372 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Uns ſcheint dieß Alles wie ein Morgengruß dem
Schöpfer dieſer herrlichen Welt, und unſer Herz ſtimmt freudetrunken und dankerfüllt mit ein.
Zunächſt am Fuße dieſer Anhöhe liegt Erbach,
dann Oeſtrich, weiter abwärts Hattenheim, Kidrich,
Winkel, Geiſenheim, Fibingen und noch mehrere freundliche Ortſchaften, zwiſchen ihnen einzelne Höfe, theils frühere Klöſter, theils Ueberbleibſel ehemali⸗ ger kleiner Flecken und Trümmer alter Burgen, von welchen die noch umfangreichen, ziemlich erhal⸗ tenen Ueberreſte der alten Burg Scharfenſtein am bedeutendſten hervortritt. Das Kloſter Marienthal liegt verſteckt in einem reizenden Thälchen; von ſeiner gothiſchen Kirche iſt das Dach eingeſtürzt, doch wird ſie hie und da noch zum Gottesdienſte benützt. Zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
befand ſich hier eine Buchdruckerei, welche einige ſeltene Werke lieferte. Zu Anfang des ſiebenzehnten
Jahrhunderts nahmen die Jeſuiten dieſes Kloſter wegen ſeines wunderthätigen Marienbildes in Beſitz; es brannte aber bald darauf ab und wurde nie wieder ganz hergeſtellt. Zahlloſe Nachtigallen um⸗ ſchwärmen dieſen alten einſamen Ort und ſingen ſüße Liebesmelodien auf ſeinen verfallenen Mauern.
Der Urſprung aller dieſer Orte am Rheine
hier, wie weiter auf⸗ und abwärts datirt ſich aus
den älteſten Zeiten her, ja viele ſind ganz unſtreitig ſchon unter der römiſchen Herrſchaft entſtanden. Bei Winken hatten die Römer große Weinlager, und man kennt noch jetzt den römiſchen Weinkeller, wel⸗ chen Erzbiſchof Hraben im neunten Jahrhundert zu ſeinem eigenen Gebrauche wieder herſtellen ließ. So findet man auch noch bei Bretzenheim unweit Mainz den ſogenanuten Heidenkeller aus den Römerzeiten. Wenn Alterthum adelt und den Werth erhöht, ſo können ſich die meiſten rheiniſchen Dörfer mit den älteſten Stammbäumen meſſen, denn aus ihnen entſtanden nach und nach die Patrizier⸗ und Ritter⸗ geſchlechter.
Zwiſchen Hattenheim und Geiſenheim erhebt
ſich der abgerundete Johannisberg mit ſeinem ſchönen Schloſſe und ſeinem koſtbaren Weine, das ſo be⸗ rühmte Beſitzthum des alten Fürſten Metternich. Der feurige Wein dieſes ſonnigen Berges ſtreitet mit Rüdesheim, Steinberg und Markobrunn um den erſten Rang, und dieſer Streit wird ewig un⸗ entſchieden bleiben, da jeder dieſer herrlichſten Weine ſeine beſonderen Vorzüge ſowohl, als auch unter den kompetenten Kennern ſeine beſonderen Lobredner hat. Der Johannisberg war, wie ſo viele bevor⸗ zugte Orte des Rheingaues, ein Kloſtereigenthum und ging dann ſpäter durch manche Hand, bis es in die ſeines jetzigen Beſitzers kam.
Dem Kloſter Eberbach gehörte der berühmte Steinberg, deſſen koſtbare Exiſtenz man erſt nach der Aufhebung dieſes Kloſters entdeckte. In den prachtvollen Kellern dieſes ehemalig reichſten Klo⸗ ſters werden die größten Weinſchätze Deutſchlands, die herzoglich naſſauiſchen Kabinetsweine aufbewahrt,
und wem ja das Glück wurde, ſie unterſuchen zu dürfen, der kehrte trunken und ſeelig aus den grauen Gewölben zurück. Dem Kloſter Eberbach muß man nachrühmen, daß es ein Sitz der Gelehrſamkeit, und auch der Humanität war, daß von ihm aus die Kul⸗ tur ſehr befördert wurde, und es im Rufe großer Wohlthätigkeit ſtand, überhaupt in vielen Beziehungen den erſten Rang unter den Klöſtern des Rhein⸗ gaues ſowohl im Mittelalter als auch in ſpäterer Zeit rühmlich behauptete.
Seitwärts von Schloß Johannisberg liegt das Dorf Johannisberg in einer Vertiefung. Es ſoll früher eine Kolonie dieſes Kloſters geweſen ſein, iſt aber jetzt ganz unabhängig von dem Schloſſe, und gehört wie dieſes zu Naſſau. Auch hier wächſt ein ſehr guter Wein, der nicht ſelten mit dem ſtolzen Namen: Berg Johannisberg in das Ausland ver⸗ ſandt wird. In neueſter Zeit wurde eine Kalt⸗ waſſer⸗Heilanſtalt hiekz errichtet, in Verbindung mit Kiefernadel⸗ und Dampfbädern, Elektrizität und Heilgymnaſtik. Ob die Badegäſte dem verführeri⸗ ſchen Reize des herrlichen Johannisberger wohl immer widerſtehen können?— Die Verſuchung dürfte für Viele allzu groß ſein!—
Hattenheim und Geiſenheim ſind zwei ſchöne freundliche Flecken am Fuße des Johannisberges; man findet auch in ihnen noch kleine Ueberbleibſel
alter Burgen, doch bieten ſie nichts beſonders Be⸗
merkenswerthes.
Geiſenheim liegt dicht am Ufer des Rheines, zwei Inſeln gegenüber, welche dort den Strom in zwei Hauptarme theilen. Man nennt ſie die Gie⸗ ſen, die große und die kleine Gieſe, und leitet den Namen Geiſenheim, urſprünglich Gyſenheim, davon ab. Die neue, in gothiſchem Style erbaute Kirche mit zwei Thürmen gibt dieſem Orte ein ungemein hübſches, ſtattliches Ausſehen, wie auch die großen freundlichen Häuſer Wohlſtand und heiteren Lebens⸗ ſinn bekunden; auch finden ſich zwei adelige Land⸗ ſite hier, wovon der bedeutendſte dem Grafen In⸗ gelheim gehört.
(Schluß folgt.)
Volkstrachten in Oeſterreich. IV. Die Zigeuner.
enn wir in der Beſchreibung der öſterrei⸗ chiſchen Volkstrachten auch den Zigeunern ein Blatt widmen, ſo findet dieß in dem Umſtande ſeine Rechtfertigung, daß nächſt der Türkei unſer Vaterland die größte Anzahl dieſer orientaliſchen Gäſte be⸗ herbergt. Oeſterreich zählt unter ſeiner Bevölke⸗ rung über 149.000 Zigeuner, von denen auf Sie⸗ benbürgen 83.000, auf Ungarn 50.000, auf die
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