Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
216
Einzelbild herunterladen

-ęBUBLO-

möglich der Wahrheit gemäß und in Uebereinſtimmung mit den Wünſchen ſeines Vaters beantworten konnte;

der legitimiſtiſchen Partei geltend machte, ſtand fort⸗

während mit den exilirten Bourbonen in Korreſpon⸗

denn Kinder, auch die von nur mittelmäßigen Anlagen,

beſitzen einen hohen Grad von Neugierde und ein be⸗ ſonderes Talent, Querfragen zu ſtellen, das manchem Prokurator Ehre machen würde. Das Gemüth des Knaben war offen und edel, er hatte einen ritterlichen Sinn, von dem ſein Vater, aller Politur und alles äußeren Firniſſes ungeachtet, wenig oder nichts beſaß. Ich hegte die Ueberzeugung, daß er nur das Rechte kennen zu lernen brauchte, um darnach zu handeln, ohne Rückſicht darauf, welche Selbſtverleugnung es ihn koſtete und welche Vorurtheile er zum Opfer bringen mußte; und nicht ohne Furcht ſah ich deßhalb die Zeit kommen, wenn der junge Erbe, zum Manne geworden, über manche ſociale und politiſche Fragen Anſichten hegen werde, welche denen ſeines Vaters ſchroff ent⸗ gegen waren. Unmöglich konnte er die Welt immer durch eine mittelalterliche Brille betrachten; ein Zufall konnte ihm die Augen öffnen, ihm den wahren Stand der Verhältniſſe zeigen und ſeine Theilnahme für eine Seite gewinnen, der die hartnäckigen Vorurtheile ſei⸗ nes Vaters feindſelig gegenüber ſtanden. Auch mir bereitete meine Stellung in dem Hauſe oft große Un⸗ ruhe. Meine Anſichten waren die der Mehrzahl mei⸗ ner Landsleute, und deßhalb in den Augen des Mar⸗ quis irrig und verächtlich. Pflichtwidrig in hohem Grade wäre es von mir geweſen, wenn ich meinem jungen Schüler Lehren und Begriffe hätte mittheilen wollen, die von ſeinem Vater verabſcheut wurden; aber auf der anderen Seite geſtattete mir mein Gewiſſen auch nicht, den Dingen falſche Farben zu leihen. Ich war bemüht, mich durchaus neutral zu verhalten, und es gelang mir einigermaßen, aber koſtete furchtbare Anſtrengungen. Inzwiſchen gewann mein Zögling eine große Anhänglichkeit für mich, und auch die übrigen Mitglieder der Familie bewieſen mir viel Wohlwollen. Die Marquiſe war, wie es mir ſchien, bei mei nem Engagement nicht zu Rathe gezogen worden. Sie war zwar immer freundlich und artig, aber ich glaubte zu bemerken, daß ſie mit meiner Eigenſchaft als Aus⸗ länder und Proteſtant nicht einverſtanden ſei; denn öfters gab mir ihr Gemahl zu verſtehen, daß es ihr Wunſch geweſen, Henri von einem katholiſchen Geiſt⸗ lichen erziehen zu laſſen. èAllein, fügte der Marquis bei ſolchen Gelegen⸗ heiten in ſeiner ſtolzen Weiſe hinzu,davon konnte keine Rede ſein. Ohne Zweifel muß die Kirche auf⸗ recht erhalten werden, aber es würde mir entſetzlich unangenehm ſein, einen Pfaffen unter meinem Dache zu haben, obgleich meine Frau gutmüthiger Weiſe glaubt, daß jeder Prieſterrock einen Engel berge. Nein, ich will nicht, daß der Knabe unwiſſend aufwachſe und am Ende nichts erlange, als etwas Verſchlagenheit. Ich folge in dieſer Beziehung der Anſicht Voltaire's, welcher ſelbſt ein Schüler der Jeſuiten geweſen iſt. Das war nur zu wahr, denn der Marquis konnte mit Recht die ſeltſamſte Miſchung eines Philoſophen des achtzehnten Jahrhunderts und eines politiſchen An⸗ hängers der Kirche genannt werden. Seine Reden im Senate waren ſtets bitter, heftig und voll von ultra⸗ montanen Empfindungen, aber außerhalb der Tribüne gab er ſich nie den Schein von Frömmigkeit. Er war ein eifriger Gegner der beſtehenden Regierung, befand ſich häufig in Paris, wo er ſeinen Einfluß zum Nutzen

denz, und war ſtets bemüht, kleine Verſchwörungen zu ſtiften, die, wenn ſie auch die beſtehende Verwaltung nicht umſtürzen konnten, ihr mindeſtens viele Schwie⸗ rigkeiten bereiteten. 16

Das Leben im Schloſſe war ſehr einförmig. Nur wenige, ziemlich entfernt wohnende adelige Familien kamen zuweilen durch die Pappelallee in feierlichem Aufzuge gefahren, um in Rochaique zu diniren, alt⸗ modiſche Kartenſpiele zu ſpielen, und neue Begeben⸗ heiten beim Lichte einer veralteten Politik zu beſprechen Es gab nur wenige Perſonen im Departement, welche der Ehre würdig erachtet wurden, in den ſteifen Pracht⸗ ſälen der Familie Aufnahme zu finden. Betitelte Na⸗ men waren zwar in großer Auswahl vorhanden, aber den meiſten klebte irgend ein politiſcher Makel an. So

kam es, daß außer dem Herzoge von Rohan mit ſei⸗

ner Gemahlin und einigen anderen Familien ſelten ein Gaſt die Schwelle des Schloſſes überſchritt.

Ich pflegte gerne mit meinem Leſe⸗ oder Skizzen⸗ buche auf der Spitze eines verfallenen Thurmes zu ſitzen, von der man eine herrliche Ausſicht hatte. Die Höhe war bedeutend, die Luft hier, ſelbſt bei ſchwü⸗ lem Wetter, von einem friſchen Winde bewegt, und der Anblick der Felder, der fernen Berge und des Stromes, mit ſeinen zahlreichen Booten, außerordent⸗ lich ſchön. So befand ich mich auch eines Tages mit meinem Zeichenblatte dort, während der kleine Henri an meiner Seite ſaß, und der Marquis auf der unter⸗ halb befindlichen Terraſſe hin und her ſchritt, wie ſeine Gewohnheit war, wenn er über eine im Senate zu haltende fulminante Rede nachdachte. Der Tag war ungewöhnlich klar, ein friſches Lüftchen wehte, und die Berge ſchienen näher als ſonſt zu liegen, und ließen

neue Farben und Geſtaltungen an ihren Felsabhängen

und Schluchten ſehen. Ich arbeitete eifrig an meiner Zeichnung, und der Knabe ſah mir mit ſeinen großen, ernſten Augen aufmerkſam zu. Er war an dieſem Tage beſonders aufgelegt, Fragen zu thun.

Mr. Kirby, ſagte er,wem gehören jene Wieſen dort, wo die Kühe unter den Weinbergen weiden? 4 3

Ich erwiederte ihm, daß ſie ſeinem Vater gehör⸗ ten, und war nicht wenig erſtaunt, als er fortfuhr:

Aber die Felder jenſeits des Fluſſes, nach den Bergen zu, welche Sie jetzt zeichnen, gehören meinem Papa wohl nicht?

Ich antwortete verneinend.

Und doch haben ſie ihm einſtmals gehört, fügte 3

das Kind hinzu.

Woher weißt du das, Henri? fragte ich, erſtaunt 1

über dieſe Bemerkung des Knaben.

Mir ſelbſt war der Umſtand nur dadurch bekannt

geworden, daß ich zufällig eine alte Karte der ehemals zum Gute gehörigen Ländereien geſehen hatte, auf der die konfiscirten Theile mit rother Tinte genau ver⸗ merkt waren. Ich wußte allerdings, daß die dem Marquis verbliebenen Grundſtücke kaum den vierten Theil der ſeinen Voreltern zugehörigen ausmachten, aber hatte mich wohl gehütet, durch Erwähnung dieſes Um⸗ ſtandes Empfindungen der Unzufriedenheit in der Bruſt des Knaben zu erwecken.

Unſer alter Gärtner Pierre hat es mir geſagt, erwiederte das Kind, in die Ferne

chauend.Es