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Feierſtun
Ich überzeugte mich leicht, daß er mich bis jetzt ſo wenig er kannt hatte, als wenn er mich nie in ſeinem Leben geſehen hätte. Er⸗ bliclte nach mir hinüber, während ſein Auge meine Uhrkette abzu ſchätzen ſchien, ſpie dann beiläufig aus, und ſagte etwas zu dem an dern Sträfling, worauf Beide lachten, und ſich mit einem Raſſeln. der ſie verbindenden Handſchellen umwandten. und nach anderen Ge⸗ genſtänden ſchauten. Die auf ihren Rücken befindlichen Zahlen, ſo groß wie Hausthüren, ihr rohes, unſauberes, unbehülfliches Aeußere, das ſie Thieren einer untergeordneten Klaſſe ähnlich machte, ihre mit Feſſeln beſchlagenen Beine, die mit Taſchentüchern bekränzt waren, um das Eiſen zu verbergen, und die Art und Weiſe, in der alle Anweſenden ſie betrachteten und ſich von ihnen entſernt hielten, alles dieſes gewährte ein widerliches Bild der tieſſten Geſunkenheit.
Allein es war noch nicht das Schlimmſte an der Sache. Es er gab ſich, daß alle hinteren Sitze der Kutſche von einer Familie in Anſpruch genommen. worden waren, welche ihren Wohnſitz in London aufgegeben hatte, und daß für die beiden Sträflinge keine anderen. Plätze vorhanden waren, als auf dem Sitze hinter dem Kutſcher. Hierüber wurde ein choleriſcher Herr, welcher den vierten Platz auf dieſem Sitze genommen hatte, außerordentlich heftig, und ſagte, daß es eine Contraltsverletzung ſei, ihn mit ſolcher Geſellſchaft zuſammen. zu bringen, und daß es ſchändlich und abſcheulich und ich weiß nicht was noch ſei. Inzwiſchen war die Kutſche zur Abfahrt fertig gewor den, und der Kutſcher wartete ungeduldig. Wir ſchickten uns ſämmt lich an, unſere Plätze einzunehmen, und die Sträflinge kamen mit ihrem Wärter und brachten jenen unangenehmen Geruch von Pfla ſtern, ſtinkendem Wollenzeuge und Kabelgarn. mit, der überall herrſcht, wo ſich Sträflinge befinden.
„Seien Sie nicht ſo ſehr erzürnt darüber,“ ſagte eutſchuldigend der Wärter zu dem ſetzen, und Jene ſollen am Ende der Bank ſitzen. ie werden in
entrüſteten Herrn;„ich will mich neben Sie⸗ keine Berührung mit ihnen beachten.“
„Und geben. ling, den ich erkannt hatte. ich mitfahre; ich bleibe recht gern zurück und will gern jedem Andern.
kommen und brauchen ſie gar nicht zu Sie auch mir keine Schuld,“ brummte der Sträſ „Mir iſt es nicht darum zu thun, daß
meinen Platz einräumen.“
„Ich auch,“ fügte der Andere mürriſch hinzu.„Ich würde Nie
mand beläſtigt haben, wenn es von mir abgehangen hätte.“ Dann lachten Beide und begannen Nüſſe zu knacken und die Schalen umher zu werfen, wie ich es ſelbſt gethan haben würde, glaube ich, wenn ich an ihrer Stelle und einer ſolchen Verachtung ausgeſetzt geweſen wäre.
Endlich wurde entſchieden, daß dem entrüſteten Herrn nicht zu helfen ſei, und daß er entweder in dieſer ihm vom Zufalle zugeführ ten Geſellſchaft reiſen oder zurlckbleiben müſſe. Derſelbe nahm alſo ſeinen Platz ein, und der Wärter ſetzte ſich neben ihn, und die Sträf linge ſtiegen hinauf, ſo gut ſie konnten; derjenige, welchen ich erkannt hatte, ſaß hinter mir, und zwar ſo, daß ich ſeinen Athem in meinem Kopfhaar fühlte.
„Adien, Händel!“ rief Herbert, als wir abfuhren, und ich dankte Gott, daß er den glücklichen Einfall gehabt hatte, mir einen anderen. Namen, als Pip, zu geben.
Es iſt unmöglich zu beſchreiben, wie ſcharf ich den Athem des Sträflings nicht blos an meinem Hinterkopfe, ſondern auf meinem ganzen Rücken empfand. Mir war, als wenn das Mark meines Rückgrats mit einer ätzenden, freſſenden Säure berührt würde, ſo daß ich die Zähne zuſammenbiß. Er ſchien mehr. athmen zu müſſen, als andere Meuſchen, und machte zugleich mehr Lärm dabei; und während ich mich bemühte, ihn abzuwehren, war mir, als wenn meine eine Schulter höher würde.
Das Wetter war ſehr rauh, und die Sträflinge fluchten über die Kälte. Sie machte uns ſämmtlich ſchläferig, che wir weit gefah⸗ ren waren, und als die Hälfte desn Weges hinter uns lag, ſchlum
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den. 1864. 285
merten alle Paſſagiere, oder ſchwiegen, von Froſt geſchüttelt. Ich ſelbſt ſchlief ein, indem ich darüber nachdachte, ob ich dieſem Men ſchen jene zwei Pfund Sterling zurückgeben ſolle, che ich ihn aus den Augen verlöre, und wie dies zu bewerkſtelligen ſei. Während ich mich jedoch im Schlummer vorwärts beugte, als wollte ich zwiſchen die Pferde ſtürzen, erwachte ich und ſetzte meine Betrachtungen. über dieſen Gegenſtand fort.
Allein ich mußte ihn länger haben fallen laſſen, als ich⸗ glaubte, da ich, obgleich in der Dunkelheit und bei dem wechſeluden Lichte der Laternen nichts deutlich zu ſehen war, an dem kalten, feuchten Winde, der uns entgegenblies, doch erkannte, daß wir in der Nähe des Moon landes waren. Die Sträflinge, welche ſich vorwärts beugten, um ſich hiuter mir gegen den Wind zu ſchützen und etwas Waͤrme zu verſchaffen, kamen mir dadurch noch näher. ich ſie wechſeln hörte, als ich wach⸗ wurde, waren dieſelben, welche
Die erſten Worte, die
meine Gedanken beſchäftigt hatten:„Zwei Einpſund⸗Noten.“ „Wo hatte er ſte her?“ fragte der mir unbekannte Sträfling. „Wie ſoll ich das wiſſen!“ verſetzte der Andere.„Er hatte ſie auf irgend eine Weiſe verſteckt, und wahrſcheinlich von Freunden be⸗
„„
kommen.“
„Ich wollte,“ ſagte der Grſtere, mit einem Fluche Uber die Kälte, „ich hätte ſie hier.“
„Zwei Einpfund⸗Noten, oder Freunde!“
„Zwei Einpfund⸗Noten! Ich würde alle Freunde, die ich je ge⸗ habt habe, für eine derſelben verkanſen und es für einen guten Hau⸗ del halten. Nun? Er ſagte alſo 4
„Er ſagte,“ fuhr der mir bekannte Sträfling fort,„es wurde
Alles in einer halben Minute abgemacht, hinter einem Holzſtoße im
Hofe Du wirſt entlaſſen werden?’ Ich erwiederte ‚jat Dann.
fragte er mich, ob ich den Buben aufſuchen wolle, der ihm Eſſen.
gebracht und ſein Geheimniß bewahrt habe, und ihm die zwei Ein
pfund Noten geben. Ich ſagte, daß ich es thum wolle, und habe es gethan.“
„Und biſt ein brummte der Andere. ſchluck dafür
Grüner’ geweſen ſein, Hat
großer Narrx geweſen,“ „Ich würde mir eine gute. Mahlzeit und einen guten e verſchafft haben. Es muß ein rechten dich wahrſcheinlich nicht gekannt?“ „Natürlich nicht. Wir gehörten zu verſchiedenen Abtheilungen Schiſſen.
Ausbrechens, und bekam dann.
und verſchiedenen. Erx kam noch einmal voy Gericht wegen Lebenszeit.“
„Und war das das einzige arbeitet haſt?“
Oas einzige Mal.“
Mal, daß du in dieſer Gegend ge⸗
„„
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„Wie gefiel ſie dir denn? „Eine abſcheuliche Gegend! Nichts als Schlamm, Nebel, Moraſt und Arbeit!“
Beide fluchten über die Gegend in heftigen Ausbrücken, brumm ten ſich allmälig aus, und hatten dann nichts mehr zu ſagen.
Nachdem ich dieſes Zwiegeſpräch angehört hatte, würde ich gewiß augenblicklich abgeſtiegen und auf der ſinſtern und einſamen Land ſtraße zurückgeblieben ſein, wenn ich nicht überzeugt geweſen wäre, daß der Mann keine Ahnung davon hatte, wer ich ſei. Ich war in der That nicht nur auf natürlichem Wege durch die Zeit ſehr ver⸗ andert worden, ſondern jetzt auch ſo ganz verſchieden gekleidet und in ſo ganz anderen Verhältniſſen, daß er mich unmöglich von ſelbſt erkennen konnte. Deſſenungeachtet war unſer zufälliges Zuſammen⸗ treffen auf der Kutſche ſeltſam genng, um die Beforguiß zu erwecken, daß jeden Augenblick ein neuer Zufall ihm meinen Namen verrathen. könne. Aus dieſem Grunde beſchloß ich abzuſteigen, ſobald wir n. Stadt berührten, und mich dadurch dem Bereiche ſeines. Gehörs zu entziehen. Dieſen Plan führte ich auch glücklich aus. Mein kleiner Mantelſack lag unter meinen Füßen; ich zog ihn hervor, warf ihn vor mir hinunter, ſtieg dann ab, und blieb bei der erſten Lampe am
die
Aufange der Straße zurſck. Die Sträflinge dagegen fuhren mit der


