Teil eines Werkes 
Band 1
Seite
234
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Feierſtunden. 1864.

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Kutſche weiter, bis zu der mir bekannten Stelle, wo ſie nach dem Uhren wieder in Gang zu bringen und in den erkalteten Kaminen Fluſſe abgeführt zu werden pflegten. In Gedanken ſah ich das Boot wieder Feuer anzuzünden, die Spinngewebe herabzureißen, das Un⸗

mit ſeiner aus Sträflingen beſtehenden Bemannung an der ſchlam⸗ migen Ufertreppe ihrer warten, hörte wieder den barſchen Ruf: Platz gemacht! der wie ein Befehl an Hunde klang, und er⸗ blickte wieder die, gottloſe Noah's⸗Arche, welche auf dem ſchwarzen

Waſſer lag.

Ich konnte nicht ſagen, was ich eigentlich fürchtete, denn meine Furcht war nur dunkel und unbeſtimmt, aber deſſenungeachtet groß. Während ich nach dem Gaſthofe ging, empfand ich eine Bangigkeit, die nicht blos in der Scheu vor einem peinlichen Wiedererkennen ihren Grund hatte. Sie bezog ſich auf nichts Beſtimmtes, und konnte deßhalb nur, wie ich überzeugt bin, das wenige Minuten dauernde Wiedererwachen jener Furcht ſein, die mich als Kind ſtets erfüllt

hatte.

Das Gaſtzimmer imBlauen Eber war leer. Ich beſtellte Mittageſſen und hatte bereits daran Platz genommen, ehe der Kellner

mich erkannte. Nachdem er ſich wegen ſeiner Vergeſſenheit entſchul⸗

digt hatte, fragte er, ob er Mr. Pumblechook durch den Hausknecht

ſolle rufen laſſen.

Nein, entgegnete ich,ganz gewiß nicht.

Der Kellner(derſelbe, welcher an jenem Tage, an dem ich als Lehrling aufgedungen wurde, das Compliment von dem Handlungs⸗ reiſenden überbracht hatte,) ſchien erſtaunt zu ſein, und benutzte die erſte Gelegenheit, eine alte ſchmutzige Zeitung des Ortes dergeſtalt in meine Nähe zu bringen, daß ich nicht umhin konnte, ſie in die Hand zu nehmen, und folgende Anzeige darin las:

Unſeren Leſern wird es, mit Bezug auf das ungewöhnliche Glück, welches einem jungen Eiſenarbeiter aus hieſigem Orte zu Theil geworden iſt,(ein ſehr geeignetes Thema, beiläufig geſagt, für die zauberiſche Feder unſeres noch nicht genügend gewürdigten Mitbür⸗ gers und Dichters Tooley,) nicht unintereſſant ſein, zu erfahren, daß der frühſte Gönner, Freund und Gefährte jenes Glückskindes ein höchſt geachteter Mann iſt, der in naher Verbindung mit dem Korn und Samenhandel ſteht, und deſſen geräumiges Geſchäftslokal keine hundert Meilen von unſerer Hauptſtraße entlegen iſt. Wir können nach unſerem perſönlichen Gefühle nicht umhin, ihn den Mentor un⸗ ſeres Telemachs zu nennen, denn es iſt nicht ohne Intereſſe, zu wiſſen, daß unſere Stadt den Mann erzeugt hat, dem der Letztere ſein Glück verdankt. Fragt die gedankenvolle Stirn der Väter un⸗ ſeres Ortes, oder das leuchtende Auge der Schönen unſeres Ortes, weſſen Glück? Wir glauben, daß Quentin Meſſys der Grob⸗ ſchmied von Antwerpen war. Sapienti sat.

Ich hege die Ueberzeugung, auf vielfache Erfahrung gegründet, daß ich, wenn ich in den Tagen meines Glückes nach dem Nordpol gegangen wäre, auch dort Jemandem begegnet ſein würde möchte es ein wandernder Eskimo oder ein civiliſirter Menſch geweſen ſein,

der mir geſagt hätte, daß Pumblechook mein früheſter Gönner

und Gründer meines Glückes ſei.

Neunundzwanzigſtes Kapitel.

Am folgenden Morgen ſtand ich zeitig auf und ging aus. Es war noch zu früh, um ſchon Miß Havisham beſuchen zu können. Ich ſchlenderte deshalb in der Nähe ihrer Wohnung umher, welche außerhalb der Stadt und entfernt von Joe's Hauſe lag, und dachte an meine Gönnerin, und malte mir glänzende Bilder von den

Plänen aus, die ſie in Betreff meiner hatte. Zu Joe konnte ich ja

am folgenden Tage gehen.

Sie hatte Eſtella adoptirt, und mich ſo gut wie adoptirt; und es mußte daher ihre Abſicht ſein, ein Paar aus uns zu machen. Ich war von ihr beſtimmt, das ode Haus wieder in Stand zu ſetzen, das Sonnenlicht wieder in die finſteren Zimmer einzulaſſen, die

geziefer zu vertilgen mit einem Worte, alle die glänzenden Tha⸗ ten des jungen Ritters zu vollbringen, wie ſie in der Romanze ge⸗ ſchildert werden, und endlich die Prinzeſſin zu heirathen. Als ich am Hauſe vorüber ging, ſtand ich ſtill, um es zu betrachten. Die verwitterten, rothen Wände, die verhüllten Fenſter und die ſtarken Epheuranken, welche wie mit ſehnigen Armen ſelbſt die Schornſteine umſchlangen, ſchufen ein anziehendes Myſterium, deſſen Held ich war. Eſtella, natürlich, erſchien mir dabei als das Herz und das begeiſternde Element deſſelben. Allein obgleich ſie eine ſo große Macht über mich übte, obgleich ſie der Gegenſtand meiner Phantaſie und meiner Hoffnungen war und obgleich ihr Einfluß auf mein Leben und meinen Charakter im Knabenalter ſo unwiderſtehlich ge⸗ weſen war, ſo legte ich ihr doch ſelbſt an jenem romantiſchen Mor⸗ gen keine Eigenſchaften bei, die ſie nicht wirklich beſaß. Ich erwähne dies hier abſichtlich, weil es der Faden iſt, an dem man mir in meinem traurigen Labyrinthe wird folgen müſſen. Nach meiner Er⸗ fahrung kann der conventionelle Begriff eines Liebhabers nicht immer richtig ſein. Die reine Wahrheit iſt, daß ich, als die Liebe des Mannes meine Bruſt für Eſtella erfüllte, ſie deshalb liebte, weil ich ſie unwiderſtehlich fand. Mit einem Worte, ich konnte mir zu mei⸗ nem Kummer oft, oder vielmehr immer, nicht verhehlen, daß ich ſie gegen alle Vernunft, gegen alle Ausſichten, gegen meinen Seelen⸗ frieden, gegen Hoffnung und Glück, und aller denkbaren Entmuthi⸗ gungen ungeachtet liebte, und daß alles dieſes meine Leidenſchaft ſo wenig zu bezähmen vermochte, als wenn ich ſie aus innerſter Ueber⸗ zeugung für den Inbegriff aller menſchlichen Vollkommenheiten ge⸗ halten hätte.

Ich richtete meinen Spaziergang ſo ein, daß ich zur gewohnten Zeit an der Pforte des Hauſes war. Nachdem ich mit unſicherer Hand geſchellt hatte, wandte ich dem Thore den Rücken zu und be⸗ mühte mich, ruhiger zu athmen und das Pochen meines Herzens zu ſtillen. Ich hörte die Seitenthür öffnen und Schritte über den Hof kommen, aber ſtellte mich, als wenn ich nichts hörte, ſelbſt dann, als das Thor ſich ſchon in ſeinen roſtigen Angeln drehte:

Als endlich meine Schulter berührt wurde, erſchrak ich ſchein⸗ bar und wandte mich um. Allein mein Schrecken wurde natürlich, indem ich einen Mann in einer ſchlichten grauen Kleidung vor mir ſtehen ſah, den ich am allerwenigſten als Portier an Miß Havis⸗ hams Thür zu finden erwartet hätte.

Orlick! rief ich.

Ja, ja, junger Herr, erwiederte er,es gibt auch in dem Leben anderer Leute Wechſel, nicht blos in dem Ihrigen. Aber treten Sie ein, ich darf die Pforte nicht ſo lange offen halten.

Ich trat ein, worauf er ſie zuſchlug, verſchloß und den Schlüſſel auszog.

Ja, ſagte er, nachdem er einige Schritte nach dem Haufe zu voran gegangen war,hier bin ich.

Wie ſeid Ihr hierher gekommen?

Je nun, verſetzte er,auf den Beinen. Meine Kiſte ließ ich auf einem Schubkarren mitbringen.

Seid Ihr hier wirklich in Dienſt?

Nun, zu was denn ſonſt, junger Herr? Doch nicht zum Schaden?

Ich war deſſen nicht ganz gewiß. Während er mich mit ſeinem ſchwerfälligen Blicke von den Füßen bis zum Kopfe muſterte, hatte ich Zeit, darüber nachzudenken.

Alſo habet Ihr die Schmiede verlaſſen? ſagte ich.

Sieht dieſes Haus wie eine Schmiede aus? erwiederte er, indem er ſich mit beleidigter Miene umſchaute.Wie? Sieht es ſo aus? 1 Ich fragte ihn, ſeit wie lange er Gargery's Schmiede verlaſſen .

habe.