562 Feierſtunden. 1864.
den wieder Verbindungen mit Japan angeknüpft, die jedoch zu keinem beſonders freundſchaftlichen Verhältniſſe führten. Und obgleich die ſiebenzig Junken ⁵), welche jährlich von den Häfen Amoy, Ningpo und Sanghan nach Japan kom⸗ men, einen weit ausgedehnteren Handel mit den Inſel⸗ bewohnern führen, als die Holländer, ſo ſind ihre Kapitäne und Matroſen dennoch, wie die Holländer, auf eine kleine Inſel verwieſen, die ſie nie verlaſſen dürfen, außer um den Tempel in der Stadt Nagaſaki zu beſuchen. Die Japa⸗ neſen haben zu allen Zeiten und nie entſchiedener als jetzt jede verwandtſchaftliche Abſtammung mit den Chineſen als unbegründet zurückgewieſen.
Die mythologiſchen Anſichten des heidniſchen Alter⸗ thums von der Entſtehung der Welt ſind in den Kosmo⸗ gonien oder Weltentſtehungsberichten enthalten, welche in der Regel zugleich Theogonien oder genealogiſche Berichte von der Geburt der Götter ſind. Die Kosmogonie der Japaneſen iſt von wildeſter Art. Aus dem Chaos ſei der höchſte der Götter hervorgegangen, der ſich ſelbſt erſchaffend ſeinen Wohnſitz in dem höchſten Himmel nahm und ſeine erhabene Ruhe durch Sorgen keiner Art geſtört haben wollte. Daher rief er acht Millionen Götter in's Leben und über⸗ gab die Herrſchaft über Alle und Alles ſeiner Lieblings⸗ tochter, der Sonne, deren Regierung aber nur 250,000 Jahre währte. Ihr folgten vier andere Götter, welche zu⸗ ſammen etwas über zwei Millionen Jahre herrſchten. Die⸗ ſes ſind die irdiſchen Götter. Der letzte derſelben, der ein irdiſches Weib geheirathet hatte, hinterließ einen ſterblichen Sohn, von dem die Dairi's ⁵*) oder Mikado's ihre Ab⸗ ſtammung herleiten.
Es gibt drei Hauptreligionen in Japan. Die älteſte und urſprünglichſte iſt die Sinto oder Sinſiu, die ſich auf die Verehrung von Geiſtern gründet, welche die Aufſicht über alle ſichtbaren und unſichtbaren Dinge haben und mit dem chineſiſchen Worte„Sin“ oder mit dem japani⸗ ſchen„Kami“— beide bedeuten Geiſt— bezeichnet wer⸗ den. Am höchſten wird von dieſen Geiſtern die Göttin Ten⸗ſio⸗dai⸗ſin, d. h. großer Geiſt des himmliſchen Lichts, alſo die Sonne, verehrt, die ihren im vierten Jahrhundert nach Chr. erbauten Haupttempel Nai⸗ku oder Dai⸗fin⸗ku in der Provinz Ize hat. Die Sonne ſelbſt iſt aber zu groß und zu erhaben, um auch nur im Gebete angerufen zu werden, außer durch die Vermitttung der untergeordne⸗
teren Kami's, oder ihrer in gerader Linie abſtammenden
Nachkommen, der Mikado's. Die Kami's beſtehen aus 292 geborenen Göttern und 2640 kanoniſirten oder ver⸗ götterten Sterblichen. Der Gott Tajo⸗keo⸗dai⸗ſin ſteht der Sonne am nächſten; er wird als Ordner des Himmels und der Erde und als Schutzgeiſt des Dairi angeſehen und ſein Haupttempel Geku liegt auf dem Berge Nuki⸗no⸗ko⸗ jama, ebenfalls in der Provinz Ize. Ein dritter iſt der Gott des Kriegs und Schickſals, der Bruder der erwähn⸗
nicht den herrſchenden nennen, da noch 34 andere Religions⸗ lehren tolerirt werden. Buddha heißt in der Sanſkrit⸗ ſprache ſo viel als Weiſer und iſt der Ehrentitel des Sakija⸗ muni, d. h. Lehrer aus der Familie Sakja, des Stifters des Buddhismus. Sakja⸗muni wurde im ſechsten Jahr⸗ hundert vor Chr. geboren in der nordindiſchen Provinz Magadha, jetzt Behat genannt. Seine Eltern waren Sudd⸗ hodana, König von Magadha, und deſſen Gattin Maja. Ueber die Entartung und das Elend der Menſchen von tiefem Mitgefühl ergriffen, zog ſich Sakja⸗muni eine Zeit⸗ lang in die Einſamkeit zurück, bald aber trat er als Re⸗ ligionslehrer auf und beſtritt die beſtehende Religion. Er überlieferte ſeine Lehre ſeinem Schüler, dem Brahmanen Mahakaja, und ſtarb wahrſcheinlich im Jahre 543 vor Chr.
Mahakaja überlieferte die Lehre wiederum einem Schü⸗ ler, und es dauerte ſolche Uebertragung von Lehrer auf Schüler mehrere Jahrhunderte fort. Die Hauptlehren der Buddhiſten ſind: Ein höchſtes Weſen regiert die Welt; es iſt unſichtbar und ohne ſinnliche Geſtalt, daher durch kein Bild darſtellbar; es iſt weiſe, gerecht, gütig, barmherzig, allmächtig und wird am beſten ſchweigend verehrt. Der Menſch gelangt durch Tugend zur Seligkeit; er darf daher nicht ſchwören, lügen, verleumden, tödten, ſtehlen, keine Rache ausüben, muß züchtig und mäßig leben, Almoſen austheilen und durch ſtille Betrachtung ſein eigenes Weſen und das Weſen der Gottheit erkennen lernen. Wenn der Menſch dieſe Pflichten vollkommen erfüllt, ſo erlangt er ſchon auf Erden die Würde eines Buddha oder Weiſen, und nach dem Tode die Vereinigung mit dem höchſten Weſen. Dieſe Vereinigung heißt Nirwàna, was unſerem Worte: Ruhe, Seligkeit, entſpricht. Die Seelen der Men⸗ ſchen, die auf Erden einen ſchlechten Wandel geführt haben, werden in Thierkörpern wiedergeboren.
Der Buddhismus fand ſo ſchnelle Verbreitung, daß eine Art Verſchmelzung des Sintodienſtes mit dem Budd⸗ hismus für die Maſſe des Volkes daraus entſtand, wie die Buddhiſten auch die Kosmogenie der Sinto's beibehielten und ebenfalls die meiſten untern indiſchen Götter. Die Buddhiſten richten ihre Gebete vornehmlich an ihren Reli⸗ gionsſtifter, opfern ihren Heiligen und Untergöttern nur Blumen und Früchte, verwerfen dahingegen alle blutigen Opfer. Sie erkennen keine Erblichkeit der Stände, und ſelbſt der Prieſterwürde kann entſagt werden. Die Prieſter der Buddhiſten ſcheeren das Haupt, leben ehelos und woh⸗ nen häufig in Klöſtern beiſammen, ganz im Gegenſatze zu den Brahmanen, welche die Ehe als heilige Pflicht betrachten.
Die dritte in Japan verbreitete Religion iſt die des Szuto oder Siza, eine Nachahmung der philoſophiſchen Lehre des Confucius, die aus China nach Japan verpflanzt wurde. Sie iſt gänzlich frei von mythologiſcher Sage und hat weder religiöſen Ritus, noch religiöſe Ceremonien.
ten Ten⸗ſio⸗dai⸗ſin, welcher unter dem Namen Satsman⸗ no⸗dai⸗ſin Orakel ertheilt und ſeinen 570 nach Chr. erbau⸗ ten Tempel bei Uſa hat. Das Haupt dieſer Religion iſt der Dairi, das geiſtliche Oberhaupt des öſtlichen Inſel⸗ reiches.
Der Buddhismus iſt nach allen Berichten, die uns vorgekommen ſind, das verbreitetſte aller morgenländiſchen
Glaubensbekenntniſſe in Japan. Doch kann man denſelben
⁵8) Junke, ein kleines chineſiſches Fahrzeug. Dairi, eigentlich Daili, d. h. innerhalb, alſo die innerhalb
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Unter den niedern Volksklaſſen ſoll der Szuto wenig Bo⸗ den gefunden haben; aber deſto mehr iſt er bei dem Adel und den gebildeten Klaſſen verbreitet.
Die Regierung in Japan iſt ſtreng theokratiſch. Der Kaiſer, Mikado oder Dairi, d. h. Herr des innern Pala⸗ ſtes, macht als Nachkomme der Sonnengöttin den Anſpruch, durch göttliches Recht und göttliche Herkunft zu herrſchen. Sie ſind ſowohl Hoheprieſter als Könige, und wurden ur⸗ ſprünglich als Stellvertreter der Götter auf Erden betrach⸗
ttet und wie Cötter angebetet. Selbſt heutzutage werden Prinzen jener Familie und beſonders diejenigen, welche auf
des Palaſtes Wohnenden, iſt der Titel der geiſtkichen Herrſcher in dem Throne ſitzen, als an ſich heilige Perſonen und als
A Japan.
Päpſte von Geburt betnachtet.


