Heft 
(1859) 11 11
Seite
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350 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

werke in beliebiger Zeit angezündet, ſo daß das Boot indeſſen ohne alle Gefahr aus dem Bereiche des Schuſſes gleiten kann. Für die Perlenfiſcherei wird das Boot eine große Erleichterung bringen, ohne Gefahr die Perlen aufzuſuchen, die dem Taucher zu tief liegen, und würde mit Lichtern ſogar den Meeresboden erhellen, wo das Sonnenlicht nicht hindringen kann. Die größten Wun⸗ der dürfte das Boot im Kriege leiſten. Es würde in feindliche Häfen dringen, durch Röhren über dem Waſ⸗ ſer die genaueſten Erkundigungen der Werke und Flotten einziehen, Sprengladungen unter den Schiffen anbrin⸗ gen, ſich dann unbemerkt aus der Mitte der Feinde ſtehlen und in Kanonenſchußweite die Zeit ruhig ab⸗ warten, wo die feindliche Flotte gen Himmel flöge. Die neue Erfindung könnte den Seekrieg ganz unmög⸗ lich machen oder doch zu einemunterſeeiſchen um⸗ geſtalten.

Briefe, welche mit Oblaten oder mit Lach ver⸗ ſchloſſen ſind, laſſen ſich öffnen und wieder ſchließen, ohne daß Spuren dieſer Manipulation beim Empfange wahrzunehmen ſind. Will man ſeine Briefe gegen un⸗ berufene Eindringlinge ſicher ſtellen, ſo muß man zu⸗ erſt eine Oblate anwenden, in das Papier, welches ſie bedeckt, eine Oeffnung von etwa zwei Linien im Durch⸗ meſſer anbringen und darüber den Brief verſiegeln. Lack und Oblate verbinden ſich dann in einer Weiſe, welche weder durch feuchte, noch trockene Wärme zu löſen iſt: der Brief muß nothwendig aufgeriſſen werden und die Spuren davon ſind nicht zu vertilgen.

Zur Geſchichte der Moden.

In der Limburger Chronik heißt es zum Jahre 1389:Fürder trugen die Männer Aermel an Wamm⸗ ſen und anderer Kleidung, die hatten Stauchen(Hän⸗ geärmel) beinahe auf die Erde. Und wer die allerläng⸗ ſten trug, der war der Mann. Doch kann man noch eine viel größere Zahl von Exzentrizitäten jener Zeit zuſchreiben, denn weiter wird uns auch erzählt von über⸗ mäßigem Beſatz der Kleider mit Knöpfen, von denen für eines oft drei bis vier Schock verwendet wurden, von Halsbändern und ausgeſtopften Bruſtlätzen der Männer, gleich Weiberbuſen, ferner von Schuhen mit ellenlangen Spitzen, die ungefähr die Form von Storch⸗ ſchnäbeln annahmen und gegen welche im Jahre 1480 ſogar eine päpſtliche Bannbulle eiferte, dann von der Schellentracht, welche Mewegs blos das handwerks⸗ mäßige Zeichen der Narrenzunft geweſen iſt, ſondern die aus dem Uebermaß der Luſt, die damals an Höfen und in Städten herrſchte, oder aus der Abſicht der hohen Herren entſtand, ihr Kommen ſchon von fern durch Geklingel Zfl verkündigen. Wie ſehr man ſchon damals die Natur zu verfälſchen liebte, das erſieht man aus Peter Suchenwirts Worten:Baumwolle legſt du dir vor und ziehſt dich ein in den Seiten, daß du ſchlank biſt; du thuſt dir ſelbſt weh und biſt ein Spott, und machſt dich anders, als dich Gott nach ſeinem Bilde ge⸗ ſchaffen hat. Früh und ſpät ſchmierſt du dein Antlitz ein; deine Stirn glitzert und Salben durchziehen deine Wangen, daß du falſcher Farbe Schein giebſt. Auch fremdes Haar bindeſt du ein, und machſt deine Zähne anders, als ſie dir Gott gegeben hat, lang, ſpitz und krumm wie des Teufels Naſe.

Die Pluderhoſe in ihrer koloſſalſten Geſtalt hat man ſich folgendermaßen vorzuſtel⸗ len: Die nur bis zum Knie herabgehende Hoſe, welche von feſterem Stoff war, wurde von oben herab in lauter ſenkrechte Streifen rundherum zerſchnitten, welche oben und am Knie zuſammenhingen. Um das Bein herum zog man durch dieſe Schlitze eine ſolche Menge leichteren und andersfarbigen Stoffes, daß er

aus den Oeffnungen heraus in dichten faltigen Maſſen bis gegen die Füße herabfiel. Man ging endlich ſo weit, für ein Paar ſolcher Hoſen 100, 130, ja ſogar 200 Ellen Zeug zu verbrauchen, und es iſt zu denken, daß dadurch die Pluderhoſe ein ſehr koſtbares Kleidungsſtück wurde. Welches Aufſehen und welche Indignation dieſe renom⸗ miſtiſche Tracht bei der ganzen anſtändigen und ſolid⸗ denkenden Welt erregte, kann man ungefähr daraus er⸗ meſſen, daß von der Kanzel herab, ſowie in eigens zu dem Zwecke geſchriebenen Flugſchriften gegen ſie geeifert wurde. Des Andreas MuskulusHoſenteufel iſt vor Allem bekannt geworden und ſehr hübſch ſagt derſelbe: Es rauſchte, wenn die Hoſenhelden kamen, als wenn der Elbſtrom durch die Brücke oder über ein Wehr iefe.

Unter Ludwig XIV. gelangte die Perücke, d. h. die Allongenperücke zur abſoluten Herrſchaft,der gefeierte Liebling der Zeit, das Schlagwort, der prägnanteſte Ausdruck ihres ganzen Weſens. Das Charakteriſtiſche der Perücke dieſer Zeit beſteht darin, daß ſie nicht einen Mangel der Natur verheimlichen ſoll, ſondern der Natur zum Trotz in der Falſchheit ihre eigentliche Be⸗ deutung hat. Sie negirt das Eigenhaar; es muß fallen, damit die Perücke, ein Werk der Mode, Platz findet. Ludwig XIV. ſelbſt widerſtrebte in ſeiner Jugend der neuen Mode, indeß, als ſie ſich für ihn aber als Be⸗ dürfniß herausſtellte, trug er⸗ kein Bedenken mehr, ſich ſelbſt die Perücke aufzuſetzen. Nun griff er in ſeiner Weiſe abſolutiſtiſch durch. Im Bahre 1655 ernannte er auf einmal achtundvierzig Hofperruquiers, und im näch⸗ ſten Jahre errichtete er für Paris und die Vonſtädte eine Innung derſelben, zweihundert an der Zahl. Das war ein Staatsſtreich, mit dem er auf einen Schlag Frankreich die unbedingte Herrſchaft in der ganzen mo⸗ diſchen Welt ſicherte. In Deutſchland hatten bis zu die⸗ ſer Zeit, alſo bald nach der Mitte des 17. Jahrhunderts, alle ehrbären Leute wenn auch langes, doch ihr eigenes Haar getragen; nur das bedürftige Alter und nament⸗ lich die ſtutzerhafte Jugend, deren Augen auf Frank⸗ reich gerichtet waren, hatten vorbedeutende Ausnahmen gemacht. Das Edikt Ludwigs XIV. bezeichnete auch für Deutſchland den Umſchwung, denn die Fürſten desſelben folgten eiligſt ſeinem Beiſpiel. Bald trugen die ſämmt⸗ lichen Höfe bis zum Lakaien herab die Perücke. Von hier verbreitete ſie ſich über die ganze modiſche Welt vom Edelmann zum vornehmen Bürger, zum Gelehrten und Studenten, ja nicht ſelten bis zum Handwerks⸗ mann. Das war geſchehen, ehe noch zwei Jahrzehnte verfloſſen. Nur allein die Geiſtlichkeit, welche vor der Hand auch die einzige und heftige Oppoſition bildete, machte noch kurze Zeit eine Ausnahme. In ihrer voll⸗ ſten Schönheit und Größe war die Perücke ein koſtba⸗ rer Putz, in der ſie wohl auf tauſend Thaler zu ſtehen kam. So zierte ſie freilich nur die hohen Häupter dieſer Erde, und ihnen war ſie der Nimbus der Hoheit, Würde und Majeſtät, und indem man des mähnenum⸗ lockten Löwen gedachte, des Königs der Thiere, verknüpfte ſich mit ihr der Begriff allesbezwingender Stärke.

Kurioſa.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts ſtritt man in öffentlichen Blättern dreizehn Jahre lang, ob man nicht wohlthue, Allem, was man vom Gauner⸗Ge⸗ ſindel bekommen könne, das Trommelfell zu ſprengen, um dasſelbe taub und zur weitern Kommunikation unter ſich unfähig zu machen. In Frankreich hielt ſich zu Anfange dieſes Jahrhunderts im Departement des Var eine Diebsbande auf, gegen welche alle Bemühungen der Behörden ſich fruchtlos zeigten, bis es dem Präfekten gelang, einen entſchloſſenen Vertrauten zu gewinnen, welcher mit den Räubern ſcheinbar gemeinſchaftliche