Feierſtun
„Ein Tag iſt hier ſo genau wie der andere,“ antwortete er, „daß ich es nicht ſagen kann, ohne nachzurechnen. Allein ich kam hierher, kurze Zeit, nachdem Sie abreisten.“
„Ich hätte Euch das vorherſagen können, Orlick.“
„Ja,“ verſetzte er trocken,„Sie ſind aber auch ein Gelehrter geworden.“
Inzwiſchen hatten wir das Haus erreicht, wo ich ſah, daß er dicht neben der Seitenpforte ein Zimmer mit einem kleinen Fenſter inne hatte, welches auf den Hof ging. Es war den kleinen Gemä⸗ chern nicht unähnlich, welche die Paris zu bewohnen pflegen. An den Wänden hingen verſchiedene Schlüſſel, zu denen er jetzt auch den Thorſchlüſſel hing, und ſein Bett, mit bunter Decke, ſtand in einer Vertiefung der Wand. Der ganze Raum des engen Zimmers hatte ein vernachläſſigtes, ſchläfriges
Pförtner, oder concierges, in
Ausſehen und kam mir wie der Käfig eines menſchlichen Murmel thieres vor, während er ſelbſt, finſter und ſchwerfällig im Schatten eines Winkels am Fenſter ſtehend, das menſchliche Murmelthier zu ſein ſchien, für das es hergerichtet worden— wie er es auch wirk lich war.
„Ich habe dieſes Zimmer früher nie geſehen,“ bemerkte ich; aber es war allerdings auch kein Portier hier.“
„Nein,“ verſetzte er,„bis endlich davon geſprochen wurde, daß das Haus keinen Schutz habe und daß es gefährlich ſei, hier zu wohnen, wo die Sträflinge in der Nähe ſind und ſich ſo viel Pöbel herum treibt. Dann wurde ich hierher empfohlen, als ein Mann, der einem Jeden Alles zurückgeben kann, was er bringt, und ich⸗ nahm die Stelle an. Sie iſt leichter, als den ganzen Tag hämmern und den Blaſebalg treten.— Das Ding da iſt geladen!“
Mein Auge war auf ein Gewehr mit meſſingbeſchlagenem Schafter gefallen, welches über dem Kamine hing, und ſein ⸗Blick war dem meinigen gefolgt.
„Nun,“ ſagte ich, um keine längere Unterhaltung zu führen, „kaun ich zu Miß Havisham hinauf gehen?“
„Der Henker ſoll mich holen, wenn ich es weiß!“ erwiederte er erſt ſich ſtreckend und dann ſchüttelnd.„Meine Inſtruktion hört hier auf, junger Herr. Ich werde mit dem Hammer an dieſe Glocke ſchlagen und dann mögen Sie den Gang hinab gehen, bis Ihnen Jemand begegnet.“
„Ich glaube, man erwartet mich?“
„Zum Henker nochmals, was weiß ich davon!“ ſagte er.
Ich trat hierauf in den langen Gang hinaus, auf dem ich früher mit meinen ſchweren Stiefeln gewandelt war, und er ſchlug an die Glocke. Am Ende des Ganges, während der Schall noch forttönte, fand ich Sarah Pocket, welche jetzt durch den Aerger über mich am ganzen Körper grün und gelb geworden zu ſein ſchien.
„Oh,“ ſagte ſie,„ſind Sie es, Mr. Pip?“
„Ja, ich bin es, Miß Pocket. Es freut mich, Ihnen ſagen zu können, daß Mr. Pocket und deſſen Familie wohl ſind.“
„Sind ſie auch klüger geworden?“ erwiederte Sarah mit trau rigem Kopfſchütteln;„beſſer, wenn ſie klüger wären, als wohl. Ach, Matthias, Matthias! Sie kennen doch den Weg?“
Ich kannte ihn ziemlich genau, denn ich war oft genug die Treppe im Dunkeln hinauf geſtiegen. Jetzt betrat ich ſie in leichteren Stiefeln als früher und klopfte auf die gewohnte Weiſe an Miß Havishams Thür.
„Pip klopft,“ hörte ich ſie gleich darauf ſagen.„Komm herein, Pip!“
Sie ſaß auf ihrem Stuhle an dem alten Tiſche, in der alten Kleidung, während ihre beiden Hände auf dem Stocke ruhten, das Kinn ſtützend, und ihre Augen auf das Feuer gerichtet waren. Neben ihr ſaß eine elegante Dame, die ich nie geſehen hatte, und welche den nie getragenen Schuh in der Hand hiekt und mit geſenktem Kopfe darauf hinab ſchaute.
„Komme herein, Pip,“ murmelte Miß Havisham fort, ohne ſich
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den. 1864.
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umzuſchauen oder aufzublicken.„Komme herein, Pip! Wie geht es, Pip? So, Du küſſeſt meine Hand, als wenn ich eine Königin wäre? — Nun?“
Plötzlich blickte ſie auf, nur die Augen bewegend, und wieder⸗ holte in grimmig ſcherzhaftem Tone:
„Nun?“
„Ich hörte, Miß Havisham,“ ſagte ich etwas verlegen,„daß Sie den Wunſch ausgeſprochen haben, mich zu ſehen und bin des⸗ halb augenblicklich gekommen.“
„Nun?“
In dieſem Momente ſchlug ihre Begleiterin, welche ich nie vorher geſehen zu haben glaubte, ihre Augen auf und blickte mich ſchalkhaft an, und erſt jetzt ſah ich, daß es Eſtella's Augen waren. Aber ſie war ſo ſehr verändert, ſo viel ſchöner und weiblicher geworden und hatte in Allem was Bewunderung erringt, ſolche Fortſchritte ge macht, daß ich ſelbſt im Vergleich mit ihr gar keine gemacht zu haben glaubte. Während ich ſie betrachtete, kam es mir vor, als wenn ich hoffnungslos wieder zu dem groben, gemeinen Knaben hinab ſänke, der ich früher geweſen. O wie fremd und unähnlich ich ihr gegenüber mir erſchien und wie unerreichbar ſie!
Sie gab mir die Hand. Ich ſtotterte hervor, um zu ſagen, daß es mir großes Vergnügen mache, ſie wieder zu ſehen, und daß ich mich ſchon lange darnach geſehnt habe.
„Findeſt Du ſie ſehr verändert, Pip?“ fragte Miß Havisham mit begierigen Blicken, indem ſie mit ihrem Stocke auf einen zwi ſchen uns ſtehenden Stuhl ſchlug, um mir zu verſtehen daß ich mich darauf niederſetzen ſolle.
„Als ich eintrat, Miß Havisham, erkannte ich weder im Ge⸗ ſichte, noch in der Figur, irgend eine Aehnlichkeit mit Eſtella; aber jetzt fängt Alles, jeder Zug, auf ſo merkwürdige Weiſe an, wieder zu der alten—“
etwas
zu geben,
D
„Wie? Du willſt doch nicht ſagen, zu der alten Eſtella zu wer den,“ unterbrach mich Miß Havisham.„Sie war früher ſtolz und beleidigend, ſo daß Du nicht bei ihr bleiben mochteſt. Erinnerſt Du Dich nicht?“
Verwirrt erwiederte ich, daß das lange her ſei und daß ich es damals nicht beſſer verſtanden habe, und dergleichen. Eſtella lächelte ganz unbefangen und ſagte, daß ich ohne Zweifel Recht gehabt habe und daß ſie ſehr unartig geweſen ſei.
„Iſt er verändert?“ fragte darauf Miß Havisham.
„Sehr,“ antwortete Eſtella, mich anblickend.
„Nicht mehr ſo grob und gemein?“ meinte Miß Havisham, indem ſie mit Eſtella's Haar ſpielte.
Eſtella lachte und betrachtete den Schuh in ihrer Hand, lachte nochmals, blickte mich an und legte dann den Schuh nieder. Sie behandelte mich noch immer wie einen Knaben, aber lockte mich an.
Wir ſaßen in dem düſteren, traumartigen Zimmer, das früher einen ſo ſeltſamen Eindruck auf mich gemacht hatte, und ich erfuhr, daß Eſtella ſoeben von Frankreich zurückgekehrt ſei und jetzt nach London gehe. Obgleich noch eben ſo ſtolz und eigenſinnig, wie ehedem, hatte ſie dieſe Eigenſchaften doch ihrer Schönheit ſo unterzu⸗ ordnen gewußt, daß es mir unmöglich und naturwidrig ſchien, ſie von ihrer Schönheit zu trennen. Es war in der That unmöglich, ihre Gegenwart von jenem erbärmlichen Streben nach Geld und Rang zu trennen, das meine Knabenjahre ſo elend gemacht hatte— von jenen ſündlichen Wünſchen, welche die erſte Urſache geworden waren, daß ich mich Joe's und meiner Familienverhältniſſe geſchämt hatte— und von allen jenen Viſionen, die mir ihr Geſicht in der Gluth des Feuers gezeigt, aus dem Eiſen des Ambos heraus ge⸗ ſchlagen und aus der nächtlichen Dunkelheit hervorgezogen hatte, um“ es in das Schmiedefenſter ſchauen und dann verſchwinden zu laſſen. Mit einem Worte, es war mir unmöglich, ſie in der Vergangenheit
oder in der Gegenwart von dem innerſten Leben meines Lebens zu trennen.


