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288 Feierſtunden. 1864. ————õ———
Es wurde verabredet, daß ich den ganzen Tag dort bleiben, am Abend nach dem Gaſthofe gehen und am folgenden Tage nach Lon⸗ don zurückkehren ſolle. Nach einer kurzen Unterhaltung ſchickte Miß Havisham uns beide hinaus, um einen Spaziergang in dem ver⸗ wilderten Garten zu machen, und ſagte, daß ich ſie, wenn wir wie⸗ der herein gekommen ſein würden, wie ehedem, ein wenig in ihrem Rollſtuhle umher fahren ſolle.
Wir gingen alſo hinaus in den Garten und zwar durch dieſelbe Pforte, durch die ich an jenem Tage gewandert war, als ich das Zuſammentreffen mit dem bleichen jungen Manne, jetzt Herbert, ge⸗ habt hatte. Während ich bebte und im Geiſte den Saum ihres Kleides verehrte, war ſie ganz unbefangen und verehrte ganz ent⸗ ſchieden nicht den Saum des meinigen. Als wir uns dem Platze des früheren Kampfes näherten, blieb ſie ſtehen und ſagte:
„Ich muß ein ſonderbares kleines Geſchöpf geweſen ſein, daß ich mich an ſijenem Tage verbarg, um den Kampf mit anzuſehen; aber ich that es und freute mich ſehr darüber.“
„Sie haben mich dafür ſehr belohnt.“
„So?“ erwiederte ſie nachläſſig.„Ich erinnere mich, daß ich gegen Ihren Gegner eine große Abneigung hatte, weil es mir un⸗
angenehm war, daß man ihn hierher gebracht hatte, um mich mit
ſeiner Geſellſchaft zu quälen.“
„Er und ich wir ſind jetzt große Freunde,“ bemerkte ich.
„Wirklich? Ach ja, ich erinnere mich, daß Sie von ſeinem Va⸗ ter unterrichtet werden,— nicht wahr?“
„Ja.“
Ich machte dieſes Zugeſtändniß nicht ohne einiges Widerſtreben, denn dieſes Verhältniß erſchien mir etwas knabenhaft und ſie behan⸗ delte mich ſchon hinlänglich wie einen Knaben.
„Seitdem die Veränderung in Ihren Verhältniſſen und Aus⸗ ſichten eingetreten iſt, haben Sie auch Ihren Umgang geändert,“ ſagte Eſtella
„Es war ſehr natürlich,“ erwiederte ich.
„Und auch ſehr nothwendig,“ fügte ſie in ſtolzem Tone hinzu, „denn der Umgang, der früher für ſie geeignet war, würde jetzt nicht mehr paſſen.“
Wenn ich überhaupt noch, was ich faſt bezweifle, die entfernte Abſicht hatte, Joe zu beſuchen, ſo wurde ſie durch die Bemerkung völlig unterdrückt.
„Sie hatten damals keine Ahnung von dem Glücke, welches Ihnen bevor ſtand?“ fragte Eſtella weiter mit einer leichten Hand⸗ bewegung, um dadurch die Zeit jenes Kampfes anzudeuten.
„Nicht die leiſeſte,“ antwortete ich.
Die Miene ſelbſtbewußter Reife und Ueberlegenheit, mit der ſie an meiner Seite ging, und die der Jugendlichkeit und Unterwürfig⸗ keit, mit der ich neben ihr hinſchritt, bildeten einen Kontraſt, den ich deutlich empfand. Dieſe Wahrnehmung würde noch empfindlicher für mich geweſen ſein, wenn ich nicht gedacht hätte, daß der Unter⸗ ſchied namentlich dadurch beſonders hervortrete, daß ich für ſie be⸗ ſtimmt ſei.
Der Garten war von Unkraut zu ſehr überwachſen, um bequem darin gehen zu können; nachdem wir deshalb zwei oder dreimal darin herum gegangen waren, traten wir wieder auf den Hof der Brauerei hinaus. Ich zeigte ihr die Stelle, wo ich ſie an jenem erſten kalten Tage auf den Fäſſern hatte umher gehen ſehen, worauf ſie mit gleichgiltiger Miene nach der Gegend hinblickend erwiederte:
„Wirklich?“ Ich erinnerte ſie daran, wie ſie damals aus dem Hauſe herans gekommen ſei und mir Speiſe und Trank gereicht habe, a 6 ſie antwortete nur:
„Ich entſinne mich nicht.“
„Sie entſinnen ſich nicht, daß Sie mich zum Weinen brachten?“ meiner Erinnerung nicht theurer ſein können, als es ſo war.
ſagte ich.
nichts konnte ich nicht auf Miß Havisham zurückführen. Ich blickte ſteſ
ſagt haben,“ erwiederte ich, um von einem anderen Gegenſtande zu
(Fortſetzung folgt auf S. 321.)
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„Nein,“ entgegnete ſie, den Kopf ſchüttelnd und un ſich blickend.
Ueber dieſe Vergeſſenheit und Gleichgiltgkeit war ich nahe darang von Neuem Thränen zu vergießen, wenigſtens innerlich— und 1 ſind die bitterſten Thränen.
„Sie müſſen wiſſen,“ ſagte Eſtella, mit der herablaſ ſſinden Miene eines glänzenden, ſchönen Weibes,„daß ich kein Herz habe, — ſofern das mit meinem Gedächtniſſe etwas zu thun hat.“
Ich murmelte einige alberne Worte, um zu ſagen, daß ich mir die Freiheit nehme, dies zu bezweifeln,— daß ich es beſſer wiſſe und daß es keine ſolche Schönheit ohne ein Herz geben könne.
„Oh, ich habe natürlich ein Herz, das man durch hhohren oder durchſchießen kann,“ ſagte Eſtella,„und ſobald es aufhörte zu ſchla⸗ gen, würde ich auch aufhören zu leben; aber Sie wiſſen, was ich meine. Ich habe keine ſanften Empfindungen,— keine weichen Ge⸗ fühle und ähnlichen Unſinn.“
Was war es, was mir vor den Geiſt trat, als ſie ſtill ſand und mich aufmerkſam betrachtete? War es etwas, das ich an DNiß Havisham wahrgenommen hatte? Nein. In manchen Mienen und Bewegungen lag bei ihr jene entfernte Aehnlichkeit mir Miß Havis⸗ ham, welche Kinder häufig von erwachſenen Perſonen annehmen, nit denen ſie in langem und einſamem Verkehr geſtanden haben, und die, wenn die Kindheit verſchwunden iſt, zuweilen eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen Geſichtern erzeugt, welche in anderer Beziehung! Aehnliches mit einander haben. Allein das, was ich hier ſah,
wieder an und obgleich ſie auch mich noch anſchaute, ſo war dich das, was ich ſoeben geſehen, verſchwunden. Was war es?
„Ich rede ernſthaft,“ ſagte Eſtella, nicht gerade die Stirn rur⸗ zelnd, aber doch mit einem etwas finſteren Ausdrucke.„Für dar Fall, daß wir viel mit einander verkehren, iſt es beſſer, daß Ste es gleich erfahren. Nein,“ unterbrach ſie mich in gebieteriſchem Tond, ich habe nie mein Herz vergeben,— ich habe nie eins beſeſſen.“
Im nächſten Augenblicke befanden wir uns in der ſo lange un⸗ benutzt gebliebenen Brauerei und ſie deutete auf die hohn Galliit, d von der ich ſie an jenem erſten Tage hatte hinaus gehen ſehen, ud ſagte, daß ſie ſich erinnere, dort geweſen zu ſein und mich mit ee⸗ ſchrockenem Geſichte unten ſtehen geſehen zu haben. Während mäne Augen ihrer weißen Hand folgten, ſchwebte mir wieder jene duntee Ael onlichkeit vor, die ich mir nicht zu erklären vermochte. Mein un willlkürliches Zucken bewog ſie, ihre Hand auf meinen Arm zu legene A lugenblicklich ſchwebte das Geſpenſt noch einmal an mir vorübch und verſchwand. Was war es?
„Was iſt Ihnen?“ fragte Eſtella.„Sind Sie wieder eichructns
„Ich würde es ſein, wenn ich das glaubte, was Sie ſoeben ge⸗
ſprechen. 2 hanlſ glauben Sie es nicht? Gut. Auf jeden Fall habe ich es geſagt. Miß Havisham wird Sie bald auf Ihrem alten Poſten erwarten, obgleich ich der Meinung bin, daß der jetzt auch mitt manchen anderen Dingen bei Seite gelegt werden könnte. Vin wollen noch einmal im Garten herum und dann in das Haus gehm. Kommen Sie! Heut ſoll Ihnen meine Grauſamkeit keine Thrint auspreſſen; Sie ſollen mein Page ſein und mir Ihre Schulter leihen.“ Ihr ſchönes Kleid hatte auf der Erde geſchleppt. Sie hielt es jetzt mit der einen Hand und legte die andere leicht auf meine Schul⸗ ter, während wir weiter gingen. Zwei oder dreimdll gingen wir noch durch den Garten, der jetzt für mich in voller Blüthe ſtand. Wenn das grüne und gelbe Unkraut, das in den Ritzen der altme Mauern wuchs, der koſtbarſte Blumenflor geweſen wäre, ſo hätte 8 t


