Teil eines Werkes 
Band 2
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560
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türlie

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Feierſtu

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Deſſen ungeachtet war es, während ich dieſe Worte ſprach, im

Geheim meine Abſicht, an dieſem Abende das alte Haus noch ein⸗ mal um ihretwillen zu beſuchen, ja, um Eſtella's willen. Ich hatte früher gehört, daß ſie ein unglückliches Leben führe und von ihrem Gatten getrennt ſei, der ſie grauſam behandelt hatte und als eine Miſchung von Stolz, Geiz, Rohheit und Niedrigkeit bekannt geworden war. Dann hatte ich von dem Tode ihres Gatten gehört, der bei Gelegenheit der Mißhandlung eines Pfer⸗ deserfolgt war. Dieſe Befreiung hatte ich vor ungefähr zwei Jah⸗ ren erfahren, ſie konnte aber, was ich nicht wußte, wieder verheira⸗ thet ſein. Die Gewohnheit in Joe's Hauſe, früh zu Mittag zu eſſen, ließ mir, ohne mein Geſpräch mit Biddy abzukürzen, hinreichende Zeit, um vor dem Dunkelwerden nach dem alten Orte zu gehen. Allein durch häufiges Stillſtehen, um alte bekannte Stellen zu be⸗ trachten und an vergangene Dinge zu denken, verſtrich die Zeit den⸗ noch ſo, daß der Abend nahe war, als ich endlich dahin gelangte. Kein Gebäude ſtand mehr dort, keine Brauerei, nichts war übrig geblieben, als die alte Gartenmauer. Der offene Platz war mit einem rohen Zaun

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nden. 1864.

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Ich habe immer gehofft und beabſichtigt, hierher zurückzukom⸗ men, aber bin durch Umſtände daran verhindert worden. Die arme alte Stätte!

Die erſten Strahlen des Mondlichts berührten jetzt den ſilbernen Nebel und ſchimmerten in den Thränen, die aus Eſtella's Augen hervorquollen. Nicht ahnend, daß ich ſie ſah, und bemüht, ſie zu⸗ rückzudrängen, ſagte ſie ruhig:

Saben Sie ſich gewundert, als Sie hierher kamen, den Ort in dieſem Zuſtande zu finden?

Ja, Eſtella.

Der Grund und Boden gehört mir. Es iſt das einzige Beſitz⸗ thum, das ich nicht aufgegeben habe. Alles Andere iſt mir, nach und nach entriſſen worden. Es war der Gegenſtand des einzigen entſchloſſenen Widerſtandes, den ich in allen den unglücklichen Jahren geleiſtet habe.

Soll der Platz wieder bebaut werden?

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Jetzt endlich. Ich kam deßhalb hierher, um von ihm Abſchied zu nehmen, ehe die Veränderung vorgeht. Und Sie, fügte ſie in

umgeben worden, und als ich über denſelben blickte, ſah ich, daß der welke Epheu neue Wurzeln geſchlagen hatte und an manchen⸗ Schutthaufen wieder grün empor ſproßte. Da eine Pforte im Zaune offen ſtand, ſos ging ich hinein.

Ein kalter Nebel hatte den ganzen Nach⸗ mittag über der Flur gelegen, und der Mond I war noch nicht aufge⸗ ſtiegen, um ihn zu ve treiben. Allein die Sterne leuchteten ober⸗ halb des Nebels, und der Mond kam, und der Abend war nicht dunkel. Ich konnte deutlich erkennen, wo das alte Haus geſtan⸗ den hatte, und wo die Brauerei, die Pforten und die Fäſſer. Da⸗ mit fertig, ſchaute ich 5 den öden Gartenpfad hinunter, als ſich mir eine einſame Geſtalt zeigte.

Sie bemerkte mich auch, während ich vorwärts ſchritt. Vorher war ſie mir entgegen gegangen, jetzt aber ſtand ſie ſtill. Es war die Geſtalt eines Frauenzimmers. Als ich ihr näher kam, war ſie im Begriffe umzuwenden, aber blieb ſtehen und ließ mich heran kom⸗ men. Dann ſtiutzte ſie, ſtotterte meinen Namen und ich rief:

Eſtella!

Ich bin ſehr verändert, ſagte ſie;es wundert mich, daß Sie mich erkennen.

Die Friſche ihrer Schönheit war allerdings verſchwunden, aber die unbeſchreibliche Anmuth war geblieben. Dieſen Reiz kannte ich von früher; was ich jedoch früher nicht an ihr wahrgenommen hatte, war das trübere und ſanftere Licht der einſt ſo ſtolzen Augen, was ich früher nicht gefühlt hatte, war die freundliche Berührung ihrer ehedem ſo kalten Hand. 1

Wir ſetzten uns auf eine nahe Bank, und ich ſagte:

Es iſt ſeltſam, daß wir uns nach ſo vielen Jahren gerade an

ſtattfand! Kommen Sie oft hierher zurück?

Ich bin ſeitdem nie hier geweſen.

Ich auch nicht.

Der Mond begann ſich zu erheben, und ich gedachte des abge⸗ ſchiedenen Magwitch und ſeines ruhigen Blickes nach der weißen Decke des Zimmers. Der Mond begann ſich zu erheben, und ich dachte an den Druck, den meine Hand empfunden, als ich die letzten Worte geſprochen hatte, die er auf Erden vernahm.

Eſtella brach zuerſt das zwiſchen uns eingetretene Schweigen.

war jedes Scheiden von jeher ſchmerzlich. 1 1 d rung an unſer letztes Scheiden unendlich traurig und ſchmerzhaft geweſen.

einem Tone hinzu, in dem für einen Wan⸗ erer eine unendlich ührende Theilnahme lag,leben Sie noch mmer im Auslande?

Noch immer.

Und es geht Ihnen ohne Zweifel ut?

Ich muß für ein zureichendes Einkom⸗ nen angeſtrengt arbei⸗

ſagen ja, es geht mir gut. Ich habe oft an Sie gedacht. Wirklich? In der letzten Zeit recht oft. Viele⸗ ſchwere Jahre hindurch hielt ich die Erinne⸗ rung an das. was i fortgeworfen, ſeinen Werth hatte, fern vo⸗ aber ſeitdem es mit meinen Pflichten nicht zmaehr unvereinbar war, die Erinnerung daran zuzulaſſen, habe ich ihr einen Platz in mei⸗ nem Herzen eingeräumt.

Sie haben immer Ihren Platz in meinen Herzen behalten, antwortete ich.

Wir ſchwiegen wieder beide, bis ſie von Neuem begann.

Ich ahnte nicht, ſagte Eſtella,daß ich auch von Ihnen Ab⸗

ſchied nehmen würde, indem ich von dieſem Platze Abſchied nehme. Aber es freut mich.

Es freut Sie, wieder ſcheiden zu müſſen, Eſtella? Für mich Für mich iſt die Erinne⸗

Aber Sie ſagten zu mir, erwiederte Eſtella mit großer Wärme,

Gott ſegne Sie! Gott verzeihe Ihnen! Und wenn Sie das da⸗ mals zu mir ſagen konnten, ſo werden Sie keinen Anſtand nehmen, ſes auch jetzt zu mir zu ſagen, nachdem ich durch die Schule des Lei⸗ dens gegangen bin und darin erkennen gelernt habe, was Ihr Herz war. Ich bin gebeugt und gebrochen, aber dem Orte wieder treffen müſſen, an dem unſere erſte Begegnung gebeſſert worden.

wie ich hoffe auch Seien Sie jetzt ſo gut und nachſichtig gegen mich,

wie Sie damals waren, und ſagen Sie, daß wir Freunde ſind.

Wir ſind Freunde! erwiederte ich, indem ich aufſtand und

mich über ſie beugte, während ſie ſich von der Bank erhob.

Und wollen auch getrennt Freunde bleiben! ſagte Eſtella. Ich nahm ihre Hand in die meinige und wir verließen den öden

Platz; und, ſo wie die Morgennebel aufgeſtiegen waren, als ich vor langer Zeit zum erſten Male die Schmiede verließ, ſo ſtiegen jetzt die Abendnebel auf, und in dem weiten, von ſtillem Lichte erhellten Raume

vor mir ſah eich keinen Schatten des Scheidens mehr.

Druck von C. Hoffmann in

Auf S. 306 muß die Ueberſchrift heißen: Das Löwendenkmal bei Luzern, ſtatt Bern.

Stuttgart.

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