354 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
ſtanden die verwetterten, kampfgezeichneten Männer, zu Zehn in der Fronte vorn und einen zehnfachen Rechen von Partiſanen, Reihe für Reihe an den Boden gepflanzt. In lärmendem Andrang ſchloß die früher von dem Eiſenkeil verdrängte Volkswelle um ſie den Kreis.
Das dunkelblitzende Auge des Hauptmanns flog einen Augenblick ſuchend über die Häupter der Verſammelten, dann zog er ſein Schwert und ließ drei gemeſſene, langhallende Schläge auf den Heer⸗ ſchild fallen, zum Zeichen, daß er ſprechen wolle zum Volk.
Auf dieß dämpfte das vielſtimmige, verwor⸗ rene Lärmen ſich raſch zum Gemurmel und bald machte geſpannte Erwartung es ganz verſtummen.
„Männer von Hof!“ begann jetzt mit voll⸗ töniger Stimme der Heermeiſter,„Bürger und wehrhafte Geſellen! an euch geht meine Rede. Merkt auf! damit meine Worte Eingang zu eurem Ver⸗ ſtand und Wiederhall finden in eurem Herzen.
Mein Auge hat unter den Verſammelten keinen unberufenen Eindringling entdeckt, ſtreifende Wachen im Wald und feſte Poſten an jedem Ausgang ſichern uns vor böslichem Fürwitz und dem ſpähenden Ha⸗ bichtsauge des Verräthers— ſo darf ich denn frei, ohne Rückhalt euch die Eröffnung machen, daß ihr in dieſer wichtigen Stunde— zu keinem Feſt entboten ſeid!
Des Feindes Ohr in ſeinem Raubneſte aber wird und darf nur die Kunde von einem Luſtſteigen der Städtler erreichen; nicht ſoll er ahnen in trü⸗ geriſcher Sicherheit, daß die duftigen Maiblüthen unſerer Freude nur täuſchende Hülle ſind für eine Saat von Schwertern, die ſeinem Frevelmuth ſproßend, heut' Nachts in ſeinem Herzen blutrothe Röslein aufbrechen läßt!—
Ja Bürger von Hof und wehrhafte Geſellen! der große Augenblick der entſcheidenden That iſt ge⸗ kommen! die Saat nun reif, des Frevlers Maß — und ſo nicht alle Anzeichen trügen, auch die Zornſchale des Himmels ob ſeinem Haupt erfüllt. Seid ihr bereit Vollſtrecker zu ſein? für Weib und Kind, Freiheit und Eigenthum in männlichem
Kampfe einzuſtehen, für die koſtbarſten Güter dieſer
Erde in kühner Wagniß euer Leben in die Schanze zu ſchlagen?!“...
„Wir ſind's! wir ſind's!“ riefen dreihundert männlich feſte, klangvolle Stimmen im Chorus; doch die des ſtreitluſtigſten Kämpen, des gewaltigen Glutſchlacker ward nicht darunter gehört. Der Löwe lag in der Grube.
„Jetzt oder nie!“ fuhr der Redner fort. „Von der Hand eines tapfern Mannes hart ge⸗ ſchlagen und unfähig der Kampfesleitung liegt der Räuberhäuptling in ſeiner Burg. Seine zügelloſe
Rotte— ohne ihn ein ungeſchlachter Rumpf ohne
Kopf, ſchlemmt und zecht im Ueberfluß früherer Beuten und ſo ſich entnervend, behagt ihr das Klirren der Humpen bereits mehr als ſcharfer Eiſen,
und lieber ſieht ſie das Blut der Ungartraube, als das ihrer Adern fließen. Mitternachts, wenn Thor⸗ wart und Wächter wie die Andern dem Bann des Rauſches verfallen ſind, brechen wir über ſie ein mit der Schnelligkeit des Blitzes und der zermal⸗ menden Wucht des Donners. Daß uns im Drang der Entſcheidung die Wildſteiner mit ihren Lan⸗ zen nicht in den Rücken kommen, den Ausgang und das Gelingen vereitelnd— dafür ſteht dieſe Tanne da!“—
Ein Gemurmel der Verwunderung und des zweifelnden Erſtaunens ging durch die Menge von Mund zu Mund.
„Satan hat unſern Feinden einen Einſchlag zu unſerm Verderb gegeben und ihnen für deſſen Verwirklichung auch die verruchten, befähigten Hände zugeführt. Doch die Werke zur Erhaltung und Sicherung des Böſen dauern durch Zulaſſung Got⸗ tes nur eine Zeit; ſie müſſen, entdeckt vom erleuch⸗ teten Verſtand des Guten und Redlichen, früher oder ſpäter zu Schanden werden. Blickt Alle gerad über euch zum Himmel! Merkt euer Auge, ihr Scharfſichtigſten, in klarer, durchſichtiger Bläue et⸗ was Anderes, als ſchwimmende Wolkenflöckchen und auf gebreitetem Fittig ruhend den Aar?“
„Nichts! nichts!“ klang die allgemeine Ant⸗ wort zurück.
„Und doch,“ fuhr Kornelius fort,„fkönnte ein Vöglein auf einer dort oben geſpannten, unſerm Auge nicht abreichbaren Brücke von Burg Mödlitz bis Wildſtein ſchreitend gelangen, ohne einen Fit⸗ tig zu regen— ein weißer, dünner Draht aus Tellurmetall, das Wind und Wetter nicht ſchädigen können, verbindet beide Schlöſſer über Hügel und Thal als Glockenzug!“——
„Unmöglich! unmöglich!“ riefen die Hörer,„den müßte Satan Nachts im Flug von einer Zinne zur andern getragen haben!“
„Wohl Nachts! doch nicht Satan, ſondern ſein Werkzeug, ein Menſch von ſchwindelfreiem Auge und feſter Hand, der auf ſo ſicherer Unterlage ſtand, als der Aſt einer Buche oder Fichte ſie bietet. Nicht Fluges auch, ſondern angliedernd Stück für Stück, von einem Wipfel zum andern ward die Verbin⸗ dung hergeſtellt. Drauf ſchlug man mit ſcharfer Axt die nicht blos unnütz, ſondern auch gefährlich gewordnen, eine Entdeckung ermöglichenden Baum⸗ nachbarn um und legte die Halde in ganzer Strek⸗ kung an unſerer Seite bloß.“
„Das hat Eichkatze vermocht und kein An⸗
derer unter dem Monde!“ brach Kluger und nach
ihm Stimme auf Stimme los, als der Haupt⸗ mann geendet.„Der Belialsbube! die Teufelsbrut!“ fluchte es ringsum,„iſt er nicht liſtiger, als der Fuchs, heimtückiſcher, als der Steinmarder und un⸗ greifbarer, als die ſchlüpfende Giftnatter?“
Und wohl hat man Recht zu ſolchem Schluß und Ausbruch, denn durch die ſataniſche Schlau⸗ heit und Hinterliſt, die aalglatte, oft wie durch


