Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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Welches Wiederſehen ſtand ihm unter dieſen traurigen Verhältniſſen bevor? Allein in dieſem Falle, wie in allen ähnlichen, war es das Weib, welches den Mann aufrecht erhielt.

Simon, mein Sohn, ſagte die arme Blinde,ver⸗ liere den Muth nicht. Sagteſt du mir nicht einſt, daß ein gutes Gewiſſen überall ein ſanftes Bett bereiten Es iſt auch ſo, Simon; wir haben uns nichts vorzuwerfen. Sei deshalb nicht niedergeſchlagen, mein Sohn, und ent⸗ ſinne dich deiner eigenen Worte.

Als ich ſie äußerte, Mutter, fühlte ich mich noch ſtark gegen das Unglück, denn die beiden größten Güter des Armen, die Ehre und die Geſundheit, waren uns da⸗ mals noch geblieben. Jetzt aber hat meine Tochter, das Kind meiner Seele, beide verloren, und Eure Augen, meine Mutter, ſind unter Thränen erloſchen, und an Allem trage ich die Schuld.

Schweige, mein Sohn, ſchweige! Welches Unrecht haſt du begangen? Sage lieber, daß es der Wille Gottes geweſen ſei, und du wirſt ſehen, welchen Troſt dieſer Ge⸗ danke dir bringt.

Mutter, das denke ich auch; aber laſſet mich weinen, denn es iſt nicht gegen Gottes Geſetz. Laſſet mich, da ich nichts Anderes geben kann, wenigſtens meine Thränen dem Kinde weihen, deſſen Seele unter Leiden, wie ſie nur die heiligen Märtyrer erduldet haben, zum Himmel geht.

Bitterlich weinte Simon, indem er ſeine erblindete Mutter und die bleiche, abgemagerte Tochter anblickte, welche ſich mühſam zu einem Lächeln zwang, wie es ſonſt immer auf ihren Lippen geſpielt hatte.

Verwünſchter Alcalde! Schlechter Menſch! ſagte eine Nachbarin, deren in Thränen gebadetes Geſicht die Theilnahme bekundete, welche ſie für die unglückliche Fa⸗ milie empfand;er hat die Natur eines Krokodils, eines reißenden Thieres. Gott aber richtet Alles, was er ſieht, und hat ihn bereits geſtraft. Wenn er dich in ein Gefäng⸗ niß gebracht hat, Simon, ſo hat Gott ihn in ein anderes geworfen. Seit einem Jahre wird ſein Geſicht vom Krebs zerfreſſen, und je mehr Mittel er anwendet, deſto größer ſind ſeine Schmerzen. Das iſt Gottes Gericht; Du haſt am Körper mehr gelitten, als du im Geiſte gefehlt haſt, und biſt mit deinen eigenen Füßen aus dem Gefängniſſe hervorgegangen, während der ſchlechte Menſch, der Alcalde, nur mit den Füßen Anderer aus dem ſeinigen hervorgehen wird.

Das Unglück eines Anderen heilt nicht mein eigenes, Beatrix! Gott bewahre mich, ſelbſt meinem ärgſten Feinde Unheil zu wünſchen!

Wohl geſprochen, Simon, ſagte die Mutter.Man verliert die Frucht ſeiner Leiden, wenn man ſich verleiten läßt, Demjenigen Böſes zu wünſchen, der ſie bereitet hat. Gott gebe dem Unglücklichen ſo viel Geſundheit, als ich meinen Kindern wünſche!

Unterdeſſen näherte ſich die Nachbarin der Tochter und flüſterte ihr ſo leiſe zu, daß kein Anderer es hören konnte:

Wenn der Böſewicht dahingefahren iſt, ſo heiratheſt du Julian, und Alles wird dann vergeſſen ſein.

Ich? ich? erwiederte Agueda, während ihr bleiches Geſicht ſich plötzlich roth färbte,ich, ein Mädchen, das ſeinen guten Ruf verloren hat, mich mit Julian ver⸗ binden? Glaubet nicht, daß das jemals möglich ſei, Tante Beatrix. Julian verdient ein beſſeres Loos. Früher war ich arm und er reich, und ich hielt mich dennoch für eben⸗

Feierſtunden. 1864.

bürtig mit ihm, weil Armuth nicht erniedrigt; aber jetzt, nachdem ich durch das falſche Zeugniß ſeines Vaters in ſchlechten Ruf gekommen bin, kann mich kein Mann ohne Unehre für ſich ſelbſt heirathen, und ich will nicht, daß irgend Jemand durch mich den geringſten Schaden leide.

Halt, Agueda, du biſt nicht ſo beſcheiden, wie es ſcheint. Was du da ſagſt, mein Kind, iſt nichts als Stolz; aber man wird dir keine Demuthskrone aufſetzen.

Ich ſage nicht, daß ich demüthig ſei, und Ihr habt Unrecht, wenn Ihr mich ſtolz nennet. Was ich empfinde, iſt nur Scham, nichts Anderes.

Aber ſiehſt du nicht, meine Tochter, daß, wenn er dich heirathet, der Makel verlöſcht werden wird, der dir jetzt anklebt? erwiederte die Nachbarin.

Das iſt unmöglich! Nur der, welcher meinen Ruf befleckt hat, kann ihn auch wieder reinigen. Julian kann mir die Schmach nicht abnehmen, ſondern würde ſelbſt da⸗ von angeſteckt werden. Wer Anderen ſeinen Ausſatz mit⸗ theilt, macht ſich krank, aber heilt ſie nicht. So werden wir alſo beide in das Grab ſinken, er, der mich zu Grunde gerichtet hat, mit dem Krebſe, der ſein Geſicht zernagt, und ich, die Entehrte, mit dem Krebſe, welcher mein Herz zer⸗ frißt.

Was Agueda ſagte, empfand ſie tief. Seitdem ihr Name von dem Alcalde mit Schmach bedeckt worden war, hatte ſie ſich, groß in ihrer Demuth, zurückgezogen und allen Verkehr mit Julian abgebrochen. Seiner dringenden Bitten ungeachtet weigerte ſie ſich, ihn zu ſehen oder zu ſprechen. Oft ging er am Gitter des Hofes laut ſingend vorüber, um dadurch ſeine Anweſenheit zu erkennen zu geben; allein dann weinte Agueda bitterlich, und das Fen⸗ ſter öffnete ſich nicht.

Julian war außer ſich, daß er kein Mittel finden konnte, dieſen Entſchluß zu bekämpfen und ſich mit Agueda zu verſtändigen; allein, wie das Sprüchwort ſagt, ein Lie⸗ bender plaidirt beſſer als hundert Advokaten, und der Zu⸗ fall ſollte ihn endlich begünſtigen.

Eines Tages kam der Schenkwirth Joachim zu Si⸗ mon, von dem er ſeit ſeiner Mitwirkung bei Agueda's Be⸗ freiung immer ſehr warm und herzlich empfangen worden war. Indem er ſich dem jungen Mädchen näherte, um ihr etwas zuzuflüſtern, ſagte er mit einem Brummen, das dem Sumſen einer großen Fliege nicht unähnlich war:

Agueda, Julian hat mir aufgetragen, dir zu erklä⸗ ren, daß deine Handlungsweiſe gegen ihn nach ſeiner An⸗ ſicht nicht recht ſei.

Sage ihm, entgegnete das junge Mädchen dieſem nichts weniger als olympiſchen Boten,daß ſein Vater mir, indem er mir die Ehre geraubt, an Stelle derſelben keine Schamloſigkeit verliehen habe.

Iſt denn Julian daran ſchuld, daß ſein teufliſcher Vater eine Zunge von Feuer und die Seele einer Hyäne hat? Seitdem ich ſeinen Gaul lahm geritten habe, haßt er mich und nennt mich einen Barbaren, allein das küm⸗ mert mich gerade ſo viel wie

Joachim legte den Nagel des Daumens unter einen ſeiner großen Zähne und ſchlug klappernd dagegen.

Nein, es iſt nicht ſeine Schuld, ich weiß es; er kann das Uebel nicht wieder gut machen, das ſein Vater uns Allen zugefügt hat. Worte und Kugeln, die einmal her⸗ aus ſind, laſſen ſich nicht zurückholen. Sage ihm alſo, fügte das arme Mädchen hinzu, während Schmerz und Un⸗ wille ihr Thränen und ein bitteres Lächeln abnökhigten,

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