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ſei der ſo kürzlich ſtattgefundene Tod der Mutter, äußerte er ſich theilnehmend, vergütete dem Kammer⸗ ſchreiber die Nacht der wenigen Stunden er blieb nur gerade lange genug, um die Truppen zu beſichti⸗ gen und zu ſpeiſen— mit ächt kaiſerlicher Freigebig⸗ keit, und ließ in dem Hauſe ein Echo zurück, welches heute noch in der Erinnerung der damaligen Bewohner fortklingt.
Wo Napoleon erſchien und verſchwand, da rollte
hinter ihm her der Krieg wie eine Fluth, deren Hemm⸗ niſſe er mit ſeiner Hand weggebrochen hätte. Auch in
unſerer Elbſtadt ſollte es nicht anders ſein, als über⸗ all anderswo. Man hatte bereits 1810 angefangen, ſie in eine Feſtung zu verwandeln, und war damit
gegen den Schluß von 1812 nothdürftig zu Stande
gekommen. In den erſten Monaten von 1813 bereits wurde ſie armirt und man ging damit gleich ſo weit, daß die Schule aus dem alten Franziskanerkloſter aus⸗ gewieſen und dieſes zu einem Lazareth eingerichtet wurde. Im Februar traf der General, bei welchem Tannen⸗ hof Adjutant war, in der Stadt ein und bezog einen Flügel des Schloſſes. Dieſer glücklichen Fügung ver⸗ dankte Tannenhof die traurige Genugthuung, die Mutter der Geliebten pflegen helfen, die Geliebte ſelbſt in ihrem Tochterſchmerz tröſten zu können. Zugleich theilte er ihr die veränderte Geſinnung mit, welche er ſeinerſeits von ſeinem General empfangen hatte. war entſchieden deutſch geworden und weigerte ſich in Folge deſſen mehrmals beſtimmt, franzöſiſche Truppen in die Stadt zu nehmen oder gar durch ſolche die ſäch⸗ ſiſche Garniſon erſetzen zu laſſen. Der König billigte in mehreren Schreiben vollkommen alle Maßregeln des Generals, und die Bewohner der Stadt glaubten ſich unter ſeinem Schutz einer gefahrloſen Neutralität ver⸗ ſichert.
Cornelia ließ ſich ohne Mühe vom deutſchen Gefühl entflammen. Gehaßt hatte ſie bereits den Kaiſer als denjenigen, deſſen Befehl Tannenhof von ihr fort und der Gefahr entgegengeführt hatte und jeden Augenblick daſſelbe Gewaltſame an ihr thun konnte, jetzt fing ſie auch an zu lieben, nämlich das Vaterland, und in Jenem deſſen Zwingherrſchaft zu verabſcheuen. Ihre Seele wurde folglich in eine höhere Empfindungsſphäre gehoben, und die Schweſtern folgten ihrer Gebieterin dahin nach, eine Jede ſo weit ſie nach dem Steige⸗ rungsmaß ihrer Gefühlskraft vermochte. Die Frau Günthern wußte ſich am wenigſten in den neuen Zu⸗ ſtand, der im Hauſe herrſchte, zu finden, indeſſen da Tannenhof der Urheber deſſelben war, ſo nahm ſie ihn
Dieſer nämlich
führte, wo die Familie ſich ruhe⸗ und geſchäftslos um⸗ hertrieb, denn ſeit zwei Tagen ſtanden 15000 Fran⸗ zoſen den Einlaß begehrend, vor der Feſtung, welche von den ſächſiſchen Truppen jetzt unwiderruflich ge⸗ räumt werden ſollte. Was ſie als Begehren ſtellten, hatte eine Depeſche von Napoleon als Befehl ausge⸗ ſprochen, dennoch zögerte der General noch, indem er der Forderung des fremden Herrſchers die Weiſung ſeines angeſtammten Herrn entgegenſetzte, nach welcher der General die ihm anvertraute Feſtung ſelbſt in dem Falle,„wenn das Glück der Waffen die kaiſerlich fran⸗ zöſiſche Armee wieder an die Elbe führen ſollte,“ nicht für Frankreich zu öffnen hätte. Dieſer Befehl war vom 3. Mai datirt, jetzt, ſieben Tage ſpäter, traf ein neuer ein, welcher mit dem Napoleons übereinſtimmte. Das theilte Tannenhof der Braut und den Ihrigen mit, während es ſich auch in der Stadt bereits zu ver⸗ breiten begann. Als der junge Adjutant ſeinen Bericht geendet, entſtand eine drückende Stille, welche Amalie zuerſt durch die klägliche Frage unterbrach:„ach, was ſollen wir nun anfangen?“—„Zum lieben Gott beten,“ ſagte Erdmuthe feierlich.„Uns gut verpro⸗ viantiren,“ rieth Auguſte ſehr verſtändig.„Rothe wird uns dabei helfen können.“ Rothe war der Proviſor, der jetzt in dem einen der umliegenden Städtchen eine eigene Apotheke beſaß und nur auf etwas beſſere Ein⸗ künfte wartete, um Auguſte heimzuführen. Der Kam— merſchreiber, an den die Kleine und Linchen ſich ge— ſchmiegt hatten, ſagte ſchwer ſeufzend:„Ihr armen Kinder! Eine ſolche Zeit und ich ſo zu Nichts nutz! Der Vater war in der That ſeit dem Verluſt der
Gattin ſo niedergeſchlagen und durch ſeinen Gram ſo
gläubig an, wünſchte Alles mit, was die Andern wünſch-
ten, und nur bisweilen gab eine große, wenn gleich vor
dem Spott der Schweſtern verheimlichte Angſt ihr die Frage ein, welche ſie in geſtohlenen Augenblicken Tan-
nenhof zuflüſterte;„ach Gott, werden wir nicht auch etwa belagert werden?
Tannenhof beruhigte ſie dann nach ſeiner beſten
Ueberzeugung und täuſchte dadurch uͤnwillkürlich ſowohl die Schwägerin, wie ſich ſelbſt. Es ſollte der Stadt, der Familie und ihm nicht ſo leicht werden, ſich in Liebe wieder an Deutſchland zu ſchließen. Am 10. Mai nach Tiſche kam Tannenhof in der höchſten Auf⸗ regung vom Schloſſe zurück. Cornelia, die ihn ſchon auf dem Fleiſchmarkt erſpäht hatte, eilte ihm auf der Treppe entgegen.„Ich komme zu euch,“ ſprach er, indem/ er ſie umfaßte und in das Erkerzimmer zurück⸗
ſeinen, bisher träumeriſch dageſtanden.
ermattet, daß in ihm die Töchter keine Stütze zu hoffen hatten. Cornelia hatte nur gehört, was der Verlobte ſagte, und ihre Hand in der ſeinen, ihr Auge in dem Jetzt frug ſie langſam:„und was wirſt du thun, Tannenhof?“
„Was würdeſt du wünſchen, daß ich thäte?“ ant⸗ wortete er, ſie mit ernſtem Blicke prüfend.
„Was deiner am würdigſten iſt,“ ſagte ſie leiſe, aber feſt..
„Was thut der General?“ fragte der Vater zagend.
„Das Einzige, was er thun kann,“ antwortete feurig der junge Adjutant.„Er verläßt dieſen Abend die Feſtung und geht zu den Ruſſen.“
„Das dacht' ich mir,“ ſagte Linchen.
„Ja,“ ſtimmte die Kleine erröthend ein,„er hat's ja an ſeinem Geburtstag geſagt: ich erkläre hiermit feierlich, daß ich für Frankreichs Sache nie wieder den Degen ziehen werde.““
„Und was thun Sie, Tannenhof?“ fragte nun ihrerſeits Erdmuthe.„Kannſt du noch fragen!“ rief Cornelie mit aufblitzendem Auge.„Er geht mit ſeinem General.“
„Ja, Cornelia, das thu' ich,“ ſprach Tannenhof, ſie inbrünſtig an ſich ziehend.„Ich danke dir, daß du mirs nicht ſchwer machſt. Und wenn ich wieder⸗ komme—“
„Du wirſt wiederkommen,“ unterbrach ſie ihn mit glühender Zuverſicht,„das thut Gott mir nicht an, dich mir zu nehmen.“
„Mag er dich erhören!“ antwortete der junge Mann. „Mag er mich geſund wieder in dieſes Haus zurück⸗ führen. Dann wird Freiheit bei uns ſein, mein Vater wird in mein Glück willigen, und du wirſt mirs geben,“


