Teil eines Werkes 
Band 1
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Wikokalendies, der rothe Häuptſing.

Ein Nachtſtück aus Kenntucky in Nordamerika*).

(Taf. 3.)

J.

Im Jahr 1778 ſtand im jetzigen Staate Kenn⸗ tucky auf einer Anhöhe über einem kleinen Flüßchen, das dem Lücking River, einem Nebenſtrom des Ohio, zufloß, ein Anweſen, welches den Namen Eſtill's Sta⸗ tion führte, und etwa fünf oder ſechs Gebäulichkeiten zählen mochte. Dieſe waren ſämmtlich roh aus Holz aufgeführt und dienten theils zu Magazinen, theils zu Wohnungen, denn Herr Eſtill, der Beſitzer des An⸗ weſens, konnte ein für die damaligen Zeiten reicher Mann genannt werden und eignete nicht blos die ganze nächſte Umgebung, welche er bereits zum Theil urbar gemacht hatte, ſondern konnte ſich auch rühmen, über ein ganzes Dutzend ſchwarzer Sklaven zu gebieten, was in jenen Tagen ſchon viel ſagen wollte. Deſſenunge⸗ achtet würden ihn nur Wenige der jetzt Lebenden um dieſen ſeinen Reichthum beneidet haben, oder vielmehr man könnte unter unſern Mitmenſchen vielleicht Nie⸗ manden, nicht einmal einen Armen, finden, der ſich da⸗ zu hergegeben hätte, einen Tauſch mit ihm zu treffen, ſo wenig Empfehlenswerthes hatte, den Reichthum aus⸗ genommen, Eſtills Station an ſich. Damals gab es in ganz Kenntucky nur erſt ganz vereinzelt liegende weiße Anſiedlungen, ſo daß man oft einen ganzen Tag reiten mußte, bis man wieder auf eine Farm ſtieß, und von einem geſelligen Leben oder auch nur von einem geſicherten Abſatz ſeiner Produkte konnte alſo noch keine Rede ſein. Im Gegentheil war jeder Anſiedler, ſo zu ſagen, ganz auf ſich allein angewieſen, und hatte

genug zu thun, um ſich vor den Streifereien der In⸗

dianer oder Ureinwohner, welche natürlich gegen die weißen Eindringlinge keine allzu freundliche Geſinnung hegten, zu ſchützen. Glücklich alſo der, der in ſeiner Familie einen Erſatz fand, für die Schrecken der Wild⸗ niß und über das gemüthliche Zuſammenſein mit den Seinigen alle anderen Anſprüche an das Leben ver⸗ geſſen konnte! Leider jedoch durfte ſich Herr Eſtill deſſen nicht rühmen, denn nachdem ihm Frau und Töch⸗ ter längſt geſtorben, beſaß er nur noch einen einzigen Sohn und deſſen Charakter übertraf ſogar noch die wilde Umgebung an Rauhheit und Unzugänglichkeit. Der Vater ſelbſt übrigens gab ihm hierin nur wenig oder gar nichts nach und ſo führten denn die Beiden ver⸗ ſchiedene Jahre lang ein gar iſolirtes und freudeleeres Leben, nur allein damit beſchäftigt, ihre Sklaven zu harter Arbeit anzuhalten und nebenbei der Jagd auf wilde Thiere oder zur Abwechslung auch auf wilde In⸗ dianer obzuliegen. n dem genannten Jahre 1778 jedoch ſchien einige ſslung in dieſes traurige und öde Daſein kommen zu wollen. Der alte Eſtill hatte nämlich Kunde er⸗ halten, daß ihm ſeine einzige in Virginien lebende

*) Daß die hier erzählten Ereigniſſe auf einer hiſtoriſchen Grundlage beruhen, wird der Leſer ohne Zweifel ſogleich heraus⸗ finden. Th. Gr.

Feierſtunden. 1863.

Schweſter geſtorben ſei, ohne etwas mehr zu hinter⸗ laſſen, als eine Tochter, mit Namen Mary, und ſomit entſchloß er ſich ſchnell, dieſe ſeine Nichte zu ſich ins Haus zu nehmen. Verwandtſchaftliche Liebe war es wohl nicht, was ihn zu ſolcher Handlungsweiſe antrieb, ſondern die eigentliche Triebfeder mußte in einer ganz andern Abſicht geſucht werden. Sein Sohn nämlich ſollte heirathen, um das Geſchlecht fortzupflanzen und in der ganzen weiten Umgebung gab es kein einziges Mädchen, das er für denſelben hätte acquiriren können; was war alſo natürlicher als der Gedanke, die junge Mary, die wegen ihrer Armuth keine große Auswahl hatte und alſo an der Parthie froh ſein mußte, für den Poſten einer Schwiegertochter zu beſtimmen? Selbſtver⸗ ſtändlich übrigens ſagte er ſeiner Nichte, als er ſie ab⸗ zuholen kam, kein Wort hievon, ſondern dachte vielmehr, die Sache werde ſich ſchon von ſelber machen, und ſo folgte ihm denn Mary ohne weiteres Widerſtreben. Sie war ja eine verlaſſene Waiſe und er ihr einziger lebender Verwandter! Einige Wochen lang nun ging auch Alles gut und Eſtills Station gewann durch die Gegenwart eines weiblichen Weſens von kaum zwanzig Jahren ein viel freundlicheres Anſehen. Ja ſogar der wilde John ſo hieß nämlich des Pflanzers einziger Sohn ſchien ſeine Natur ganz umändern zu wollen, denn er blieb von nun an viel zu Hauſe und man konnte auf den erſten Blick ſehen, daß ſeine Baſe einen großen Eindruck auf ihn gemacht habe! So gratulirte ſich denn der alte Eſtill bereits zu ſeinem klugen Ge⸗ danken und meinte das angeſtrebte Ziel ſei ſo gut als erreicht, als Alles mit einem Male beinahe eine ganz andere Wendung genommen hätte.

Etwa zwei Monate nämlich nach der Ankunft Mary's auf Eſtills Station brachte John eines Abends, als er von einem Jagdausfluge nach Hauſe kehrte, die Nach⸗ richt mit, daß ſie einen neuen Nachbar bekommen hätten, der ſich etwa zehn engliſche Meilen oder zwei Stunden von ihnen entfernt an einer Quelle eine Hütte gebaut habe, und ſich, wie es ſcheine, hier ſtabil niederlaſſen wolle.

Vermuthlich ein alter Jäger und Biberfänger! ſagte der alte Eſtill gleichgültig, denn es kam öfter vor, daß dergleichen Männer ſich in der an Wild überaus reichen Umgegend, wo natürlich Jeder nach Belieben jagen konnte, für eine Zeitlang feſtſetzten.

Nein, fehlgeſchoſſen, Vater, erwiederte John in ſeiner gewohnten rauhen Weiſe.Der Nachbar iſt vielmehr ein ganz junger Mann von kaum fünfund⸗ zwanzig Jahren und augenſcheinlich an unſere Art und Weiſe zu leben noch nicht gewöhnt. Auch glaube ich nicht weit von der Wahrheit entfernt zu ſein, wenn ich die Behauptung aufſtelle, daß es ihm in ſeiner Heimath ſchlecht gegangen iſt und er ſich nur bei uns in Kenn⸗ tucky wieder auf die Beine helfen will.

Du haſt ihn alſo geſprochen? frug der Vater et⸗ was neugieriger, als zuvor.

Gewiß, entgegnete der Sohn,und weiß ſogar

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