Teil eines Werkes 
Band 1
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ganz die äußere Geſtalt

Schuhen, und ſelbſt die Weibchen,

kämpfen. Am erſten Mai erhebt ſich nämlich die weib⸗ liche Jugend eines vogeſiſchen Ortes ſchon lange vor Tagesanbruch und eilt feſtlich gekleidet hinaus auf Wald und Feld, um die friſch erwachten Blumen zu ſammeln und in mächtige Sträuße zu binden. Viele nehmen auch noch Töpfe mit blühenden Pflanzen in die Hand und ſo ziehen ſie, nachdem ſie in's Dorf zurückgekehrt, von Haus zu Haus, mit luſtiger Stimme den Maigeſang ertönen laſſend. Dieſer Geſang iſt ein altes Volkslied, deſſen Refrain immer derſelbe bleibt; der Text ſelbſt aber erleidet alle Jahre vielfache Ver⸗ änderungen, und es wird nach Belieben entweder hin⸗ zugethan oder hinweggenommen. Sein Inhalt iſt übri⸗ gens rein lokaler Natur und bezieht ſich durchaus nur auf die Einwohner ſelbſt, ſo wie auf die Ereigniſſe, welche das Jahr hindurch im Dorfe vorgefallen ſind.

Allein eben deßwegen muß der Schullehrer oder ſein

Gehülfe, welche man faſt regelmäßig mit der Abfaſ⸗ ſung der neuen Strophen des Mailieds beauftragt, immer um ſo mehr Correcturen mit dem früheren Texte vornehmen, je mehr Taufen, Hochzeiten, Todes⸗ fälle und dergleichen mehr vorgekommen ſind.

Von Haus zu Haus alſo ziehen die Mädchen und faſt in jedem Hauſe wird ihnen eine kleine Gabe ge⸗ reicht. Dieſe ſammeln ſie in ihren Körben, und wenn dann Mittags die ledigen Burſchen auf der nahen Wieſe vor dem Dorfe zuſammenkommen, um ihre Wettläufe

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zu machen oder ſonſtige Spiele zu treiben, ſo eilen die Mädchen herbei und ſetzen die erhaltenen Geſchenke als Preiſe aus. Als der höchſte Preis aber wird immer der Strauß erachtet, welchen die Maikönigin, das iſt das Mädchen, welches ihre Geſpielinnen zu ihrer An⸗ führerin gewählt haben, dem Sieger im Wettlaufe über⸗ reicht. So geht der ganze erſte Mai in Luſt und Freude vorüber, und ſogar die Alten nehmen an dem Feſte Theil; denn wenn ſich Abends die Jugend auf dem freien Platze vor dem Rathhauſe ſammelt, um allda nach dem Takte einer Klarinette oder Schallmei zu tanzen, ſo ſetzen ſich Vater und Mutter an die von den nächſten Häuſern herbeigetragenen Tiſche und ſpre⸗ chen ihren einfachen Getränken und Speiſen mit einer ebenſo großen Luſt zu, als ſäßen ſie an der Tafel eines Königs.

Um zwölf Uhr Nachts hat das Feſt ein Ende und Alles legt ſich zu Bette, um den andern Morgen wie⸗ der zur Arbeit friſch zu ſein. Nur allein der Burſche, welchen die Maikönigin mit ihrem Strauße auszeich⸗ nete, eilt mit einigen ſeiner Kameraden in den nahen Wald, haut dort eine ſchlanke Birke um und ſchleppt dieſelbe in das Dorf, um ſie an der Thüre des Hau⸗ ſes, in welchem die Maikönigin ſchläft, als Trophäe aufzupflanzen. Das iſt ſein Dank für den Strauß!

Th. Gr.

Der oriſla-Aſſe.

Vor wenigen Jahren noch glaubte man, daß der Armen, als bei irgend einem anderen Thiere der Welt.

Orang⸗Utang, welcher bekanntlich nur allein auf den großen Inſeln Borneo und Sumatra gefunden wird, unter der ganzen Affengattung derjenige ſei, welcher V am meiſten Aehnlichkeit mit dem Menſchen habe; allein als man ſich in der neueſten Zeit auf die Durchfor⸗ V ſchung Afrika's warf, zeigte es ſich, daß man ſich voll⸗

ſtändig geirrt habe. Da fand man nämlich zuerſt den Gibbon und dann denTſchimpanſe, welche beide in Körperform wie in der Geſichtsbildung die Men ſchenähnlichkeit des Orang⸗Utang bei Weitem übertra⸗

fen. Die allerneueſte Entdeckung aber machte erſt der berühmte Reiſende Du⸗-⸗Chaillu, welcher im vergan⸗- genen Jahre die dichteſten Wälder des weſtlichen Afrika durchdrungen hat, denn er fand denGorilla⸗ Affen oder denwilden Thiermenſchen, wie man ihn auch nennen könnte. Dieſer Affe hat nämlich faſt eines Menſchen, und Du

Chaillu ſelbſt war, als er das erſte Exemplar dieſer

Gattung erblickte, im Zweifel darüber, ob er ein Thier oder nicht vielmehr einen verwilderten und deßhalb mit Haaren bedeckten Waldmenſchen vor ſich habe. Schon die Größe des Gorilla fällt auf, denn die männlichen erwachſenen Exemplare haben meiſt eine Länge von fünf welche doch ſtets um ein Ziemliches kleiner ſind, werden meiſt vier und einen halben Fuß hoch. Noch auffallender iſt die Geſichts bildung, indem mancher Neger kaum ſchönere Züge aufweiſen kann, und überdieß ſtehen beim Gorilla die Füße in einem viel regelmäßigeren Verhältniſſe zu den

Am allerauffallendſten jedoch ſind diekurzen Finger mit dem wohl ausgebildeten Daumen, ſo wie die Ferſen, welche eine ſolch' menſchenähnliche Geſtaltung

haben, daß der Gorilla mit Leichtigkeit aufrecht ſtehen

und gehen kann. Ja nicht genug hieran, ſondern es wird der beſagte Affe auch von keinem Schwanze ver⸗ unſtaltet und hat zugleich unter allen Affen⸗Arten das größte Gehirn. Sollte man alſo nicht glauben, daß derſelbe eine Art von Uebergang zu dem Menſchen⸗

geſchlechte bilde und wenigſtens von der mindeſten Stufe

deſſelben, d. i. vom Niggerthum nicht gar zu weit ent⸗ fernt ſtehe?

Doch einer ſolchen Annahme widerſpricht die nähere Betrachtung des Thieres durchaus, denn daſſelbe über⸗

trifft an Wildheit, Körperſtärke und Unbezähmbarkeit

ſelbſt einen Tiger, ſo daß die Jagd auf einen Gorilla ſtets mit den größten Gefahren verbunden iſt. Gewöhn⸗ lich hat nämlich derſelbe ſeinen Aufenthalt in dem aller⸗ dunkelſten und undurchdringlichſten Walddickicht, wo man ihn nie eher zu Geſicht bekommt, als bis man ihm auf ein paar Dutzend Schritte nahe ſteht. Dieſes wird dem Leſer leicht begreiflich ſein, wenn wir ihn daran erinnern, daß wir nicht von einem Walddickicht unſerer Gegend ſprechen, ſondern vielmehr von dem Urwalde des innern Afrika, in welchem wilde Wein⸗ reben, Lianen und ähnliche Pflanzen ſo unendlich ver⸗ ſchlungen, verſtrickt und verwirrt in einander hinein⸗ wachſen, daß man nur zu oft, ohne ſich mit der Axt Bahn zu brechen, lediglich nicht mehr weiter kommen