ſind vorüber, wie die ſeines Herrn. die verbrannten Ballen liegen ſehen, ſtand die Gallerie, in der einſt der König— doch was werden Sie ſich Ein gutes Mittageſſen würde Ihnen jetzt lieber ſein, als alle
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„Willkommen bei Rochaique, ſagte endlich der Marquis.
Der Eiſenbahnzug hielt vor einer kleinen Station. Auf der rechten Seite ſchäumte die Rhone, und auf der linken erhob ſich zu der Höhe der Spitze eines gothiſchen Kirchthurms ein zackiger Fels, auf deſſen Vorſprunge das Schloß ſtand, ein beim erſten Anblicke ſehr imponirendes Gebäude. grauen Steinhäuſern und Nußbaum⸗-Alleen, lag am
Monſieur Kirby!“
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Augen, die faſt immer einen ſcheuen, melancholiſchen
Ausdruck hatten. nach franzöſiſcher Sitte, von geſchäftigen Verwandten,
Das Dorf, mit ſeinen
Fluſſe, und die ſchön belaubte, hügelige Gegend des
einen Ufers, mit den üppigen Wieſen des andern, ge⸗ währte eine reizende Ausſicht.
Wir ſtiegen aus und holten unſer Gepäck. Ein Wagen wartete unſerer. mit ſechs Pferden und drei gepuderten Lakaien, wie ich faſt erwartet hatte, ſondern ein altmodiſches, geräumiges Fuhrwerk mit zwei langſchwänzigen franzöſiſchen Klep⸗
Frankreich häufig findet. Der Kutſcher, mit bordirtem Rocke und flacher Mütze, erſtieg die von unſeren Man— telſäcken und Hutſchachteln gebildete Pyramide, und der Bediente des Marquis, welcher ihn nach England be⸗ gleitet hatte, nahm an der Seite des Wagenlenkers Platz, wo er ſo bequem wie auf einem Bocke ſaß.
Es war jedoch keine Kutſche
Wahrſcheinlich war die Verbindung,
Dame, zu Stande gebracht worden. Sie ſchien ſehr ergeben und gehorſam zu ſein, ſelten heiter, und faſt nie ganz wohl. Das Kind dagegen war ein herrliches kleines Weſen mit braunem Lockenhaar, friſcher Farbe, blühenden Wangen und offenen blauen Augen; es hatte gute natürliche Anlagen, und ließ erwarten, daß ſich ein kräftiger Geiſt und zugleich ein ſanftes Gemüth, die ſelten gepaart ſind, in ihm entwickeln werde. Na⸗ türlich war es deßhalb, daß der kleine Henri— nach ſeinem Vater benannt, deſſen Vornamen, dem im Fau⸗ bourg St. Germain üblichen Gebrauche gemäß, Gas⸗ ton Pierre Louis Armand Henri waren— von den
m Eltern vergöttert wurde und ſich in nicht geringer Ge⸗ pern beſpannt, wie man ſie namentlich im Süden von
Die Peitſche knallte, und wir fuhren im Trabe davon.
Während der Wagen das Dorf paſſirte, wurden viele Hüte und Mützen der Vorübergehenden zu Ehren des reichen Grundherrn gezogen, aber faſt in keinem Ge⸗ ſichte las ich ein wirklich herzliches Willkommen für ihn. Herr de Vauxmesnil erwiederte jedoch alle Be⸗ grüßungen auf ſehr herablaſſende Weiſe.
„Ich bin ein guter Regent,“ ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen ſtolzen Lächeln.„So lange ſich keine Verbreiter neuer Ideen zwiſchen mich und meine Unter⸗ thanen drängen, werden wir recht gut mit einander
fertig. Wie gefällt Ihnen Rochaique?“ „Prachtvoll!“ war mein unwillkürlicher Ausruf,
denn von der Stelle aus, die wir auf unſerem gewun⸗ denen und aufwärts ſteigenden Wege erreicht hatten, nahm ſich das Schloß in der That majeſtätiſch aus. Als wir jedoch näher kamen, entging mir nicht, daß viel von dieſem Glanze ſchwand. Ein großer Theil des Gebäudes lag in Ruinen, und hatte nichts mehr als die äußeren Mauern; die Thürme waren geſprengt, die Wände geborſten, und das ſich an den Trümmer⸗ haufen lehnende neue Gebäude ſah durch den Gegenſatz zu ſeinem rieſigen Nachbar viel kleiner aus, als es wirklich war.
Der Marquis lächelte bitter, als er meinen durch dieſe Wahrnehmung überraſchten Blick ſah. „Ja,“ ſagte er,„die beſten Tage von Rochaique Dort, wo Sie
um ſolche alten Eyinnerungen kümmern!
Ruinen der Erde, nicht wahr? Sie ſollen es auch haben, denn wir ſind jetzt angelangt.“
Meen Leben im Schloſſe war zwar einförmig, aber nicht unglücklich zu nennen. Die Marquiſe mit ihrem kleinen Sohne, meinem Zöglinge, und eine Schweſter des Herrn de Vauxmesnil, eine ſtille, aber ſteife und gezierte Perſon, bildeten den Familienkreis. Erſtere, bedeutend jünget als ihr Gemahl, war eine ſanfte, bleiche Frau mift blonden Haaren und milden, grauen
fahr befand, gründlich verzogen zu werden.
Allein es gibt Naturen, die ſich ſelbſt durch Schmei⸗ chelei nicht verderben laſſen, und zu dieſen gehörte mein Zögling, der kleine Vicomte, der ſchon in der Wiege ſo genannt wurde, da ihm, als dem älteſten Sohne des Marquis, dieſer Titel gebührte. Sein Vater wünſchte, daß die Erziehung des Knaben nach dem vor der Revolution üblichen Syſteme geleitet werde. Aller⸗ dings verlangte er nicht, daß ich ſeinem Sohne die Geſchichte ſeines Vaterlandes nach der wahrhaften Schilderung des Abbé Labeille lehren ſolle, der in klerikalen Schulen hoch geachtet wird und, zum Bei⸗ ſpiel, die Schlachten von Auſterlitz und Marengo als
Siege ſchildert, die ein gewiſſer Marquis de Bona⸗
parte, General in der Armee des Königs, errungen habe. Solche grobe Lügen enthielten die mir zum Ge⸗ brauche überwieſenen Schulbücher nicht; aber ſie waren ſehr vorſichtig ausgewählt und von Männern geſchrie⸗ ben, welche das Fortſchreiten des Zeitgeiſtes mit Furcht und Unwillen betrachteten. Auch machte der Marquis kein Geheimniß aus ſeinen Abſichten und Anſichten.
„Ein Edelmann,“ pflegte er zu ſagen,„darf nicht in Unkenntniß deſſen bleiben, was dem Pöbel der Städte bekannt iſt. Was mich betrifft, ſo hat das wunderbare neunzehnte Jahrhundert mit allen ſeinen geprieſenen Erfindungen, dem Gas, der Dampfkraft und Elektrizität, nicht den Werth einer Priſe Schnupf⸗ tabak; aber Henri darf nicht aufwachſen, ohne dieſe materiellen Erſcheinungen kennen zu lernen, deren über⸗ triebene Lobpreiſung jetzt an der Mode iſt. Ich war Page bei Louis dem Achtzehnten, und wir hatten da⸗ mals von anderen Dingen zu ſprechen, als von Wiſ⸗ ſenſchaft und neuen Erfindungen. Edelleute waren in jener Zeit wirklich Edelleute, mein guter Monſieur Kirby.“
Ein Glück für mich war es, daß der Marquis vor den Klaſſikern große Achtung hegte. Das Studium
des Horaz und Cicero war nach ſeinem Geſchmacke,
denn der„große Monarch“ hatte es gebilligt, und er veranlaßte deßhalb ſeinen Sohn, viel Zeit auf die Er⸗ lernung der alten Sprachen zu verwenden. Ich ſage, es war ein Glück für mich; denn während ich ihn in der lateiniſchen Grammatik unterrichtete, ſah ich mei⸗ nen Weg klar vor mir, und ſtieß nicht auf die Schwie⸗ rigkeiten, welche ſich beim Vortrage über Naturwiſſen⸗ ſchaften und Geſchichte oft in den Weg ſtellten. In
letzteren bereitete mir mein Zögling häufig dadurch große Verlegenheiten, daß er Fragen that, die ich un⸗


