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Dieß erinnerte mich an den ſeltſamen Unterſchied zwiſchen dem r kriechenden Weſen, mit dem er mir in meinem Glücke ſeine Han mit den Worten:„Darf Herablaſſung, mit der er mir jetzt ſeine fetten fünf Finger darreichte.
„Ha!“ fuhr er fort, mir die Butterſchnitte reichend,„werden
Sie auch zu Joſeph gehen?“
dend,„was geht es Sie an, wohin ich gehe? Laſſen Sie die Thee⸗ kanne ſtehen!“
Es war das Schlimmſte, was ich hätte thun können, denn es gab Pumbleechook die Gelegenheit, auf die er wartete.
„Ja, junger Mann,“ ſagte er, ſeine Hand von dem erwähnten Gegenſtande abziehend, mehrere Schritte zurücktretend und für die Ohren des Wirthes und des an der Thür ſtehenden Kellners ſpre⸗ chend,„ich will die Theekanne nicht berühren. Sie haben Recht,— dieſes Mal haben Sie Recht. Ich vergaß mich, indem ich ſo viel Intereſſe an Ihrem Frühſtück nahm, daß ich Ihren durch verſchwen⸗ deriſche Ausſchweifungen geſchwächten Körper wieder mit der heil⸗ ſamen Nahrung Ihrer Voreltern zu ſtärken wünſchte. Und dennoch,“ fügte er, ſich nach dem Wirth und dem Kellner umwendend und mit ausgeſtrecktem Arme auf mich deutend, hinzu,„iſt Er es, mit dem ich in den glücklichen Tagen ſeiner Kindheit geſpielt habe. Sa⸗ gen Sie mir nicht, daß er es nicht ſei; ich ſage Ihnen, er iſt es!“
Beide antworteten mit einem leiſen Murmeln. Beſonders ſchien der Kellner ergriffen zu ſein.
„Er iſt es,“ fuhr Pumblechook fort,„den ich in meinem Wa⸗ gen habe fahren laſſen. Er iſt es, den ich mit der Hand habe auf⸗ ziehen laſſen. Er iſt es, deſſen Schweſter durch Heirath meine Nichte wurde, und deren Name, wie der ihrer Mutter, Georgiana Maria war. Er mag es leugnen, wenn er kann!“
Der Kellner ſchien überzeugt zu ſein, daß ich es nicht leugnen könne, und daß die Sache dadurch ein ſehr ſchwarzes Ausſehen be⸗ komme.
„Junger Mann,“ ſagte Pumblechook, indem er, ſeiner alten Gewohnheit gemäß, mit dem Kopfe auf mich hineinbohrte,„Sie wollen zu Joſeph gehen. Was es mich kümmere, fragen Sie, wo⸗ hin Sie gehen? Ich ſage Ihnen, Sie wollen zu Joſeph gehen.“
66. Der Kellner huſtete, als wenn er mich beſcheiden auffordern wollte, das zu widerlegen.
„Nun,“ fuhr Pumblechook mit der unerträglichen Miene fort, als wenn er ſeine Zuhörer nur im Intereſſe der Tugend überzeugen wollte,„nun hören Sie, was Sie zu Joſeph ſagen ſollen. Hier iſt Mr. Sauires, der Beſitzer des ‚Blauen Ebers', ein in der Stadt bekannter und geachteter Mann, und hier iſt William, deſſen Vaters⸗ name Potkins war, wenn ich nicht irre.“
„Nein, Sie irren ſich nicht,“ bemerkte William.
„In ihrer Gegenwart will ich Ihnen ſagen, junger Mann, was Sie zu Joſeph ſagen ſollen. Sagen Sie:„Joſeph, ich habe heute meinen früheſten Wohlthäter und den Gründer meines Glückes ge⸗ ſehen. Ich will keinen Namen nennen, Joſeph, aber ſo wird er in der Stadt genannt, und ich habe den Mann geſehen.“
„Ich ſchwöre, daß ich ihn hier nicht ſehe!“ rief ich.
das auch zu ihm, und ſelbſt Joſeph wird vielleicht erſtaunen.“
„Sie irren ſich ſehr in ihm,“ erwiederte ich;„das weiß ich beſſer.“ 8
„Sagen Sie,“ fuhr Pumblechook fort:„Joſeph, ich habe den Mann geſehen, und der Mann hegt keinen Groll gegen dich und keinen Groll gegen mich. Er kennt deinen Charakter, Joſeph, und
rakter und meinen Mangel an Dankbarkeit. Ja, Joſeph“ ſagen Sie das,“ fügte Pumblechook hinzu, indem er den Kopf und die Hand drohend gegen mich ſchüttelte,„er weiß, daß keine Spur na⸗ türlicher Dankbarkeit in mir vorhanden iſt. Er weiß es, Joſeph,
Feierſtunden 1864.
·CC-———⸗ℳ—ꝛ d laſſung haſt, es ich?“ angeboten, und der prahleriſchen die
geben, den ich jetzt ausrichten will. in meinem Herunterkommen die Hand der Vorſehung erkannt habe. .. 3 Er erkannte die Hand, als er 9„ rie er W e e A:: 3 5. 3 7. „Um des Himmels willen,“ rief ich, wider Willen heftig wer zeigte ihm folgende Worte, Joſeph: Lohn der Undankbarkeit gegen ſeinen früh ſeines Glückes! Aber der Mann ſagt, daß er nicht bereue, was
than habe und was er wieder thun werde.“
Kinder ließen ſich ſehen, und Biddy'
„Sagen Sie das auch,A entgegnete Pumblechook,„ſagen Sie
weiß, wie dumm und unwiſſend du biſt, und er kennt meinen Cha⸗
wie kein Anderer. Du weißt es nicht, Joſeph, da du keine Veran⸗ zu wiſſen, aber er weiß es!*“
Ein ſo windiger Eſel er auch war, ſo ſtaunte ich doch, daß er Frechheit hatte, mir das in das Geſicht zu ſagen.
„Sagen Sie: ‚Er hat mir einen kleinen Auftrag an dich ge⸗ Derſelbe beſteht darin, daß er
ſie erblickte, und ſah ſie deutlich. Sie eſten Wohlthäter und den Gründer
er gethan habe, keineswegs; daß es recht geweſen ſei und menſchen⸗
freundlich, und daß er es wieder thun werde.“
„Es iſt ſehr ſchade,“ bemerkte ich verächtlich, mein unterbro⸗ chenes Frühſtück beendigend,„daß der Mann nicht ſagt, was er ge⸗
„Mr. Squires,“ ſchloß nunmehr Pumblechook, an den Wirth' gewendet, ſeine Rede,„und William! Ich habe nichts dagegen, wenn Sie, ſofern es Ihr Wunſch iſt, oben in der Stadt oder unten in
der Stadt erzählen, daß es recht und menſchenfreundlich geweſen ſei,
es zu thun, und daß ich es wieder thun würde.“
Nach dieſen Worten ſchüttelte er beiden mit ſtolzer Miene die Hand und verließ das Haus, während ich, weit mehr erſtaunt als erbaut über die Tugenden dieſes unbeſtimmten„es“, zurückblieb Bald nach ihm verließ ich auch das Haus, und als ich die Haupt⸗ ſtraße hinunter ging, ſah ich ihn vor ſeiner Ladenthür(wahrſchein⸗ lich mit derſelben Wirkung), einer auserwählten Gruppe Vortrag
halten, die mich mit ſehr ungnädigen Blicken beehrte, als ich auf
der anderen Seite der Straße vorüberging.
Um ſo angenehmer war es aber für mich, jetzt zu Biddy und Joe zu gehen, deren große Langmuth, im Vergleich mit der Frech⸗ heit dieſes Betrügers, deſto glänzender leuchtete, wenn es möglich war. Ich ſchritt langſam, weil meine Glieder noch ſchwach waren, aber mit ſteigender Erleichterung, während ich ihnen näher und näher kam und alle Lüge und Anmaßung immer weiter und weiter hinter mir zurückließ.
Das Juniwetter war herrlich. Kein Wölkchen ſtand am tief⸗ blauen Himmel, die Lerchen ſchwirrten hoch über dem grünen Korn und die ganze Gegend erſchien mir ſchöner und ruhiger als je zuvor⸗ Manche liebliche Bilder von dem Leben, welches ich dort führen wollte, und der wohlthätigen Veränderung, die mit meinem Charak⸗
ter vorgehen würde, wenn ich erſt einen leitenden Geiſt an meiner
Seite hatte, deſſen Herzensgüte und klaren häuslichen Verſtand ich⸗ erprobt, begleiteten mich. Sie erweckten zärtliche Regungen in mir⸗ denn mein Herz war durch die Rückkehr weicher geworden, und eine ſolche Veränderung war in mir vorgegangen, daß ich mir wie ein Menſch vorkam, der barfuß und ermüdet von weiten Reiſen heim⸗ kehrte und deſſen Wanderungen viele Jahre gedauert hatten.
Das Schulhaus, in welchem Biddy Lehrerin war, hatte ich noch nicht geſehen; allein die kleine Nebengaſſe, bemerkt zu bleiben, in den Ort ging, führte mich daran vorüber. Zu meinem Leidweſen fand ich jedoch, daß es Feiertag war; keine s Haus war verſchloſſen. Ich. hatte gehofft, ſie in ihren täglichen Pflichten beſchäftigt zu ſehen, ehe ſie mich bemerkte, und war darin getäuſcht worden.. Aber die Schmiede lag nur in geringer Entfernung, und ich⸗ ſchritt unter den grünen Lindenbäumen dahin und horchte ſchon von ffern auf die Schläge von Joe’'s Hammer. Lange nachdem ich ſie hätte hören ſollen und lauge nachdem ich ſie zu hören geglaubt, fand ich endlich, daß es nur Einbildung geweſen und daß Alles ſtill war. Die Linden waren da und die weißen Dornbüſche waren da und die Blätter rauſchten harmoniſch, während ich ſtehen blieb, um zu hor⸗ ſchen, aber die Schläge von Joe's Hammer trug der Sommerwind
nicht zu mir herüber... fürchtete ich mich faſt, der Schmiede
Ohne zu wiſſen, weßhalb, ſie endlich und ſah, Funken ſprühten,
nahe zu kommen, aber erblickte
ſchloſſen war. Kein Feuer brannte, keine
Blaſebalg blies,— Alles war ſtill und verſchloſſen. und das beſte Zimmer
denn an dem Fenſter flatter⸗
Doch das Haus war nicht verlaſſen, ſchien in Gebrauch genommen zu ſein;.
ten weiße Vorhänge, und das Fenſter ſtand offen und war mit Blu⸗ men geſchmückt. Leiſe ging ich näher, um einen verſtohlenen Blick durch die Blumen zu thun, als plötzlich vor mir ſtanden.„ . Im erſten Augenblicke ſtieß Biddy einen Schrei aus, als wenn ſie glaubte, ein Geſpenſt zu ſehen, aber im nächſten lag ſie in mei⸗ nen Armen. Ich weinte bei ihrem Anblicke, und ſie weinte bei dem meinigen; ich, weil ſie friſch und lieblich war, und ſie, weil ich ſo krank und leidend ausſah.
„Aber liebe. Biddy, wie geputzt du biſt!“ ſagte ich.
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durch welche ich, um un⸗ 1
daß ſie ver⸗ kein
Joe und Biddy, Arm in Arm,


