Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
559
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1 Feierſtunden. 1864.

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W-ͦęO;

Ja, lieber Pip, erwiederte ſie.

Und Joe, wie geputzt auch du biſt! Ja, lieber Pip, alter Junge.

Ich ſchaute ſie beide an,

Es iſt heut mein Hochzeitstag! rief Biddy

Ausbruche von Glückſeligkeit;ich bin mit Joe verheirathet!

Sie hatten mich in die Küche geführt, und ihren Lippen, und Joe's tröſtende

Er war noch nicht ſtark genug für eine ſolche Ueberraſchung, ſagte Joe.

Ja, ich hätte daran denken ſollen, verſetzte Biddy,aber ich war zu glücklich. 5

ſtolz, mich zu ſehen, tief gerührt, daß ich zu ihnen kam, und ent⸗ zückt, daß ich zufällig gekommen war, um das Glück dieſes Tages für ſie zu krönen. Joe nie eine Sylbe in Betreff dieſer jetzt vereitelten Hoffnung ver⸗ traut hatte. Wie oft hatten die Worte mir auf den Lippen geſchwebt, während er in meiner Krankheit bei mir war! Wie unwiderruflich wäre es zu ſeiner Kenntniß gelangt, wenn er nur eine Stunde län⸗ ger verweilt hätte!.

Liebe Biddy, ſagte ich,du haſt den beſten Mann von der ganzen Welt, und wenn du ihn an meinem Bette hätteſt ſehen kön⸗ nen, ſo würdeſt du ihn doch nein, du könnteſt ihn nicht mehr lieben, als du thuſt..

Nein, Biddy. 4

Und du, lieber Joe, du haſt das beſte Weib in der ganzen Welt, und ſie wird dich ſo glücklich machen, wie du es verdienſt, du guter, lieber, edler Joe!

Joe blickte mich mit bebenden Lippen an, und drückte den Aer⸗ mel ſeines Rockes auf die Augen.

Und nun, Joe und Biddy, da Ihr heut in der Kirche gewe⸗ ſen ſeid und für die ganze Menſchheit nur Liebe und Wohlwollen fühlt, ſo nehmet auch meinen demüthigen Dank für alles das an, was Ihr für mich gethan habt, und was ich ſo ſchlecht vergolten habe! Und wenn ich ſage, daß ich innerhalb einer Stunde wieder fort gehe(denn ich werde England bald verlaſſen), und daß ich nicht eher ruhen will, als bis ich das Geld erworben und Euch zugeſen⸗ det baben werde, mit dem Ihr mich vor dem Gefängniſſe bewahrt habt, ſo glaubet nicht, lieber Joe und liebe Biddy, daß ich, wenn es in meiner Macht ſtände, Euch die Summe tauſendmal zu zahlen, jemals glauben würde, dadurch einen Penny an meiner Schuld ge⸗ tilgt zu haben, und daß ich es thun würde, wenn ich könnte!

1 Beide waren tief gerührt von dieſen Worten, und baten mich, nichts weiter zu ſagen.

Aber ich muß Euch noch mehr ſagen. Lieber Joe, ich hoffe, daß Ihr Kinder haben werdet, die Ihr liebt, und daß in den Win⸗ terabenden ein kleiner Bube in dieſer Ecke ſitzen wird, der Euch an einen andern kleinen Buben erinnern wird, welcher die Ecke für im⸗ mer verlaſſen hat. Sage ihm nicht, Joe, daß ich undankbar ge⸗ weſen bin; ſage ihm nicht, Biddy, daß ich herzlos und ungerecht war; ſaget ihm nur, daß ich Euch beide geehrt habe, weil Ihr ſo gut und treu waret, und daß ich geſagt, er müſſe natürlich, als Euer Kind, zu einem viel beſſeren Manne heranwachſen, als ich geworden.

Nichts von der Art werde ich hinter ſeinem Aermel wird es.

Und nun, obgleich ich weiß, daß Ihr es in Eueren guten Her⸗ zen bereits gethan habt, bitte ich Euch, ſaget mir, daß Ihr mir ver⸗ ziehen habet! Laſſet mich dieſe Worte hören, damit ich ihren Klang mit mir hinweg nehme, und dann werde ich zu glauben vermögen, daß Ihr mir werdet vertrauen und in Zukunft beſſer von mir den⸗ ken können!

O lieber, alter Pip, alter Junge, ſagte Joe,Gott weiß, da ich dir vergebe, wenn ich dir überhaupt etwas zu vergeben aabe!

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wahrlich, ich könnte ihn nicht mehr lieben, verſetzte

ihm ſagen, Pip, ſchluchzte Joe hervor,und Biddy auch nicht und keiner

m BükAmen! verſetzte Biddy.Gott weiß, daß ich es auch thus. 1 Arn⸗Nun laſſet mich hinauf gehen, um noch einmal mein altes,

kleines Zimmer zu ſehen und einige Minuten darin zu ruhen, und dann, nachdem ich mit Euch geſpeist und getrunken haben werde, begleitet mich, lieber Joe und liebe Biddy, bis an den Wegweiſer, ehe Ihr mir Lebewohl ſaget!

von dem Einen auf die Andere und und 8 hatt. plötzlich in einem land verlaſſen, und innerhalb zweier Monate war ich Commis bei

ich hatte den Kopf auf den alten Holztiſch gelegt. Biddy hielt eine meiner Hände an Hand ruhte auf meiner Schulter.

Sie waren Beide unendlich erfreut, mich zu ſehen, unendlich ſchränkt, bezahlte meine Schulden,

Mein erſtes Gefühl war das des Dankes, daß ich dem dten llichen müſſe.

jenes Gefühl nannte, iſt dahin, ganz dahin.

Ich verkaufte Alles, was ich beſaß, und legte ſo viel als mög⸗ lich zu einem vorläufigen Vergleiche mit meinen Gläubigern bei Seite, welche mir zu ihrer vollen Befriedigung hinreichende Zeit ließen ging zu Herbert. Vor Ablauf eines Monats hatte ich Eng⸗

Clarricker und Comp., und als vier Monate verſtrichen waren, be⸗ fand ich mich zum erſten Male in einer ſelbſtſtändigen, verantwort⸗ lichen Stellung. Denn der an der Decke des Zimmers in Mill Pond Bank befindliche Balken hatte aufgehört, unter dem Brüllen des alten Bill Barley zu beben, Herbert war nach England gegangen, um ſich mit ſeiner Clara zu verbinden, und mir war, bis zu ſeiner Rück⸗ kehr mit ihr, die alleinige Verwaltung des im Oriente befindlichen Zweiggeſchäftes übertragen worden.

Manches Jahr verging, ehe ich Theilhaber im Geſchäfte wurde; aber ich lebte glücklich mit Herbert und ſeiner Frau, lebte einge⸗ und unterhielt einen fortwähren⸗

Joe. Erſt als ich der Dritte in der Firma war, verrieth mich Clarriker gegen Herbert, indem er erklärte, daß er das Geheinmiß in Betreff der Theilhaberſchaft Her⸗ berts lange genug auf ſeinem Gewiſſen habe und endlich veröffent⸗ Er erzählte alſo Alles, und Herbert war eben ſo ge⸗ rührt als erſtaunt, und meine Freundſchaft mit dem guten Men⸗ ſchen erlitt durch die lange Verheimlichung keinen Abbruch. Man darf nicht glauben, daß wir je ein großes Haus waren und große Reichthümer ſammelten; nein, unſer Geſchäftsbetrieb war nie groß⸗ artig, aber wir hatten einen guten Namen, arbeiteten mit Vortheil und befanden uns wohl. Dem Fleiße meines ſtets heiteren Freun⸗ des Herbert hatten wir ſo viel zu danken, daß ich mich oft darüber wunderte, wie ich früher auf die Idee hatte kommen können, daß er untüchtig ſei, bis mir eines Tages die Vermuthung Aufklärung gab, daß die Untüchtigkeit nicht in Herbert, ſondern in mir gelegen habe.

den Briefwechſel mit Biddy und

Ueunundfünfzigſtes Kapitel.

Elf Jahre lang hatte ich Joe und Biddy mit meinen leiblichen Augen nicht geſehen obgleich ſie im Orient oft vor meinem Geiſte geſtanden hatten als ich an einem Dezemberabend, nicht lange nach dem Dunkelwerden, meine Hand auf das Schloß an der Thur ihrer Küche legte. Ich berührte es ſo leiſe, daß mich Niemand hörte, öffnete, und blickte unbemerkt in das Innere. Dort, auf dem alten, gewohnten Platze am Kaminfeuer ſeine Pfeife rauchend, noch eben ſo geſund und kräftig wie früher, nur etwas grauer geworden, ſaß Joe; und dort, durch Joe's Bein in eine Ecke des Kamins gedrückt, auf meinem kleinen Schemel ſitzend und in das Feuer ſtarrend, war ich!

Wir haben ihn aus Liebe zu dir Pip genannt, alter Junge,. ſagte Joe entzückt, als ich einen anderen Schemel nahm und mich an des Kindes Seite ſetzte(ohne jedoch ſein Haar zu zauſen),und gehofft, daß er dir ähnlich werden werde, und glauben auch, daß er es wird..

Ich glaubte es auch, und machte am folgenden Morgen einen Spaziergang mit dem Kleinen, auf dem wir unendlich viel mit einander ſprachen und uns vollkommen verſtanden. Dann führte ich ihn nach dem Kirchhofe und ſetzte ihn auf einen gewiſſen Grabſtein, von wo aus er mir den Stein zeigte, welcher dem Andenken an Philipp Pir⸗ rip, weiland Einwohner dieſes Kirchſprengels, und an Georgiana, deſſen Frau, gewidmet war.

Biddy, ſagte ich, als wir nach dem Mittageſſen mit einander plauderten, während ihr kleines Mädchen ſchlummernd auf ihrem Schooße lag,deinen kleinen Pip mußt du mir geben oder wenig⸗ ſtens für einige Zeit leihen.

Nein, nein, entgegnete ſie ſanft,du mußt heirathen.

Das ſagen Herbert und Clara auch, aber ich glaube nicht, daß es je geſchehen wird, Biddy. Ich habe mich in ihre Häuslichkeit ſo eingeniſtet, daß es ſehr unwahrſcheinlich iſt.

Biddy ſchaute auf ihr Kind hinab, drückte die kleine Hand des⸗ ſelben an ihre Lippen und legte dann ihre eigene gute, mütterliche Hand in die meinige. In dieſer Handlung und in dem leichten Drucke ihres Trauringes lag Etwas, das außerordentlich beredt zu mir ſprach.

Lieber um ſie?

O nein nein, Biddy.

Geſtehe es mir, einer alten ganz vergeſſen?

Meine liebe Biddy, ich habe nichts vergeſſen, das je einen der erſten Plätze in meinem Herzen einnahm, und wenig, das überhaupt einen Platz darin hatte. Aber der armſelige Traum, wie ich einſt

Lip, ſagte Biddy,du grämſt dich doch nicht mehr

Freundin, offen, haſt du ſie

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