Behauſung zurück. Von jetzt an aber traute man der Feſtigkeit des Käfigs nicht mehr, ſondern feſſelte den jungen Gorilla noch extra mit einer eiſernen Kette, welche man ihm an den Nacken befeſtigte. Dieſes Mit⸗ tel half denn auch, und zwar, wie es ſchien, gründ⸗ lich; denn obwohl das Thier den Eiſenring im Anfang in voller Raſerei zu zerſprengen ſuchte, ſo bequemte er ſich doch bald zur Nachgiebigkeit, und verfiel ſogar von nun an, ſtatt in dem Käfig herumzurennen und die Stäbe deſſelben zu zerbeißen, in eine Art von ruhigem Hinbrüten, aus dem es ſich nur dann aufrütteln ließ, wenn ſich Einer der Schwarzen dem Käfige näherte. Eigenthümlicher Weiſe nämlich zeigte es einen weit tie⸗ feren Ingrimm gegen die Eingeborenen Afrika's, als gegen den„Mann der weißen Farbe“, und Herr Du⸗ Chaillu durfte ſich von nun an, ohne einen Angriff zu befürchten zu haben, ganz in die Nähe heranwagen. Er gab alſo die Hoffnung, den Affen nach und nach zu zähmen, immer noch nicht auf, und reichte demſel⸗
ben von nun an abermals mit eigener Hand die Nah⸗
rung, natürlich übrigens nur eine ſolche Nahrung, welche der Gorilla beſonders liebte, alſo Waldbeeren, Ananas⸗Blätter und was dergleichen mehr iſt. Zu gleicher Zeit füllte er einen Korb halb mit Heu und ſtellte dieſen in eine Ecke des Käfigs, um zu ſehen, ob der Affe den Zweck dieſes Korbes begreife. diger Weiſe war dies auch der Fall, denn nachdem der Gorilla einen Augenblick lang um den Korb herumge⸗
Merkwür⸗
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ſchnüffelt hatte, ſprang er mit einem Satz hinein und machte es ſich ſo bequem als möglich. Ja von nun an benützte er den Korb nicht nur regelmäßig als Schlafſtätte, ſondern er ſchüttelte auch jedesmal das Heu vorher auf, ehe er ſich zur Ruhe legte, und nahm ſogar eine Portion davon in die Hand, um ſich, wenn er lag, damit zu bedecken. Dies war aber auch das einzige Zeichen von Civiliſirung, das er gab, und in allem Uebrigen blieb er gleichmäßig wild und trotzig, wenn man ihn aus ſeinem Hinbrüten aufſtörte.
Auf dieſe Art trieb es Du-⸗Chaillu etwa drei Wochen lang mit dem jungen Gorilla, da fand man ihn am zwanzigſten Tage Morgens todt in ſeinem Käfige, ohne daß er übrigens vorher irgend eine Spur von Krank⸗ heit gezeigt hätte. Im Gegentheil hatte er den Tag vorher noch mit gutem Appetit gegeſſen, und nur die biſſige Moroſität, mit welcher er um ſich blickte, ſchienen darauf hinzudeuten, daß er ein gewiſſes Unwohlſein fühle. Worin beſtand aber dieſes? Offenbar nicht in einer„körperlichen“ Krankheit, denn bei der Sektion, welche Du⸗Chaillu vornahm, konnte nichts der Art ent⸗ deckt werden, ſondern vielmehr in einer Krankheit„des Gemüthes“, das heißt in der Verzweiflung über ſeine Gefangenſchaft!
Dies war der einzige Gorilla⸗Affe, der bis jetzt lebendig gefangen wurde.
Dr. Freund.
Die Roſe im Tiſch.
Novelle von F. Brunold.
Frau Sabine ſetzte das Abendbrod auf den Tiſch, indeß die Geſellen mit den Burſchen aus der Werk⸗ ſtatt in die Stube traten. Meiſter Erasmus hatte ſchon ſein Sammetkäppel abgenommen, um das Gebet zu ſprechen, als die Thür ſich noch einmal leiſe öffnete und ein Reiſender, ſchüchtern hineinſchauend, ſprach: „Wollt' um eine kleine Gabe gebeten haben!“
Frau Sabine, noch roth im Geſicht vom Herdfeuer, ſchob mit raſcher Hand ſich die Mütze ein wenig aus der Stirn, und ſagte, ohne einen Blück zur Thür zu werfen:„Man wird zuletzt nicht mehr ruhig eſſen kön— nen vor—. Sie beendete ihre Rede nicht, denn der Bittende hatte ſchon die Thüre wieder zugemacht, indem er ſprach:„Nichts für ungut!— Gott zum Gruß!“
Meiſter Erasmus, dem überhaupt die Worte der Frau nicht zugeſagt, hatte kaum den Gruß des Frem⸗ den vernommen, als er auch ſchon mit raſchem Schritt bei der Thür war und, dieſelbe öffnend, dem Fort⸗ gehenden zurief:„He! Freund! Hier bleiben! Habt die Meiſterin nicht verſtanden!“
Und als er ſahe, daß der junge Menſch wie er⸗ ſtaunt verlegen ſtehen blieb, lachte er gutmüthig und ſprach, zugleich das bleiche Geſicht des Fremden bemer⸗ kend:„Wohl heut' noch nichts Warmes gehabt?“
„Seit funf Tagen nicht, Meiſter;“ entgegnete der fremde Geſell, der noch immer nicht abgeneigt ſchien, ſeinen Schritt weiter ſetzen zu wollen. Doch der Mei⸗ ſter nahm ihn bei der Hand, und ihn mit ſich in die
Stube nehmend, ſagte er:„Dacht' mir's. Aber kommt nur herein; es wird auch für Euch noch ein Teller Suppe übrig ſein.“
Mit dieſen Worten wendete er ſich zugleich zur Frau und rief:„Nicht, Mutter?“
Und die, ihre vorige Härte, die ihr ſonſt nicht
eigen war, ſchon bereuend, gab der Tochter, die ihr
zur Seite ſtand, einen Wink, und ſprach:„Mach’ 1
Platz, Elſe. Und das Uebrige weißt du!“
Das Mädchen, eine blauäugige, hübſche Dirne von achtzehn Jahren, warf einen Blick nach dem Fremden, und ſetzte dann ihren eigenen Teller für den Gaſt hin, während ſie hinaus ging, um für ſich ſelbſt ein neues Gedeck zu holen. Bald darauf ſaßen Alle bei Tiſch.
Der Meiſter hatte ſein Gebet geſprochen, ſein Käp⸗ pel wieder aufgeſetzt und ſchaute, ſelber eſſend, freund⸗ lich umher, um zu ſehen, wie es Gaſt und Hausge⸗ noſſen mundete. Plötzlich ſich jedoch zu dem Fremden wendend und bemerkend, daß der, trotz des ſichtbaren Hungers, nur beſcheiden, langſam aß, ſagte er:„Nur zugegriffen,'s iſt Euch gern gegeben!“
Und wie, als wolle er dem Eſſenden Muth machen, fragtg er weiter:„Was fur ein Landsmann? Und was für ein Handwerk?“
Der Angeredete ließ den Löffel ruhen und entgeg⸗ nete, ſein Auge zum Meiſter aufhebend:„Bin droben aus Preußen her, aus Labiau; nicht fern der ruſſiſchen Grenze. Dacht' hier zu Lande Arbeit zu finden— hab'
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