Heft 
(1859) 11 11
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352 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

den Kulturbeſtrebungen auch politiſche Zwecke verfolgte, und im Vereine mit den Häuſern der liberalen Ariſtokratie, Balbo, Franchi, Santa⸗Roſa u. A. gab er dasRisorgimento, eine Zeitſchrift heraus, welche für den gemäßigten Fortſchritt wirkte und ſchon vor der Bewegung des Jahres 1847 konſtitutionelle Ideen verbreitete. Selbſtverſtändlich betheiligte er ſich auch an der Bewegung lebhaft, und gehörte zu den Unterzeichnern der Adreſſe, welche vom König Karl Albert eine Verfaſſung erbat. In die Kammern gewählt, trat er während des erſten Jahres des Parlamentarismus in Sardinien nicht ſehr hervor, wenn auch ſeine Geſchäftstüchtigkeit Gelegenheit genug fand, ſich zu bethätigen. Als in der Kammer von 1849 das Zentrum all⸗ mälig das Uebergewicht über die beiden extremen Richtungen demokratiſche Linke und klerikale Rechte gewann, wuchs auch die parlamentariſche Bedeutung des Grafen Cavour, und im Jahre 1849, als die Kammer den Friedensvertrag mit Oeſterreich nicht unbedingt annehmen wollte und deßhalb aufge⸗ löst wurde, berief ihn Marquis d'Azeglio in das Miniſterium.

Cavour übernahm das Portefeuille des Handels, und er war es, der dem Miniſterium durch die Verbindung mit beiden Zentren der Kammer eine feſte parlamentariſche Stütze verſchaffte. Zu Anfang 1851 übernahm er auch die Verwaltung der Finan⸗ zen. Nur ein Mann von bedeutender Kapazität, Erfahrung und Energie konnte dieſer Stellung gewachſen ſein. In dem Augen⸗ blicke, da Sardinien erſt aus langer Erſtarrung zu politiſchem und wirthſchaftlichem Leben erwachte, wurde es ſogleich in einen ſo unheilvollen Krieg verwickelt, welcher die über Vermögen ange⸗ ſpannten Kräfte des Landes zerrütten mußte; nun ſollten dieſe friſchen Wunden geheilt und zugleich die größten Anſtrengungen gemacht werden, damit ſich Piemont auf dem einmal eingenomme⸗ nen Platze in der Reihe europäiſcher Staaten behaupte. Ca⸗ vour hat in dieſer Beziehung alles mögliche aufgeboten, er refor⸗ mirte im Innern nach freihändleriſchen Grundſätzen, baute Stra⸗ ßen und Eiſenbahnen, ſchloß Handelsverträge mit den benachbar⸗ ten Staaten. Aber gerade die letzteren gaben Anlaß zu heftigen Angriffen auf den Finanzminiſter, da man in Sardinien wie in allen an's Prohibitivſyſtem gewöhnten Ländern, ſich dem Auslande gegenüber beeinträchtigt glaubte.

Die Verfolgung der freiſinnigen Handelspolitik brachte es mit ſich, daß Cavour in den fortgeſchrittenen Fraktionen der Kam⸗ mer ſeine eigentliche Stütze fand, während ſeine Kollegen, wenn auch der liberalen Partei angehörig, wie er, ſich mehr der rechten Seite der Zentrums zuneigten. So geſchah es, daß die beiden leitenden Perſönlichkeiten des Miniſteriums d'Azeglio und Cavour, jede ihre eigene Partei in der Kammer hatten, und zwar überwog die des Finanzminiſters allmälig die des Miniſterpräſidenten. Die aus dieſem Verhältniſſe erwachſende Differenz im Schooße des Miniſteriums wurde durch den Austritt Cavours gelöſt (Anfangs 1852)..

Dem Miniſterium war dadurch eine wichtige Stütze ent⸗ zogen, und ſchon im Oktober desſelben Jahres ſah es ſich ge⸗ nöthigt, abzudanken. Den äußeren Anlaß gab der bekannte Zwieſpalt mit dem päpſtlichen Stuhle bezüglich der Kirchengüter. Der König ſchwankte längere Zeit, in weſſen Hände er das Staatsruder geben ſollte, aber keine der konſervativen Fraktio⸗ nen hielt ſich für ſtark genug, um in dieſer Kriſis eine Ver⸗ waltung zu bilden, ohne von den bisher befolgten Regierungs⸗ grundſätzen im weſentlichen abzuweichen. Man mußte ſich an das linke Zentrum, das heißt an Cavour wenden. Derſelbe bildete das Miniſterium und übernahm neben der Präſtdentſchaft in demſelben zunächſt wieder das Portefeuille der Finanzen. Jetzt wurde Graf Cavour nicht nur die Seele des Kabinets, er war eigentlich das Kabinet ſelbſt; es iſt kaum ein Departe⸗ ment, dem er nicht zeitweilig wenigſtens vorgeſtanden hätte. Seine erſte Sorge war, ſich durch Verſchmelzung der Zentren wieder eine kompakte Majorität in der Volksvertretung zu ſichern. Nun ging er auf dem Wege weiter, deſſen Berfolgung ſein Vorgänger nicht durchgeſetzt hatte. Trotz des heftigen Wider⸗ ſtandes des Papſtes und der Geiſtlichkeit im Lande führte er

den Verkauf der Kirchengüter durch und nahm der Geiſtlichkeit das ausſchließliche Vorrecht des Unterrichts. Weitere Schritte wurden wohl nur vorläufig aufgeſchoben, da andere Pläne ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen.

Die Idee der ſardiniſchen Hegemonie in Italien, welche zwar ſeit 1848 nie ganz verſchwunden war, ſich aber ſeit No⸗ vara nicht offen hervorgewagt hatte, wurde durch den Grafen Cavour zum neuen Leben erweckt. Selbſtverſtändlich hieß der erſte Schritt zu dieſem Ziele: Losreißung der Lombardie von Oeſterreich. Niemand wird dem Grafen Cavour abläugnen kön⸗ nen, daß er mit reiflicher Ueberlegung, langſam aber ſicher auf ſein Ziel losſteuerte. Zu dem Zwecke mußte er ſich von einem Grundſatze des Marquis d'Azeglio losſagen, der dieſem von je her zum höchſten Ruhme angerechnet worden war: Beſeitigung des franzöſiſchen Einfluſſes. Wenn Cavour die Vertreibung der Fremden predigt, ſo meint er damit ſtets nur die Deutſchen; wenn er gleichzeitig die Franzoſen ins Land ruft, ſein Vater⸗ land der Gefahr ausſetzt, eine franzöſiſche Provinz zu werden, ſo befolgt er darin nur eine Politik, welche ſeit tauſend Jahren in Italien ſich forterbt und unheilvolle Früchte bringt.

Durch die an ſich unnütze und dem Lande ſchwere Opfer auferlegende Theilnahme am orientaliſchen Kriege verpflichtete Sardinien ſich die Weſtmächte und hatte die Genugthuung, in Paris mit den Großmächten tagen zu dürfen. Da tauchte zum erſtenmal wiederdie italieniſche Frage auf. Wie dieſelbe wei⸗ ter geſponnen worden iſt, über das befeſtigte Aleſſandria, den Hafen von Villafranca, die freiwillige Botmäßigkeit gegen den Willen Frankreichs bis zu den Rüſtungen und dem Ausbruche des Krieges gegen Oeſterreich das liegt Allen in friſcher Erinnerung. 3

Graf Cavour wird in ſeinem Aeußeren als einbehäbi⸗ ger Bourgeois geſchildert, doch verrathe bald ein feines, iro⸗ niſches Lächeln den Mann von Welt. Als Redner iſt er trocken, ſchwunglos, mit ſcharfem, unangenehmen Organ, aber außer⸗ ordentlich klar und ſchlagfertig.

Rebus von Fr. Joſ. Aill.

Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt. Papier und Druch des art⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.

Ausgegeben am 15. Mai 1859.