körper, dieſe bei aller Aehnlichkeit, doch in unheim⸗ licher Starrheit befangenen Züge das Ende des Menſchen⸗ lebens ſein könne, das in ihrem eigenen Gemüth, mehr noch in Heinrich ſo reich und herrlich vor ihnlag. Wenn ſie auch den Schmerz der Trennung ſchon bei Heinrichs Scheiden erfahren, ſo lag doch eine ſo hoffnungsfreudige Poeſie darin, daß ſie ihn der Welt gab, aus welcher er jedes Mal ſchöner und reicher ausgeſtattet zurückkehrte. An dem Sarge des alten Mannes ſtand ſie aber ſtarr und der Gedanke peinigte ſie, daß der Leib der feuchten Erde über⸗ geben werde, ſtatt wie bei den Alten das Einzige, was vom Körper bleibt, die Aſche, in eine Urne zu ſammeln.

Wäre ſie Katholikin geweſen, dann würde ſie leicht mit der blumenreichen Poeſie des Glaubens dieſe Schreck⸗ niſſe überkleidet haben; der Baron hatte ſie aber in ſtreng proteſtantiſcher Richtung erzogen, d. h. gelehrt, ſich Alles zu zerlegen, was unklar war, ehe ſie es in ſich aufnahm; er hatte ſtets darnach geſtrebt, daß ſie ihre religiöſen Stützen im Glauben an Tugend in der Ausübung und Erkenntniß des Rechten zu ſuchen habe. Ein junges ein⸗ ſames Mädchen bedarf jedoch der Blüthen und zeitigt dieſe am liebſten auf religiöſem Boden, was ihr über manch' unverſtandene Regung der erwachenden Jungfräulichkeit hin⸗ weghilft, bis ihre Neigung einen beſtimmten Charakter an⸗ genommen. Nun war es Heinrich, den ſie im Innern ihres Herzens mit allem Zauber der Poeſie umkleidete, und ihm all' die treibenden Knoſpen ihrer Phantaſie darbrachte. Heinrich, der jetzt 21 Jahre alt, noch ſo rein und gut, aber auch ſo ſchön war, dem aus den intelligenten Augen der hohen weißen Stirn der Genius leuchtete, war e auch ein würdiger Gegenſtand ihrer Träume, an den die Poeſie ihres Herzens hinaufranken konnte, ſelbſt war faſt kein Kind mehr zu nennen; groß war trotz ihrer 12 Jahre ihre Geſtalt

b

ber 1 AI